I sing what I say

Benjamin Clementines Erstlingswerk „At least for now“

Ich höre gerne Musik, doch dass ich beim Hören einer Platte „Wow“ sage, passiert nicht oft. Zum Glück bin ich auf Benjamin Clementine gestoßen. Hier ist alles große Kunst.

ClementineBenjamin_AtLeastForNow_CD-Cover
Da ist zunächst einmal sein Äußeres. Auf Fotos strahlt dieser große, hagere Mann mit den hohen Wangenknochen eine Ruhe aus, die selten geworden ist. Gleichzeitig wohnt ihm auf den Bildern eine ungeheure Lässigkeit und Coolness, aber auch Schüchternheit inne. Er wirkt auf den Fotos ein wenig wie aus der Zeit gefallen.

Diese Andersartigkeit setzt sich auch in seiner Musik fort. Der erste Song auf seinem  Album beginnt mit Klavierakkorden. Mr. Clementine sitzt am Piano und spielt; er hat sich – wenn man den Berichten glauben darf – alles selbst beigebracht. Und dann setzt diese unglaubliche Stimme ein: warm und tief. Seine Musik ist von Anfang an anders als der Mainstream, der heutzutage im Radio läuft. Das mag manche irritieren. Zum Glück gibt es aber auch diejenigen, die von Anfang an begeistert sind. Egal, wo sie seine Musik zum ersten Mal hören, die meisten stutzen, hören genau hin und sind fasziniert. Seine Lieder sind keine glatten Popsongs, keine Strophen mit Refrain und vielen Reimen, nein, Mr. Clementines Songs erzählen ihre eigene Geschichte, da muss nichts in eine Schablone gepresst werden. Die Lieder entwickeln auch auf diese Weise eine Sogwirkung.

Zuletzt klingt auch seine Lebensgeschichte so ungewöhnlich, als wäre sie kunstfertig erfunden: Der Musiker ist Jahrgang 1988 und stammt von ghanaischen Eltern ab. Als Jugendlicher hatte er genug von seinem Leben in London und ging nach Paris, wo er teilweise mittellos auf der Straße lebte und als Straßenmusiker auftrat, um zu überleben. Auch hier faszinierte er sein Publikum; sein Wirkungskreis wurde größer, es folgten Auftritte in Bars, Hotels und schließlich – wie im Märchen – kam es zum ersten Plattenvertrag. Sein Album „At least for now“ erschien 2015 und war in Frankreich und England relativ erfolgreich – zwar nicht in den Top Ten, aber doch für einen Erstling erstaunlich weit vorne mit dabei. Die Kritiker lieben seine Musik, die in keine Schublade passt. Ein wilder Mix aus Nina Simone und einem Klaviervirtuosen; Soul-Chanson-Klassik-Jazz-Folk-Pop vom Feinsten – Lieder tief aus der Seele. Auf Benjamin Clementines Homepage fand ich folgende Aussage:

I am an expressionist; I sing what I say, I say what I feel and I feel what I play by honesty and none other but honesty. Some will get bored of me, but I invite the patient listener to come forth, feel and most importantly engage with me without asking too many questions. Hopefully, by the end of listening they shall get answers not questionable, whether pleasing or not.

Und so schließt sich der Kreis aus Auftreten, Musik und Geschichte zu einem Gesamtkunstwerk und was – zumindest bis jetzt – für uns zurückbleibt, ist eine außergewöhnliche CD von einem außergewöhnlichen Musiker. Thank you Mr. Clementine – at least for now!

Benjamine Clementines Album im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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