Wer war Erna Goldstein? – ein Briefwechsel im Nachlass von Waldemar Bonsels | #femaleheritage

Der Briefwechsel mit Erna Goldstein im Nachlass von Waldemar Bonsels wirft mehr Fragen auf als er Antworten gibt. Christina Lemmen begibt sich auf biografische Spurensuche in seinem Nachlass – eine definitiv kriminologische Archivarbeit und ein  faszinierender Beitrag zur Blogparade #femaleheritage.

Erna Goldstein – eine mysteriöse junge Frau

Bei der Digitalisierung des Nachlasses von Waldemar Bonsels stoße ich auch auf den Briefwechsel zwischen ihm und Erna Goldstein. 75 Briefe umfasst die Korrespondenz, die sich über 16 Jahre erstreckt, von 1923 bis 1940. Besonders die von Erna Goldstein beigelegten Fotos wecken meine Aufmerksamkeit. Eine junge, elegante Frau mit dunklem Bubikopf, schmalem Gesicht und zartem Lächeln blickt mir entgegen. Auch einige Landschaftsaufnahmen und Bilder, die sie in künstlerisch-tänzerischen Posen zeigen, sowie eine Aktaufnahme in freier Natur sind darunter. Erna Goldstein scheint sich nahtlos einzufügen in die Reihe der schönen, klugen und künstlerischen Frauen, mit denen Bonsels sich gerne umgab.

Erna Goldstein, um 1923; Signatur: WB B 239, Waldemar-Bonsels-Stiftung, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia] #femaleheritage
Erna Goldstein, um 1923; Signatur: WB B 239, Waldemar-Bonsels-Stiftung, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia] #femaleheritage

Um zu klären, ob die Briefe und Fotos auf www.monacensia-digital.de veröffentlicht werden dürfen, muss ich herausfinden, wie lange Erna Goldstein gelebt hat und ob es vielleicht NachfahrInnen gibt, die über die Urheberrechte verfügen. Doch wer ist Erna Goldstein eigentlich? Wann wurde sie wo geboren? Wann und wo ist sie gestorben? Wie kam der Kontakt mit Waldemar Bonsels zustande? Der Nachname Goldstein könnte auf eine jüdische Herkunft hinweisen. Hat sie den Holocaust überlebt? 

Eine erste Internetrecherche bringt mich nicht weiter und so vertiefe ich mich in die Briefe, in der Hoffnung auf nähere Hinweise.

Schwärmerei aus der Ferne

Den ersten mir vorliegenden Brief sendet Erna Goldstein am 30. Oktober 1923 aus dem Kurort Schömberg bei Neuenbürg. Da sie von ihrer „Schwindsucht“ (Tuberkulose) berichtet, liegt die Vermutung nahe, dass sie für einen Kuraufenthalt dort ist. Der weitere Briefinhalt deutet darauf hin, dass diesem Brief bereits mehrere vorausgingen und Bonsels geantwortet hat. Auch diesen Brief beantwortet er freundlich und verspricht, ihr sein Buch „Narren und Helden“ über seinen Verlag zukommen zu lassen. Erna Goldstein ist tief beglückt über Brief und Buch. Ihre nun in Halbjahresabständen folgenden Briefe ähneln denen anderer Verehrerinnen Bonsels‘. Diese sehen in seinen Werken eine Offenbarung und projizieren romantische Liebesgefühle auf ihn, ohne ihn persönlich zu kennen. Ernas Verehrung scheint fast religiöser Natur zu sein: 

Ich hab‘ dich lieb, wie ich Christus liebhabe.[1]

Meist stellt sie sich als unverständig und unbedeutend hin, im Gegensatz zu seiner alles überragenden Größe. 

Erna Goldstein an Waldemar Bonsels, 12. August 1925; Signatur: WB B 239, Waldemar-Bonsels-Stiftung, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia
Erna Goldstein an Waldemar Bonsels, 12. August 1925; Signatur: WB B 239, Waldemar-Bonsels-Stiftung, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

In einem der wenigen Gegenbriefe mahnt Waldemar Bonsels, er sei an solchen Briefen nicht interessiert, sie male sich ein „Geistesbild“ aus, das der Realität nicht entspräche. Erna wünscht sich sehnlichst, ihm einmal persönlich zu begegnen. Und tatsächlich: Im Dezember 1926 – Bonsels hält sich für einen Vortrag in Stuttgart auf – schreibt er ihr: „Kommen Sie um 4 Uhr oder etwas nachher zu mir.“[2] Dieses Treffen scheint ihre Bewunderung noch zu vertiefen. Ihre Briefe werden flehentlicher, sie schickt ihm Fotos von sich – unter anderem das Aktfoto –, erbittet seine Kritik und schreibt „Du bist mein einziger, mein letzter Weg.“[3] Bonsels, der diese Gefühle nicht teilt, schreibt ihr nachsichtig: 

Eins weißt du nicht: daß ich dich sehr lieb gewonnen habe.[4]

Birke am Weg, Sommer 1926; Fotografin: Erna Goldstein; Signatur: WB B 239, Waldemar-Bonsels-Stiftung, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia #femaleheritage
Birke am Weg, Sommer 1926; Fotografin: Erna Goldstein; Signatur: WB B 239, Waldemar-Bonsels-Stiftung, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia #femaleheritage

Freundschaft und Einsamkeit in Starnberg

In einem Brief vom Juni 1927 scheint sich Erna Goldstein von Bonsels zu verabschieden: „Ich fühle, daß ich von nun an schweigen muß.“[5] und tatsächlich gibt es nun eine Lücke in den Briefen, die bis 1929 reicht. Dann kommen ihre Briefe aus Starnberg und damit aus unmittelbarer Nähe von Bonsels‘ Wohnort in Ambach. Sie wohnt in der Villa des Künstlers Paul Thiem, die nach dessen Tod zu einer Pension umgestaltet worden ist. Ist sie dort hingezogen, um Bonsels näher zu sein? Vielleicht stammt sie auch ursprünglich aus der Gegend, überlege ich. 

Die nun folgenden Briefe machen deutlich, dass die beiden sich auch gelegentlich treffen und Erna in Ambach zu Gast ist. Außerdem pflegt Erna Goldstein mit Bonsels’ Freundinnen Maja und Edith von Schrenck sowie Annie Pfeiffer freundschaftlichen Kontakt. Regelmäßig erhält sie Besuch von ihnen. Im Juli 1932 lehnt Erna eine Einladung von Waldemar ab, „weil du momentan in einer Welt lebst, in die ich nicht hineingehöre.“[6] Erna Goldstein scheint sich, wie es auch in den Briefen immer wieder anklingt, in ihre „Einsamkeitszelle“ zurückzuziehen. Vielleicht litt sie an Depressionen. So zumindest erscheint es mir. Ab Ende 1932 herrscht eine erneute, fast fünfjährige Korrespondenzpause. 

1937 hat Waldemar Bonsels Erna Goldstein seine neu erschienenen Bücher schicken lassen. Sie bedankt sich höflich, aber doch recht kühl. Seine Meinung scheint aber nach wie vor wichtig für sie zu sein. Die Briefe von beiden Seiten werden wieder regelmäßiger. Sie diskutieren über seine Bücher und christliche Themen. Die äußeren, politischen Umstände kommen nicht zur Sprache. Oder lassen sie sich, zwischen den Zeilen über Gott und Satan und Bonsels Äußerung über die „furchtbaren Gewitter der Zeit“, doch erahnen? 

Bonsels scheint ehrlich um Erna besorgt und versichert ihr: „Dessen sei gewiss in deiner Einsamkeit, die keine Verlassenheit sein wird, so lange ich lebe.“, und er zitiert aus seinem Roman „Mario“: „Gott stellt keine Fragen. Strahlt nur sein Licht in dir wider, so schließt er auf das helle Paradies. Sei ohne Furcht.“[7] Erna Goldsteins letzter Brief stammt vom Dezember 1939. Mit einem Schreiben Bonsels‘ vom 16. November 1940 endet der Briefwechsel. Darüber hinaus sind keine eindeutigen Hinweise auf Erna Goldstein im Nachlass zu finden. 

Traurige Gewissheit

Meine Frage, woher sich Erna Goldstein und Waldemar Bonsels kannten, ist nun also beantwortet. Was aus ihr geworden ist und ob ich die Briefe veröffentlichen darf, weiß ich jedoch noch immer nicht. Da sie mindestens bis 1939 in Starnberg gewohnt hat, wende ich mich mit den wenigen Informationen, die ich habe, an das dortige Standesamt. Tatsächlich bekomme ich schnell eine Antwort vom Stadtarchiv und die Kopie einer Meldekarte, die meine Befürchtungen bestätigt: Auf dem Dokument findet sich der Stempel „Jude“ und Erna Goldstein, die sich am 1. Oktober 1927 in Starnberg angemeldet hatte, war ab dem 20. Mai 1942 im Deportationslager Milbertshofen in der Knorrstraße 148 interniert. Außerdem erfahre ich, dass sie nicht verheiratet war und keine Kinder hatte. Anscheinend stellte sie am 28.12.1938 einen Passantrag. Wollte sie versuchen – vielleicht unter dem Eindruck der Novemberpogrome – aus Deutschland auszureisen?

Kopie der Meldekarte von Erna Goldstein; Quelle: Stadtarchiv Starnberg. Mit herzlichem Dank.]
Kopie der Meldekarte von Erna Goldstein; Quelle: Stadtarchiv Starnberg. Mit herzlichem Dank.]

Da ich Dank der Meldekarte nun auch Geburtsort und -datum (geb. 12. August 1887 in Aachen) kenne, kann ich online im „Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden 1933–1945“ des Bundesarchivs suchen. Hier erfahre ich, dass Erna Goldstein am 13. März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort später ermordet wurde. Auch im „Biografischen Gedenkbuch der Münchner Juden 1933–1945“ findet sich ein Eintrag zu Erna Goldstein mit umfangreicheren Informationen: Sie wuchs in Aachen auf, war Kunstgewerblerin, ihr Vater Arzt. Beide Elternteile starben früh – Mutter Karolina als Erna fünf Jahre alt war, der Vater Leopold 1918. Erna Goldsteins fünf Jahre jüngerer Bruder Hans wurde am 12. Oktober 1944 im KZ Flossenbürg ermordet.

Erinnerung und neue Fragen

Meine Eingangsfragen sind also nun beantwortet. Ich weiß, dass ich die Briefe online stellen darf, da seit Erna Goldsteins Tod mehr als 70 Jahre vergangen sind. Freude darüber will sich angesichts ihres Schicksals aber nicht so recht einstellen. Immerhin, so überlege ich jedoch, kann ich ihr so einen kleinen Raum geben und die Erinnerung an sie bewahren

Erna Goldstein mit Toga, 1926; Fotografin Erna Goldstein (Selbstauslöser); Signatur: WB B 239, Waldemar-Bonsels-Stiftung, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia #femaleheritage
Erna Goldstein mit Toga, 1926; Fotografin Erna Goldstein (Selbstauslöser); Signatur: WB B 239, Waldemar-Bonsels-Stiftung, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia #femaleheritage

Jetzt, nach der Lektüre der Briefe und mit dem Wissen um ihre Biografie, stellen sich mir allerdings mehr Fragen als zuvor: Warum war Erna Goldstein ausgerechnet nach Starnberg gekommen? Was tat sie dort 14 Jahre lang? Der Eintrag in der Meldekarte lautet: ohne Beruf. Konnte sie vom Erbe ihrer Eltern leben? 

Warum befinden sich im Nachlass von Waldemar Bonsels auch seine Briefe an Erna Goldstein? Hat sie ihm die Briefe zurückgegeben? 

Hat sie vielleicht vor der Internierung ihr Hab und Gut in Bonsels‘ geräumigem Haus untergestellt, wie es viele seiner Bekannten taten, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Häuser verlassen mussten? 

Hatte sie gehofft, ihren Besitz nach Ende des Krieges wieder abholen zu können? Da sie es nicht konnte: Befinden sich außer den Briefen vielleicht noch andere bisher unentdeckte Dinge von ihr in Bonsels‘ Nachlass? Wusste er von ihrer Inhaftierung und der Deportation? 

Diese Fragen werden sich wohl nicht mehr alle vollständig beantworten lassen. Falls aber jemand weitere Hinweise zu Erna Goldstein hat, freue ich mich sehr über eine Nachricht!

Autorin: Christina Lemmen, Waldemar-Bonsels-Stiftung, Monacensia im Hildebrandhaus

Vielen herzlichen Dank für diesen fesselnden Beitrag aus und zum Nachlass von Waldemar Bonsels – wir freuen uns auf weitere kriminologische Fundstücke daraus!

Weitere Artikel der Autorin hier im Blog:

  • Die Tänzerin Edith von Schrenck
  • Rose-Marie Bachofen und Waldemar Bonsels
  • „Wenn Sie ernst gegen sich selbst bleiben, so steht Ihnen Großes bevor“
  • Die Lyrikerin und Künstlerin Paula Rösler (1875-1941)

Christina Lemmen ist bei der Waldemar-Bonsels-Stiftung zuständig für die Digitalsierung und Veröffentlichung des literarischen Nachlasses von Waldemar Bonsels, die 2019 bis 2021 in einem Kooperationsprojekt mit der Monacensia erfolgt.

Zum Projekt: 

Bei der Digitalisierung des Nachlasses von Waldemar Bonsels für www.monacensia-digital.de rücken nicht nur dessen Manuskripte und Dokumente in den Fokus. Auch Fotos und Briefe seiner Familienmitglieder, Freunde, Liebschaften und geschäftlichen Kontakte bieten spannende Einblicke in das – nicht nur literarische – Leben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit Blick auf die unabhängigen modernen Frauen – Künstlerinnen, Schriftstellerinnen und Tänzerinnen – in Bonsels‘ Umfeld begibt sich Christina Lemmen auf biografische Spurensuche.


[1] Erna Goldstein an Waldemar Bonsels, o.O.; o.J.; Signatur WB B 239.
[2] Waldemar Bonsels an Erna Goldstein, Stuttgart, 3. Dezember 1926; Signatur: WB B 963. 
[3] Erna Goldstein an Waldemar Bonsels, Schömberg, 7.12.1926; Signatur WB B 239.
[4] Waldemar Bonsels an Erna Goldstein, Stuttgart, 5. Januar 1927; Signatur: WB B 963.
[5] Erna Goldstein an Waldemar Bonsels, 17. Juni 1927; Signatur: WB B 239.
6] Erna Goldstein an Waldemar Bonsels, 9. Juli 1932; Signatur: WB B 239.
[7] Waldemar Bonsels an Erna Goldstein, Stuttgart, 15. Oktober 1939; Signatur: WB B 963.


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