Emma Bonn – Schriftstellerin und Dichterin: Aufbereitung einer Familiengeschichte | #femaleheritage

Wer war Emma Bonn? Wie ist ihre Verbindung zum Literatenkreis um Thomas Mann einzuschätzen? Wie sah es mit der Anerkennung des eigenen literarischen Werks aus? Und was hat die Familienforscherin Angela von Gans mit alldem zu tun? Katrin Diehl blickt für unser Kulturerbeprojekt #femaleheritage* auf Leben und Wirken der Schriftstellerin, auch auf deren Leiden und Sterben als Jüdin unter dem NS-Regime. Sie geht auf Emma Bonns Briefwechsel, Dagmar Nicks Kennerinnenblick, einen Lederkoffer und einige der verschollenen Werke ein.

Der unverstellte Blick auf Emma Betty Charlotte Bonn (1879–1942), die Schriftstellerin oder „Dichterin“, wie man damals wohl gesagt hätte, die Dichterin also, die eigentlich Opernsängerin (und vielleicht ja auch noch ganz anderes) hatte werden wollen, ist nicht ganz einfach. Beim Tête-à-Tête schiebt sich immer mal wieder etwas vors imaginierte Gegenüber. Fremdurteile, Schicksalsschläge, die dunkeldeutsche Geschichte.

Auch ihre „Dichtkunst“, Novellen, Erzählungen, Romane, Lyrik, die sie bisher kaum beachtet hinterlassen hat, hilft da nicht so viel weiter: Wohl gekonnt, aber nicht herausragend, gepflegte Unterhaltung, gerne psychologisierend, manchmal schwülstig (was ja auch dem Zeitgeist entsprach), manchmal religiös überhöht, dann suchend, voller trauriger Melancholie …, so könnte man sie, wohl unerlaubt verkürzt, beschreiben.

Nimm Dich zurück

Nimm Dich zurück, Deine Seele hat sich verflogen,
Auf fremde Schultern wie ein Falter sich gesetzt,
Wer weiss von welchem fremden Honig-Odem angezogen.
Hol sie zurück, solang noch unverletzt.

Der Schmelz der feingemalter überzarten Flügel,
Die sich in süsser Rast zurückgebogen,
Als wölbe unzerstörbar letzte Regenbogen.
Nimm Dich zurück!

(Emma Bonn, Dezember 1939) 
– Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Angela von Gans

Ein wenig anders sieht es mit ihrem „Das Kind im Spiegel“ (1935) aus: Der Roman lässt sich als autobiografisch stark eingefärbt bezeichnen, ein Spiegel der Kinderjahre. Er lässt sich gut und gerne neben das Archivmaterial, die verästelten Stammbäume, Dokumente etc. legen, und dann kann man vergleichen. Vor allem aber lässt sich nichts lesen und denken, ohne um das Ende von Emma Bonn zu wissen. Auch das ist Teil der destruktiven Tragik der deutschen Katastrophe, aus der wir nicht herauskommen.

Emma Bonn - warum und wie kämpfte die Schriftstellerin um literarische Anerkennung? Ein Beitrag zum Monacensia–Dossier #femaleheritage. Foto: Fritz Schmitt
Emma Bonn – warum und wie kämpfte die Schriftstellerin um literarische Anerkennung? Ein Beitrag zum Monacensia–Dossier #femaleheritage. Foto: Fritz Schmitt

Deportation und Tod

Das Israelitische Kranken- und Schwesternheim in der Münchner Hermann-Schmid-Straße 5 und 7 hatte einen guten Ruf. Recht zentral in der Ludwigsvorstadt gelegen galt es als fortschrittlich und vorbildhaft. Bis 1933 stand es jedem, also auch nichtjüdischen Patienten, offen. Das änderte sich mit der Machtergreifung. Jetzt dürfen sich dort nur noch Jüdinnen und Juden behandeln lassen. Nach dem „Novemberpogrom“ von 1938 wird das Krankenhaus von SS und Gestapo überwacht. Anfang Juni 1942 dann vollständig aufgelöst.

Die etwa 50 verbliebenen Patienten, Kranke und Sterbende, wissen nicht, was jetzt mit ihnen passieren wird. Am 3. Juni 1942 schart man sie zusammen. In Begleitung von Schwestern und Ärzten müssen sie in einen vorm Gebäude bereit gestellten Möbelwagen steigen. Er wird sie zum „Südbahnhof“ im Stadtteil Sendling transportiert. Dort wartet ein Zug auf sie, der erste, der Menschen von München aus ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.

Zunächst einmal sollen also die kranken, hinfälligen, alten jüdischen Menschen weg. Unter ihnen Emma Bonn. Sie ist 63 Jahre alt. Wahrscheinlich kommt sie am 4. Juni 1942 in Theresienstadt an. Wahrscheinlich stirbt sie zwei Wochen später. So findet man das jedenfalls immer wieder in der Literatur. Dokumente darüber, wann und wo genau sie gestorben ist, fehlen bis heute.  

Zu den wenigen Überlebenden dieses ersten Transports gehörten neben zwei Krankenschwestern auch der Chefarzt des Israelitischen Krankenhauses Julius Spanier (1880–1959) und dessen Frau Zippora (1886–1970). Julius Spanier wurde nach dem Krieg Chefarzt und Leiter der Kinderklinik an der Lachnerstraße sowie Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. 1958 hat er sich noch einmal an diesen 3. Juni 1942 erinnert, auch eine Beschreibung der letzten Leidensstationen Emma Bonns:

(…) Kranke, Schwerstkranke, ja Sterbende mit drei Schwestern unter der Leitung des Chefarztes wurden auf Krankenbahren in einen Möbelwagen verladen, die ganze ‚Fracht‘ dann am Südbahnhof abgesetzt und in bereitstehende Waggons überführt. Während des Abtransportes war die Hermann-Schmid-Straße für den Verkehr gesperrt, nur ein Major der Wehrmacht durfte die Straße passieren. Als dieser des unheimlichen Transportes ansichtig wurde, frug er die Oberin nach dem Grunde dieses merkwürdigen Vorgangs. Als er von ihr dann wahrheitsgemäß unterrichtet war, rief er voll Entsetzen und ungeachtet der umstehenden Gestapo und SS mit lauter und wohlvernehmbarer Stimme aus: ‚Was? Kranke und sterbende Menschen? Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein!‘[1]

Emma Bonn – Leben und Wirken

Geboren wurde Emma Bonn am 5. Februar 1879 in New York City. Ihr Vater Wilhelm Bernhard Bonn (1843–1910) kümmerte sich dort seit 1863 um die Geschäfte von „Lazard Speyer-Ellissen“, einem potenten Frankfurter Bankhaus, das sich viel mit deutsch-amerikanischen Finanzgeschäften befasste. Während seiner Zeit in den USA hatte er es immer weitergebracht, am Ende bis zum Geschäftsführer. Und als man dann 1885 zurückkehrte nach Frankfurt am Main, fungierte er als Teilhaber des Hauses. Die Bonns waren also ganz das, was man eine Bankiers-­Familie nannte. Aber auch mit großzügigem Mäzenatentum verband man ihren Namen.

Was Emma Bonn nur aus Erzählungen erinnern konnte, war, dass kurz nach ihrer Geburt in New York ihre Mutter, Emma Bonn (1856–1879) geborene Heidelbach, deren Vornamen sie jetzt trug, verstorben war. 15 Jahre später wird der Vater – neben Emma gibt es ja auch noch deren Bruder Max (1877–1943) – wieder heiraten. Die Dame heißt Amélie Schuster (1857–1935), ist eine geborene Ettlinger, und ebenfalls verwitwet. Amélie bringt vier Kinder mit in die neue Ehe.

Emma Bonn sowie deren Geschwister und Halbgeschwister wachsen also im geschäftigen, bankschweren Frankfurt auf. Das Mädchen erlebt eine Kindheit, die, wie sich später zeigte, als durchaus literaturtauglich gelten kann. Besonders die Sommer, die man, bevor der erste Krieg ins Haus stand, im nahen Kronberg auf einem hochherrschaftlichen Anwesen verbrachte, inspirierten da sehr und hinterließen in „Das Kind im Spiegel“ eindeutige Spuren. Der Roman beginnt so:

Bettina hatte einen Vater, eine Tante, die keine Tante war, und einen Bruder. Ihre Mutter, die im Kindbett gestorben war, entbehrte sie nicht.

Ihre Finanzkompetenzen verstreute die Bonn-Familie – na ja, eigentlich deren männlichen Mitglieder und der Anhang zog halt mit – über die Welt, besonders England ist angesagt.

Literarisches Schaffen, Krankheit und Antisemitismus

Emma macht das anders. 1912/13 wählt sie selbstbestimmt und als „Alleinstehende“ (sie ist da ja schon 34 Frauenjahre alt!) einen Ort. Diesen nutzte die Münchner literarische wie gutsituierte Welt liebend gerne zur inspirierenden wie beschaulichen, Kraft spendenden Sommerfrische. 1913 lässt sie sich in Feldafing am Starnberger See nieder, so etwa 40 Kilometer vor den Toren Münchens. Sie gliedert sich ein in diese Gesellschaft und lässt ein altes Herrschaftsgebäude auf dem „Hofbauer-Anwesen“ zu einer vorzeigbaren Villa umbauen (heute Dr. Appelhans-Weg 2, damals Am Schluchtweg 22). Daneben setzt sie ein schmuckes Gartenhäuschen.

Villa von Emma Bonn im Dr. Appelhans-Weg 2, vormals Am Schlechtweg 22 in Feldafing am Starnberger See.
Villa von Emma Bonn im Dr. Appelhans-Weg 2, vormals Am Schluchtweg 22 in Feldafing am Starnberger See. Foto: ©STROUX edition

Immerhin hatte Emma Bonn das große Glück, sich als Tochter aus dem Hause Bonn um Geld keine Sorgen machen zu müssen. Einige Erbschaften fließen ihr zu. Und so wird sie später auch noch das Nachbaranwesen hinzukaufen, Platz für einen verwun­schenen Garten. Und sie beginnt zu schreiben …, arbeitet sich bewusst in den Literatenkreis um Thomas Mann und Bruno Frank vor. Die Herren von Welt besuchen sie. So schreibt zum Beispiel Thomas Mann im Dezember 1935 an sie:

Ich hoffe, daß Sie in Ihrem schönen Haus, in dem wir so oft zu Gast waren, ein ungestörtes Leben haben…[2]

Sie erhält von diesen Herren aber auch hin und wieder „anerkennende“ Worte in höflich gehaltener Korrespondenz. Ja! Immerhin kommunizierte und korrespondierte man mit diesem Fräulein Bonn. Das ließ ihr unehelicher Zustand in gesetzterem Alter zu und vermag ihr Kraft gegeben haben.

Emma Bonn tat im Übrigen mehr, als „nur“ zu residieren und literarisch tätig zu sein. Damit unterschied sie sich sehr wohl und ganz grundsätzlich von den Großmeistern und -meisterchen. Denn auch im beschaulichen Feldafing mit gepflegter Lage am See gibt es ja Arme. Emma lässt ihnen „Armenspeisungen“ und „Weihnachstgaben“ zukommen.

Irgendwann, Ende/Mitte der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, erkrankt Emma Bonn. Eine rätselhafte Nervenkrankheit nimmt von ihr Besitz. Sie hat Lähmungs­erscheinungen, ist immer häufiger – im täglich frischen, weißgesteiften Nachthemd – ans Bett gefesselt –, ein großes, schwarzes Telefon in greifbarer Nähe auf dem Nachtkastl. Dazu kommt, dass sich die „Braunen“ immer bemerkbarer machen. Auch in Feldafing. Besonders in Feldafing. Bei den letzten freien Wahlen im Jahr 1933 kommt die NSDAP dort auf Anhieb auf über 40 Prozent.[3] Emma Bonn kriegt mehr oder weniger Antisemitismus zu spüren. 1940 wird sie gezwungen, ihre Villa zu verkaufen.[4] Am 30. Mai 1942 wird die kranke Frau nach München geschafft.

Heute findet sich an der „Villa Bonn“ in Feldafing eine Gedenktafel. Zwischen dem Kopfsteinpflaster davor erinnert seit 2012 ein „Stolperstein“ an die Dichterin Emma Betty Charlotte Bonn.

Nachgeborene: Angela von Gans‘ Familien-Recherchen

Angela von Gans – in Melbourne, Australien, geboren – spürte schon sehr früh „diese Unruhe“ in sich. Sie erinnert sich:

Es war schon seltsam. Schon als junges Mädchen hatte ich morgens, immer wenn ich aufwachte, das Gefühl, etwas erledigen zu müssen. Das war so komisch wie grausam, weil ich ja nicht wusste, was … Und dann fand ich diesen Koffer …

Emma von Gans. Im Vordergrund die Monografie zu Emma Bonn, Oktober 2021.
Angela von Gans. Im Vordergrund die Monografie zu Emma Bonn, Oktober 2021. Foto: Silke Klöckner, Monacensia.

Angela von Gans‘ Vater, Josef Paul von Gans, hatte, weil er unter dem NS-Regime als „Halbjude“ gegolten hat, 1938 Deutschland verlassen. 1954 kehrte die Familie zurück. Auf Frankfurt am Main, folgt Düsseldorf. 1963 stirbt der Vater, „Joszi“ von Gans. Mit der Mutter zieht Angela von Gans nach Wien in ein Haus, „in dessen Keller sich bald allerlei Familiendinge angesammelt hatten“. Zum Beispiel auch ein „wunderschöner alter Lederkoffer“. Angela öffnet ihn, findet, wonach sie „irgendwie immer gesucht hatte“: alte Familienunterlagen, Papiere, Fotos, Briefe, auch ein Manuskript ihres Vaters … In den 1990ern beginnt sie die Sache systematisch anzugehen, plant eine Veröffentlichung über „die Gänse“.

Nach 15 Jahren Recherche wird daraus (in Zusammenarbeit mit Monika Groening) 2006 ein Buch mit Titel „Familie Gans 1350 bis 1963: Ursprung und Schicksal einer wiederentdeckten Gelehrten- und Wirtschaftsdynastie“. Und da taucht eben an einem Ästchen einer der vielen Familienbäume auch der Name Emma Bonn auf. Ein bisschen am Rande zwar, aber sie ist ganz deutlich da: „Jozsi“ Gans, Angela von Gans‘ Vater (geboren 1897 in Cannes), der 1927 bei den I.G. Farben in Frankfurt, Berlin und Wien eingestiegen war, hatte einen Vater namens Paul Gans-Fabrice (1866–1915), ein Automobil- und Luftfahrtpionier. Und dieser Paul Gans war über die Mutterlinie der Cousin von Emma Bonn, geborene Heidelbach, Mutter unserer Dichterin Emma Betty Charlotte Bonn.

Kurz: Emma Betty Charlotte Bonns Großmutter Henriette (1829–1909) war eine geborene Gans und damit steht die Verbindung zu Angela von Gans:

Emmas Großmutter Henriette Gans war die Schwester meines Urgroßvaters.

Angela von Gans‘ Interesse an Emma Bonn war geweckt. „Und dann kamen sie wieder, diese unglaublichen Zufälle“, sagt sie. Zum Beispiel suchte sie vor einigen Jahren, nach ihrem Umzug von Wien nach München, einen Arzt auf. Den hatte man ihr empfohlen. Er hatte seine Praxis in Feldafing, „eine Ecke, die ich bis dahin überhaupt nicht kannte“. Es war November und über dem See stieg der Nebel auf. Angela von Gans betritt das schöne Arzt-Haus und denkt:

Da ist was. Irgendwas Seltsames ist da. Irgendwie fühle ich mich hier zugehörig an diesem Platz. 

Es sei von Anfang an eine Beziehung da gewesen, erinnert sie sich. Die Villa, in der sie sich befand, war das ehemalige Zuhause von Emma Bonn.

Das Konvolut an Gedichten von Emma Bonn erhielt Angela von Sachs aus den USA. Foto: Angela von Gans, Privatbesitz.
Das Konvolut an Gedichten von Emma Bonn erhielt Angela von Gans aus den USA. Foto: Angela von Gans, Privatbesitz.

Dagmar Nick und „verschollene“ Werke Emma Bonns

Und dann, vor etwa zwei Jahren … Es klingelte an Angela von Gans‘ Haustür. Ein Paket. Aus den USA. Darin: ein Buch „aus einem Privatdruck“, ein „verschollener Titel“ und über hundert Gedichte. Autorin: Emma Bonn.

Ein „direkter Nachkomme von Emma Bonn, der mein Buch über die Gans Familie kannte“, hatte es ihr geschickt. „Da läuft es mir jetzt noch kalt den Rücken runter“, sagt Angela von Gans. Sie sieht die Sachen durch und denkt nur, „und jetzt?“ Und an dieser Stelle kommt nun die Münchner Lyrikerin Dagmar Nick mit ins Spiel, auch eine, die eine schier unglaubliche Ahnenkette hinter sich weiß (s. a. ihr Buch „Eingefangene Schatten. Mein Jüdisches Familienbuch“, erschienen 2015) von Walter Benjamin bis Ludwig Wittgenstein sozusagen, und auch Heinrich Heine fehlt da nicht. Und da laut Angela von Gans „Heinrich Heine fünfmal gänsisch“ ist, müsste nach Adam Riese auch zwischen ihr und Dagmar Nick eine ferne Verwandtschaft bestehen. 

Heute ist Dagmar Nick 95 Jahre alt und hellwach. Sie schreibt weiterhin. Auch Lyrik, „wenn die zu mir kommt“. Dagmar Nick soll einen Blick auf die Gedichte Emma Bonns werfen und werten. Denn mittlerweile weiß Angela von Gans, dass sie auch über Emma ein Buch machen „muss“, „über diese wirklich ungewöhnliche Person …“ Sie wolle diese Frau erfassen durch das, was eben da ist: ihre Literatur, ihren Stammbaum, biografische Unterlagen … Erscheinungsdatum der Monografie: Oktober 2021.[5]

Neuerscheinung: Angela von Gans, Emma Bonn (1879 – 1942). Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin, Oktober 2021, STROUX Edition
Neuerscheinung: Angela von Gans, Emma Bonn (1879 – 1942). Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin, Oktober 2021, STROUX Edition. Foto: Silke Klöckner, Monacensia.

Dagmar Nick liegt eine Liste der Gedichte vor, die Titel tragen wie

  • „Der gelbe Buchenzweig“ (1930),
  • „Mein Herz ist wie ein scheues Reh“ (1934),
  • „Je mehr ich mich entferne“ (1937).

Hinter einige schreibt Dagmar Nick „wie Kempner“ – gemeint ist die Dichterin Friederike Kempner (1828–1904), die „schlesische Nachtigall“, deren überbordender Reimeifer häufig Gedichte voller unfreiwilliger Komik entstehen ließ … Aber es gibt auch hier und da ein vielversprechendes Lob (so zum Beispiel für „Flüchtlinge“ von 1938 oder für „Nimm dich zurück“ von 1939). Ein paar der Gedichte dann einmal lesen zu können, wird auf jeden Fall seinen Reiz haben, auch um wieder ein bisschen mehr – so oder so – über Emma Bonn zu erfahren. Denn offensichtlich gab es da zum Beispiel auch einen Mann in Emma Bonns Leben, den sie mit ihrer Lyrik bedacht hatte, ebenso eine Krankenschwester, die sich um sie gekümmert und dabei recht eindrücklich und wohl auch ein wenig erfolgreich missioniert hat. Und so gibt es Gedichte mit Titeln wie

  • „Einer Krankenschwester“ (1939),
  • „Petrus weinte bitterlich“ (1940),
  • „Karfreitag“ (1940),
  • „Maria Magdalena“ (1939).
Stolperstein von Emma Bonn vor ihrer Villa in Feldafing.
Stolperstein von Emma Bonn vor ihrer Villa in Feldafing. Foto: Angela von Gans.

Briefwechsel – Kampf um Anerkennung als Literatin[6]

Am 28. Oktober 1932 schreibt Emma Bonn in ihrer modern wirkenden, großzügigen, leserlichen Handschrift einen Brief an den „Bibliotheksdirektor“ Hans Ludwig Held (1885–1954). Sie benutzt einen Bleistift, mag in irgendeinem Zimmer ihrer Feldafinger Villa gesessen sein. Vielleicht am Fenster. Vielleicht sitzt sie aber auch wieder einmal in ihrem Bett, aufrecht, ein Schreibbrett unter dem Briefpapier.

Hans Ludwig Held war eine interessante Münchner Figur. Mit durchaus schriftstellerischen Ambitionen – 1911 gründete er zusammen mit Thomas Mann und Frank Wedekind den „Schutzverband deutscher Schriftsteller“, ein Interessenverband der Schreibenden gegen staatliche Eingriffe – hatte sich Held früh für eine Beamtenlaufbahn entschieden. In München fungierte er seit 1921 als erster „hauptamtlicher Bibliotheksleiter“ der „Bibliothek des Stadtrats“, aus der sich später die Münchner Stadtbibliothek entwickeln sollte. 1925 wird er deren Direktor (vier Jahre zuvor hatte er übrigens die Monacensia-Bibliothek gegründet).

Held ist also gut vernetzt und ein Herr der Bücher, ein Mann mit Einfluss darauf, was in der Stadt gelesen wird, genau der Richtige also für Emmas Anliegen. Die klagt nämlich in ihrem Schreiben darüber, dass von ihr als Literatin so wenig Notiz im literarischen München genommen werde („hat sich bis jetzt nicht viel um mich gekümmert, weder der Rundfunk noch eine literarische Vereinigung…“), was sie darauf zurückführt, dass sie auf Grund ihrer „Zurückgezogenheit“, ihrer Krankheit („dass ich … die letzten 3 1/2 Jahre ans Bett gefesselt bin…“) also, einfach nicht so präsent sein konnte in der interessierten Literaten-Bohème. Sie spricht ein paar Titel von sich an, legt mit Schreibmaschine abgetippte Besprechungen bei.

Flüchtlinge

Ich höre der müden Füsse
Eintönig schleifenden Tritt
Wie letzte zögernde Grüsse,
Als zögen die Heimat sie mit.

Die Heimat wird immer schwerer,
Die Rücken beugen sich krumm,
Der Himmel wird immer leerer
Und das fremde Land bleibt stumm.

Hier zeigt sich eine Schranke,
Dort eine verriegelte Tür,
Schutzgitter und wehrende Planke –
Sie wandern für und für.

Der Staub an müden Füssen
Ist längst nicht die Heimat mehr.
Sie wandern und beten und büssen,
Ein geisterndes Riesenheer.

Sie finden nirgends Frieden,
Ist's Segen oder Fluch,
Verstossen und gemieden.
Doch in des Ewigen Buch.

Das steht eines jeglichen Namen
Geprägt und aufgezählt
Sind alle aus Adams Samen
Und Alle von Gott beseelt.

Ich höre das schwere Wandern,
Mein Herz das wandert mit
Von einem Land zum andern
Bis zu dem letzten Schritt.

(Emma Bonn, September 1938) 
– Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Angela von Gans.

Emma Bonn kämpft von Feldafing aus darum, als Schriftstellerin wahrgenommen zu werden. Sie tut das in Briefen, wahrscheinlich auch in Telefonaten, wahrscheinlich auch während persönlicher Treffen. Am 26. November 1926 schreibt sie an den „Münchener Buchhändlerverein“, bittet um „Propaganda“ für ihre Titel „Die Mündung“, „Die Verirrten“, „Das blinde Geschlecht“ und meint, dass das doch wirklich was fürs „Weihnachtsgeschäft“ wäre.

Am 16. April 1930 bekommt sie einen Brief vom Schriftsteller Jakob Wassermann (1873–1934) aus dem österreichischen „Alt-Aussee“, wo der sich in den Zwanzigerjahren niedergelassen hatte.[7] Wassermann zeigte sich darin zwar „bestürzt“ von ihrer Krankheit, von der er offensichtlich nichts gewusst hatte. Er macht sich auch „Vorwürfe“, dass er „bei … verschiedenen Aufenthalten in München nicht wenigstens“ bei ihr „nachgefragt“ habe, erklärt aber unmissverständlich, dass er keine Zeit habe, ihr Manuskript, das sie ihm wahrscheinlich zugeschickt hatte, durchzulesen. Von einem „Verlag Grethlein“ rät er zudem ab.

Thomas Mann schrieb von 1931 bis 1935 ans „Liebe und verehrte gnädige Fräulein“ fürs ungeübte Auge sehr schwer lesbare kurze Briefchen, mal aus „Küsnach-Zürich“, mal aus der Münchner Poschingerstraße 1, mal von hier und dort.[8]

Einmal bedankt er sich am 19. Juni 1931 fürs „schöne neue Buch“ (dürfte der Roman „Sonne im Westen“ gewesen sein, in dem eine Sängerin [!] schwer erkrankt). Einen Brief „darüber“ könne er ihr allerdings nicht schreiben („ich habe mir das abgewöhnen müssen“), sagt er da, äußert sich dann aber doch darüber, was Emma Bonn wohl zufrieden stimmen sollte, aber einer gewissen Doppeldeutigkeit nicht entbehrt:

… ich habe diese mit soviel ruhigem und natürlichem künstlerischem Anstand erzählte Geschichte einer kämpfenden Seele, die sich schließlich in der ihr einmal bestimmten Rolle auf Erden zurückfindet, mit Rührung gelesen und glaube wohl, daß sie das Beste ist, was Sie gegeben haben.[9]

Zwei Monate später nimmt Thomas Mann wohl auf die Erzählung „Abkehr“, aus der sich wahrscheinlich auch Auskünfte über die Autorin selbst herauslesen lassen, Bezug. Er kritisiert dies und das, schreibt dann aber weiter zu einer ihm durchaus nicht unbekannten literarischen Thematik:

Das Hauptgewicht liegt auf der Psychologie der Krankheit, des Krankseins als Lebensform, und die tiefe Erfahrung, die hier herrscht und ihrer Herrschaft Anmut zu verleihen weiß, wird jeden feineren Leser ergreifen. Für mein Teil werde ich etwa das allein Eingeschlossen sein mit dem Telephon und herauswachsende vollkommene Vereinsamung am Schluß nicht so leicht vergessen. [10]  

Und da ist es wieder: das „Telephon“! Kein Wunder musste es mit aufs rare Foto von Emma Bonn. Es zeigt sie sehr schmal in ihrem Bett mit einem fast wissenden Blick.

Autorin: Kathrin Diehl

Katrin Diehl. Foto: Frank Zuber
Katrin Diehl. Foto: Frank Zuber

Dr. Katrin Diehl, geboren in Mannheim, studierte zunächst an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, bevor sie an die Deutsche Journalistenschule in München wechselte. Seitdem arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin.  

Literatur

  • Feldafing Ortsmitte. Bilder aus der Vergangenheit und Gegenwart. Hrsg.: Gemeinde Feldafing. Feldafing, 1995.
  • von Gans, Angela; Groening, Monika: Die Familie Gans 1350–1963 – Ursprung und Schicksal einer wiederentdeckten Gelehrten- und Wirtschaftsdynastie. Heidelberg 2008.
  • Heißerer, Dirk (Hrsg.): Thomas Manns „Villion“ am Starnberger See.  München 2001 (darin: „Briefe an Emma Bonn“, S. 265–270).
  • Lamm, Hans (Hrsg.): Vergangene Tage. Jüdische Kultur in München. München 1982.
  • Spanier, Julius: Das Israelitische Schwestern= und Krankenheim (1958), in Hans Lamm (Hrsg.): Vergangene Tage. Jüdische Kultur in München. München 1982, S. 126–129.

Genealogien

Statistik zur Deportation der jüdischen Bevölkerung aus München

Zeitungsartikel

https://www.sueddeutsche.de/muenchen/starnberg/starnberger-see-feldafing-nationalsozialismus-geschichte-1.4999141 (Artikel von Sylvia Böhm-Haimerl: Geschichte: Sie erforschen Feldafings NS-Vergangenheit, das Pöckinger Historiker-Ehepaar Marita Krauss und Erich Kasberger wird die dunklen Seiten in der Geschichte der Gemeinde am Starnberger See aufarbeiten, Süddeutsche Zeitung vom 13. August 2021)

Aus dem Archiv der Monacensia

Briefe von und an Emma Bonn: AI/2 Bonn; L 1373; RH B 34; RH B 58

Werke von Emma Bonn

  • Die Mündung, Roman, o. J.
  • Die Verirrten. Zwei Novellen, 1919
  • „Der tote Herr Sörensen“, in: Deutsche Rundschau, Bd. 1842, Juli–September 1920, S. 22–40
  • „Das Tränentuch. Novelle“, in: Deutsche Rundschau, Bd. 187, April–Juni 1921, S. 13–37
  • Das blinde Geschlecht, 1923; englische Ausgabe: The Blind Generation (übersetzt von F. Appleby Holt), 1932
  • Sonne im Westen, 1931
  • Das Kind im Spiegel: Versuch einer Beschwörung, 1935; englische Ausgabe: The Silver Key (übersetzt von Vernon Duckworth Barker), 1936

* Das Monacensia-Dossier „Jüdische Schriftstellerinnen in München“ macht anlässlich „#2021JLID – Jüdisches Leben in Deutschland“ Leben und Wirken jüdischer Schriftstellerinnen in München sichtbar. Es dokumentiert literarische Stimmen aus Vergangenheit und Gegenwart. Ein Projekt im Rahmen von #femaleheritage.

Bisher erschienen:

Dagmar Nick: „Gedichte kommen und gehen“ #femaleheritage
Artikel zu Dagmar Nick im Blog

[1] Julius Spanier: Das Israelitische Schwestern= und Krankenheim (1958), in Hans Lamm (Hrsg.): Vergangene Tage. Jüdische Kultur in München. 1982, S. 126–129, dort S. 128f.
[3] https://www.sueddeutsche.de/muenchen/starnberg/starnberger-see-feldafing-nationalsozialismus-geschichte-1.4999141 (Zugriff: 15.9.2021)
[5] Angela von Gans: Emma Bonn, 1879–1942, Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin. München 2021.
[6] Einzusehen im Archiv der Monacensia unter den Signaturen: AI/2 Bonn, Emma; L1373.
[8] Aus dem Archiv der Monacensia, Nachlass Rolf von Hoerschelmann, Signatur RH B 34.
[10] Ebd., S. 223.


Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
81675 München

Öffnungszeiten: Mo – Mi, Fr 9.30 – 17.30, Do 12.00 – 19.00 | Ausstellungen auch Sa, So 11.00 – 18.00 | Eintritt frei


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