Essays und Tagebücher

Reading Challenge im Juni

Es ist vielleicht kein Zufall, dass in den vergangenen Jahren vermeintlich randständige Gattungen wie die Lyrik oder eben die Essayistik mehr und mehr Aufmerksamkeit bekommen haben. Instagram befördere das Gedichtelesen in Großbritannien las man jüngst, und zweifellos verdankt man es dem Internet, dass sich sowohl die Sehnsucht nach als auch die Verfügbarkeit von unkonventionellen Texten merklich erhöht hat. Kommt hinzu, dass Essays – und das teilen sie mit den Tagebüchern – auf der Grenze zwischen Fakten und Fiktion stattfinden – einer Unterscheidung, mit der sich die Welt ja in vielen Bereichen gerade ziemlich schwer zu tun scheint. Wie Autorinnen und Autoren versuchen, die Welt in den Griff und damit in den Begriff zu bekommen – das interessiert uns an dem Juni-Thema der diesjährigen Reading Challenge „Essays und Tagebücher“. Welches Buch habt ihr euch vorgenommen?

(Ein Klick aufs Cover führt euch direkt in unseren Onlinekatalog zum Ausleihen oder Vormerken)


Doris Lessing: Das goldene Notizbuch

„Das goldene Notizbuch“ von Doris Lessing ist bereits 1962 erschienen und immer noch faszinierend. Ein Buch zum Wiederlesen und eine Anregung, selbst Tagebuch zu schreiben.

Die Hauptfiguren sind zwei alleinlebende Frauen um die vierzig. Beide sind geschieden und haben je ein Kind. Es sind selbstbestimmte Frauen und darin sehr modern für ihre Zeit. Dennoch definieren sie sich stark über ihre verschiedenen Männerbeziehungen. Molly ist Schauspielerin, Anna Schriftstellerin. Letztere führt gleich vier Tagebücher nebeneinander: ein rotes, ein schwarzes, ein gelbes und ein blaues. Sie will Chaos vermeiden, alles getrennt halten. Und so erzählt sie über ihr politisches Engagement als Kommunistin, ihren Aufenthalt in Südafrika, ihre (meist chaotischen) Männerbeziehungen, ihre Psychotherapie, ihren Erfolg als Schriftstellerin und die Folgen. Erst am Schluss des Romans ist sie fähig, ihr Leben als Ganzes zu sehen und ein einziges (nämlich das goldene) Notizbuch zu führen.

Annette / Stadtbibliothek Maxvorstadt


Thomas Bernhard: Meine Preise

Thomas Bernhard, der „begnadete Misanthrop“, erzählt von Preisverleihungen. Er hat in seinem Leben viele Literaturpreise angeboten bekommen, aber nicht jede ihm zugedachte Ehrung auch angenommen. Die Erinnerungen an seine Preise, die damit verbundenen Würdigungen und eingie seiner Dankesreden hat er kurz vor seinem Tod 1989 in einem schmalen Band zusammengefasst.

Würdigungen durch Literaturpreise stürzten Bernhard in Sinnkrisen. Einerseits hatte er einen tiefen Widerwillen gegen Ehrungen jeglicher Art, und manches Angebot empfand er eher als Schmach denn als Auszeichnung; andererseits waren die damit verbundenen Preisgelder eine willkommene Einnahmequelle. Die Preisverleihungen verliefen mehr oder weniger zufriedenstellend für ihn. Bei der Verleihung des „Österreichischen Staatspreises für Literatur“ erfährt der staunende Autor in der Rede des Laudators, dass er einen Roman geschrieben hat, der auf einer Südseeinsel (!) spielt. Diese Verleihung endet dann auch mit einem Eklat, in dessen Verlauf der Minister und seine Mitarbeiter empört den Saal verlassen. Einzig mit der Verleihung des Literaturpreises der Bundeswirtschaftskammer für seinen Roman „Der Keller“ ist er wirklich zufrieden. Hier fühlt er sich während der Preisverleihung unter Kaufleuten sehr viel wohler als in der Gesellschaft von Politikern und Kulturschaffenden.

Und so sind diese Gedanken zu Ehrungen, zum Kulturbetrieb in Österreich und Deutschland höchst vergnüglich aber auch erschreckend aktuell zu lesen, etwa wenn Bernhard bei einer Preisverleihung als ein in Holland geborener Ausländer vorgestellt wird, der „aber jetzt schon seit einiger Zeit unter uns lebt“.

Waltraud / Stadtbibliothek Am Gasteig


Ich möchte zwei Bücher empfehlen, die bislang (soweit ich weiß) in keiner Geschichte des Essays vorkommen, nämlich: Gisela Elsner und David Foster Wallace.

Gisela Elsner: Kritische Schriften

Gisela Elsner mag ich für ihre Wut. Ihre Wut darüber, wie die Nationalsozialisten ein Land nicht nur buchstäblich, sondern auch intellektuell in Schutt und Asche gelegt haben. Und ihre Wut darüber, dass Frauen gar nicht erst ernst genommen werden als gleichberechtigte Denk- und Gesprächspartnerinnen. „Obwohl die ernstzunehmenden Schriftstellerinnen in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr offen diskriminiert werden, lässt sich ihre Situation nach wie vor nicht als beneidenswert bezeichnen“, beginnt Elsners Text „Autorinnen im literarischen Ghetto“, den sie 1983 publiziert und von dem immer noch vieles wahr ist. Zwei Bände umfassen die „Kritischen Schriften“, und vielleicht darf man nicht alle als vorschriftsmäßige Essays begreifen. Aber lohnenswert ist die Lektüre in jedem Fall!

David Foster Wallace: Der Spaß an der Sache

David Foster Wallace wiederum ist für mich aktuell der Godfather of Essay. In einem dicken, silbern glänzenden Band hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch die Essays des US-amerikanischen Schriftstellers versammelt, und gerade denjenigen, die sich mit den Romanen von Wallace schwer tun (wofür man sich wirklich nicht schämen muss!), seien die Essays unbedingt empfohlen, weil sie zugleich idealtypisch und singulär sind. Man lernt eine Menge beim Lesen – etwa über Tennis, was mich bislang nie sonderlich interessierte -, und vor allem sieht man einem Schriftsteller beim Denken zu. Der Text „Autorität und amerikanischer Sprachgebrauch“ zum Beispiel ist heute fast noch aktueller als 2001, als er erstmals erschien: Wer sagt, wie wir zu sprechen haben und warum?

Katrin / Digitale Kommunikation


Aktuelle Neuerscheinungen: Tagebücher

Emil Ferris: Am liebsten mag ich Monster

Vor dem Hintergrund des politisch turbulenten Chicago der späten sechziger Jahre erzählt die zehnjährige Karen Reyes die Geschichte ihrer Monster in Form eines fiktiven, gezeichneten Tagebuchs, das sich der Bildersprache von Horror-B-Movies und Grusel-Groschenheften bedient. Panini, 420 Seiten, übersetzt von Torsten Hempelt

Rezension in der ZEIT

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Lion Feuchtwanger: Ein möglichst intensives Leben. Die Tagebücher

Zum ersten Mal gedruckt: Lion Feuchtwangers im Verborgenen geführte Tagebücher aus den Jahren 1906 bis 1940. Entdeckt wurden sie erst in den neunziger Jahren in Los Angeles in der Wohnung seiner Sekretärin, wo er sie in der McCarthy-Ära wohl ihrer Brisanz wegen versteckt hatte. Die vorliegende Edition basiert auf der Transkription der Handschrift und einer mühevollen Entzifferung sämtlicher in Kurzschrift verschlüsselten Teile. Aufbau, 640 Seiten

Rezension im Deutschlandfunk

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Szczepan Twardoch: Wale und Nachtfalter

„Wale und Nachtfalter“ ist ein außergewöhnliches Denk- und Reisetagebuch. Große Erzählkunst – und zugleich ein lebenspralles Bild unserer Zeit. Szczepan Twardoch schreibt nicht nur aufregende Romane, sondern beobachtet die Welt intensiv, mit allen Sinnen und in unterschiedlichen Rollen: als Autor, als Vater und als Reisender in abenteuerlichen Weltgegenden. Rowohlt, 256 Seiten, übersetzt von Olaf Kühl

HR-Audio-Rezension

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Aktuelle Neuerscheinungen: Essays

Martin Amis: Im Vulkan

Martin Amis porträtiert Salman Rushdie, Steven Spielberg oder Donald Trump, schreibt über Kafka oder Cervantes, über die schwarzen Löcher und toten Winkel unserer Gesellschaft. Seine Stimme bekommt eine sentimentale Tiefe, wenn er von der Königsfamilie erzählt, er begleitet Tony Blair zu Angela Merkel, beobachtet das gleichzeitige Heranströmen von Oktoberfestbesuchern und Flüchtlingen in München, schreibt über nukleare Aufrüstung und den Krieg gegen das Klischee, stets die Zwischenräume, Auslassungen und Verzerrungen unseres Denkens im Blick. Kein & Aber, 320 Seiten, übersetzt von Joachim Kalka

Rezension in der Neuen Zürcher Zeitung

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Hannah Arendt: Sechs Essays – Die verborgene Tradition

Drei Jahre nach dem Ende des Krieges, fünfzehn Jahre nach ihrer Flucht aus Deutschland erschienen Hannah Arendts „Sechs Essays“. „Es fällt ja heute einem Juden nicht leicht, in Deutschland zu veröffentlichen“, so heißt es auf der ersten Seite. Auch wenn Arendt die hier gesammelten Texte in ihrer Muttersprache verfasste, sind sie aus der Sicht des Exils geschrieben. Sie entwerfen eine „verborgene Tradition“, in der die Stimmen von Heinrich Heine und Franz Kafka, von Bernard Lazare und Stefan Zweig zu hören sind. Wallstein, 503 Seiten

SWR-Audio-Rezension

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Siri Hustvedt: Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen

Die im vorliegenden Band versammelten, ebenso klarsichtigen wie radikalen Essays legen eindrucksvoll Zeugnis von ihren vielfältigen Talenten ab. Der erste Teil untersucht die Fragen, die mitbeeinflussen, wie wir Kunst und die Welt im Allgemeinen sehen und beurteilen: Fragen der Wahrnehmung, Fragen des Geschlechts. Grundlagen dieser Diskussion sind etwa Werke von Picasso, de Kooning, Jeff Koons, Louise Bourgeois, Anselm Kiefer, Robert Mapplethorpe, Susan Sontag und Karl Ove Knausgard. Der zweite Teil befasst sich mit neurologischen Störungen und, unter anderem, mit den Rätseln von Hysterie und Synästhesie sowie mit der Selbsttötung. Rowohlt, 528 Seiten, übersetzt von Uli Aumüller und Grete Osterwald

Rezension in der Süddeutschen Zeitung

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Enis Maci: Eiscafé Europa

Wie könnte Widerstand heute aussehen? Auf der Suche nach einer Antwort zieht Enis Maci eine Linie von Jeanne D’Arc über Sophie Scholl zu den albanischen Schwurjungfrauen. Sie entlarvt die medialen Strategien der Identitären als Travestie, befragt Muttersprache und Herkunft, reist nach Walhalla und blickt dort auf die Büste der in Auschwitz ermordeten Nonne Edith Stein. Sie verweilt in den sozialen Randzonen und verwebt die losen Zipfel erzählens-notwendiger Dinge zu einem dichten Panorama europäischer Gegenwart. Das Außerordentliche überkreuzt sich in ihren Essays mit dem Alltäglichen, das Private mit dem Politischen. Suhrkamp, 240 Seiten

Rezension in der ZEIT

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Zadie Smith: Freiheiten

Zadie Smith ist nicht nur Autorin vieler hochgelobter Romane, sondern sie brilliert auch besonders in dieser kurzen Form, den Essays. Der vorliegende Band zeigt sie politischer denn je, denn Zadie Smith hat viel zu sagen über die zunehmend bedrohliche Verfasstheit der Welt und der Gesellschaft und bezieht sehr persönlich Stellung. Kiepenheuer & Witsch, 512 Seiten, übersetzt von Tanja Handels

Rezension in der WELT

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Foto: Philipp Cordts on Unsplash

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