Ein Überfall, ein Abendessen, viele Fragen

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses (Roman)

„Drei junge Muslima in Oxford! Die Sünderin, die Gläubige und die Verwirrte.“ Muss das tatsächlich gefeiert werden? Und wenn ja, warum? Diese Frage stellt sich drei jungen Studentinnen, die für ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und Identitäten stehen und somit exemplarisch sein können für das heutige Erscheinungsbild gebildeter muslimischer Frauen.

Peri, „die Verwirrte“, setzt ihren Wunsch, im Ausland zu studieren mit Hilfe ihres säkularen Vaters gegen die strenggläubige Mutter durch und gelangt so nach Oxford. Mona, überzeugte Muslima und Kopftuchträgerin mit amerikanisch-ägyptischen Wurzeln, und Shirin, liberal, welterfahren und freiheitsliebend, aus dem Iran stammend, ziehen mit Peri und auf Shirins Betreiben in ein gemeinsames Haus. Alle besuchen das exklusive Seminar über Gott bei dem charismatischen, aber nicht unumstrittenen Professor Azur – und jede wird von diesem Seminar auf ganz unterschiedliche Art geprägt werden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Seminar und der Wohnsituation; womöglich eine „Laborsituation“, hinter der Dr. Azur steckt? Die Figur des Wissenschaftlers steht für kritisches Denken, für das Hinterfragen religiöser Gewissheiten. Was ist Gott abseits der Religion? Diese Frage führt seine Studentinnen und Studenten bis an ihre Grenzen: Was darf der Professor, um sie auf den Weg der Erkenntnis zu führen? Wie weit soll die Polarisation im wissenschaftlichen Diskurs gehen?

Genial, wie Elif Shafak diesen emotional berührenden und zugleich so klugen Roman aufbaut: Die Rahmenhandlung bildet ein Dinner mit dramatischem Ausgang bei einem Geschäftsmann der Istanbuler Oberschicht. Die inzwischen verheiratete Peri erreicht die Villa nach einem Zwischenfall auf der Straße. Sie wird im Auto überfallen, nimmt die Verfolgung auf und wird dabei verletzt. Warum nur hat sie dieses Risiko auf sich genommen? Während des Essens reflektiert Peri, die sich nicht wirklich dem Kreis der Gäste zugehörig fühlt, das Geschehene und insbesondere ihre Zeit in Oxford – immer wieder unterbrochen durch Gespräche über den Gegensatz zwischen westlicher Demokratie und der islamischen Welt sowie der Frage, ob dieses Gesellschaftsmodell überhaupt zur Türkei passt. Eine gerade jetzt sehr interessante Frage. Antworten gibt die Autorin allerdings nicht direkt; stattdessen wirft sie die Frage auf: Wo steht die Türkei heute in ihrer Zerrissenheit zwischen Okzident und Orient? Und wo steht eigentlich, analog dazu, die kaum weniger zerrissene Peri?

Elif Shafak, 1971 in Straßburg geboren, ist seit Veröffentlichung ihres bereits auf englisch erschienenen Romans „The Bastards of Istanbul“ in der Türkei nicht unumstritten aufgrund ihrer Skepsis gegenüber den Instanzen des türkischen Staates. Sie lebt heute mit ihrer Familie in London und Istanbul. THE INDEPENDENT meint: „Elif Shafak ist die Stimme der türkischen Literatur.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. 560 Seiten, Verlag Kein & Aber.

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