„Euthanasie“ und das Erbe meiner Großmutter | #femaleheritage

Malen wider das Vergessen – das ist Hannah Bischofs Weg, um den „Euthanasie“-Tod ihrer Großmutter zu verarbeiten und ihr  die von den Nationalsozialisten genommene Würde zurückzugeben. Mit ihren Gemälden „Zyklus für Maria“ wendet sie sich gegen das Unrecht von Ausgrenzung und Abwertung von Menschen. Von ihren Beweggründen und Absichten schreibt die Malerin im heutigen Gastbeitrag zur Blogparade #femaleheritage

Meine Großmutter – Opfer der Euthanasie im Nationalsozialismus

Wenn ich an ein weibliches Erbe denke, an das Erbe meiner Familie, so denke ich an Gewalt, Vergessen und wieder Erinnern. Ich denke an meine Großmutter, die von den Nationalsozialisten 1942 im Wege der sog. „Euthanasie“ ermordet wurde. Die Mutter meines Vaters, Maria Fenski, geboren als Maria Eissing am 14.8.1905 in Papenburg an der Ems, litt an Schizophrenie und wurde deswegen von den Nationalsozialisten in der Landesanstalt Neuruppin durch Hunger ermordet. 

Speziell für psychatrischen Anstalten war die Hungerkost entwickelt worden, die keinerlei Nährstoffe enthielt, um die Patient*innen gezielt binnen weniger Monate zu töten.

Maria ist eines von vielen bisher ungenannten und nicht bekannten Opfern der  „Euthanasie“-Morde bzw. der sog. „T4-Aktion“, benannt nach der Villa in der Tiergartenstraße Nr. 4 in Berlin. Hier wurden die „Euthanasie“-Morde geplant und angeordnet. 

Maria Fenski in den Zwanziger Jahren. Opfer der Euthanasie. #femaleheritage
Maria Fenski in den Zwanziger Jahren. Opfer der Euthanasie. #femaleheritage

Viele Menschen wissen heute immer noch nicht, dass die Tötungen von körperlich und geistig Behinderten – „unnütze Esser“ oder „Ballastexistenzen“ – durch Medikamentenüberdosierung, Giftspritzen oder systematisches Verhungernlassen zu den ersten gezielten Massenmorden der Nationalsozialistengehörten. Diesem Morden gingen mediale Kampagnen voraus, um die betroffenen Gruppen gesellschaftlich auszugrenzen und zu stigmatisieren. 

Diese Vorgehensweise zur Ausgrenzung politisch nicht gewollter Gruppierungen ist nicht ausgestorben, im Gegenteil: In Deutschland und in Europa sind rechte Parteien und Verbände auf dem Vormarsch. Sie schüren bewusst Ressentiments gegen andere Religionen und sog. „Fremde“ und wecken oder verstärken Ängste . Diese Mechanismen und Denkmuster führen zu Ausgrenzung und Stigmatisierung. Sie behindern das friedliche Zusammenleben in einer Gesellschaft und leisten Aggressionen und Gewalt Vorschub; deshalb ist das Erinnern wichtig, um solche Muster verstehen und bekämpfen zu können. 

Es darf nie wieder passieren, dass Menschen nach ihrem „Wert“ oder „Unwert“ für eine Gesellschaft bemessen werden, egal ob sie einer anderen Religion angehören, an einer Krankheit leiden oder eine politische oder sexuelle Identität haben, die mit der herkömmlichen „Norm“ nicht übereinstimmt.

„Die rote Mühle“ – Anfang und Ende von Marias Leben
„Die rote Mühle“ – Anfang und Ende von Marias Leben

Die rote Mühle ist ein Wahrzeichen von Papenburg und heute immer noch erhalten. Hier begann das Leben von Maria, und in den Häusern der psychiatrischen Landesanstalt von Neuruppin, der ehemaligen „Irrenanstalt“ (hinten am Horizont auf dem Bild erkennbar), endete es. 

Das Erbe meiner Großmutter – Malen wider das Vergessen

Ich, Marias Enkelin, bin Malerin geworden. Aus der Geschichte meiner Großmutter, die ich erst mit 16 oder 17 Jahren erfahren habe, weil sie in meiner Familie tabuisiert worden war, ist eine „Bild-Geschichte“ geworden, ein „Zyklus für Maria“, der ihren Lebensweg in 16 Gemälden zeigt. Ergänzt durch sieben Schwarz-Weiß-Fotos entstand daraus eine Ausstellung, die ich seit 2016 an verschiedenen Orten in der Bundesrepublik zeige; im Januar 2021 in Bremen. 

Die Verarbeitung meiner persönlichen Familiengeschichte durch die Umsetzung in Malerei, in Kunst, ist eine Möglichkeit, sich diesem Thema der Ausgrenzung zu nähern und sich damit auseinanderzusetzen. Ich begreife meine Ausstellung als ein politisches und zugleich privates Engagement dafür, dass sich ein solches Unrecht nicht wiederholt. Die Ausstellung ist gleichzeitig eine Aufforderung an die Gesellschaft, Ausgrenzung und Abwertung von Menschen nicht hinzunehmen, sondern zu bekämpfen.

Und das ist für mich das Erbe meiner Großmutter. Zugleich habe ich sie mit meiner Ausstellung, mit meinen Bildern wieder sichtbar gemacht; sie ist nicht mehr vergessen, ich habe an sie erinnert. Und ich habe ihr wieder die Würde zurückgegeben, die ihr die Nationalsozialisten genommen hatten.

Die drei Besucher. Hannah Bischof.
Die drei Besucher. Hannah Bischof.

Das Bild steht für den Besuch meines Großvaters bei meiner Großmutter, zusammen mit meinem Onkel und meiner Tante in der Psychiatrie in Berlin-Lichtenberg.

Weitere Informationen zu Maria und anderen „Euthanasie“-Opfern findet man auf der Website www.gedenkort-t4.eu

Und die Bilder der Ausstellung stehen auf meiner Website www.hannah-bischof.de

Autorin: Hannah Bischof

Hannah Bischof im Atelier. Malen wider das Vergessen
Hannah Bischof im Atelier. Malen wider das Vergessen

Vielen herzlichen Dank für diesen persönlichen Einblick in das Schicksal Ihrer Großmutter zur Blogparade #femaleheritage.


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