Diverse Literatur: Eure Tipps

Blogslam: Diversität in der Literatur, Folge 1

Wir möchten von euch wissen: Welche Bücher, in denen Vielfalt abgebildet wird, habt ihr gelesen oder mit euren Kindern angeschaut? Welche Held*innen haben euch besonders beeindruckt? Mit welchen Geschichten könnt ihr euch identifizieren? Wo werden alternative Familien- und Lebenskonzepte abgebildet und wo wird Menschen eine Stimme gegeben, die in der Gesellschaft und in der Literatur oft überhört werden?

So lautet die Aufgabe unseres Blogslams – alle weiteren Infos findet ihr hier.

Und hier nun ist die erste Folge mit euren Empfehlungen – weitere folgen …

Sauerländer, 104 S.

Rose Sobol: Woman Chief. Es gab eine Frau, die Häuptling war

Das Buch schildert die authentische Geschichte des „Indianermädchens“ Einsamer Stern, das sich als Frau die Häuptlingswürde erkämpfte, weil es den Männern ihres Stammes nicht dienen sondern eine gleichberechtigte Kameradin sein wollte. Ich empfehle dieses Buch, weil es schon Ende der 70er Jahre das traditionelle Rollenbild in Frage stellte.

Eingereicht von Sebastian Menzel

Rowohlt, 733 S., Aus dem Englischen von Eike Schönfeld

Jeffrey Eugenides: Middlesex

Im Mittelpunkt dieser Autobiographie steht Calliope, die als pubertierendes Mädchen erkennt, dass sie beiderlei Geschlechter in sich trägt und fortan als Junge weiterleben möchte. Die Erzählung umfasst die Familiengeschichte mehrerer Generationen: Griechische Emigranten, die ihre Heimat verlassen und sich in den USA um die 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts eine neue Zukunft aufbauen.

Meine Empfehlung, weil hier das oft auch im Rahmen von Diversity übersehene Thema Intersexualität behandelt wird. Der Autor bekam 2003 für diesen Roman den Pulitzer-Preis und den „Welt“-Literaturpreis verliehen.

Eingereicht von Sebastian Menzel

Baobab Books, 32 S., Aus dem Persischen von Nazli Hodaie

Babak Saberi, Mehrdad Zaeri: Ein großer Freund

Wie können ein kleiner Rabe und ein Elefant sich befreunden? Ist das möglich? Nach der Meinung von Mutterrabe ist es nicht möglich, weil ihr Rabenmädchen zu klein ist und der Elefant zu groß. Mutterrabe glaubt, das könnte sowohl für das Rabenmädchen, als auch für den Elefanten gefährlich werden. Außerdem fragt sie sich, wie sich die beiden unterhalten können. Das kleine Rabenmädchen kann kein Elefantisch!

Das Rabenmädchen ist sich allerdings sicher: Wenn es etwas tiefer fliegt und der Elefant etwas in die Höhe springt, dann sind sie beide genau gleich groß. Es läuft nie mit dem Elefanten in den Fluss hinein, um seine Füße zu kühlen oder Wasser zu trinken, weil es doch kein Elefant ist. Es wird auch auf keinen Fall auf die Idee kommen, dem Elefanten zu zeigen, wie er von der Mauer springen kann. Er ist ein einfacher Elefant und kein fliegender Elefant. Um sich zu unterhalten brauchen die beiden keine gemeinsame Sprache, sie sprechen einfach mit Zeichen und mit Blicken und erzählen sich damit die schönsten Geschichten.

Das kleine Rabenmädchen bringt uns in der Geschichte bei, wie man trotz Unterschieden und Vielfalt friedlich zusammenleben kann. Es reicht, wenn man seine Fähigkeiten gut kennt und nicht genau wie die anderen sein will. Es reicht, wenn wir einige Kleinigkeiten über unsere Freunde wissen und dort anknüpfen. Was für ein schlaues Rabenmädchen das ist.

Eingereicht von Roya Maktabi

Dressler, 271 S., Aus dem Dänischen von Ulrike Brauns

Kristina Amand: Wenn Worte meine Waffe wären

Die 17-jährige Sheherazade ist als Kind geflüchteter Eltern die Hoffnungsträgerin auf ein besseres Leben fernab der alten Heimat. Ihr Vater leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung und ist deshalb im Krankenhaus, sodass Sheherazade mit ihrer streng gläubigen und sehr konservativen Mutter den Alltag zu Hause alleine bestreitet. Als sie eines Tages im Krankenhaus die gleichaltrige Thea kennenlernt, entwickelt sich aus anfänglicher Sympathie langsam eine tiefe Zuneigung und Liebe. Sheherazade beginnt, die elterliche Autorität in Bezug auf ihre Lebens- und Zukunftsplanung (sie soll Medizin studieren um als erfolgreiche Ärztin gutes Geld zu verdienen) zu hinterfragen, ebenso ihr Kopftuch, das sie aber weniger aus religiöser Überzeugung trägt, sondern vielmehr aus Sorge, von ihrer muslimischen Community als ‚unanständig‘ – wenn nicht sogar: dänisch! – angesehen zu werden. Der dramatische Suizid einer befreundeten jungen Muslima wird für Sheherazade zum Auslöser ihrer Emanzipation. Er führt zu ihrem Coming-Out und der Konfrontation zweier Generationen zwischen zwei Kulturen, in der die junge Frau endlich ihre Stimme findet, die Autorität über ihr eigenes Leben reklamiert und ihren Platz in der Gesellschaft für sich selbst in Anspruch nimmt. Trotz oder vielleicht gerade wegen aller Konsequenzen.

Besonders gelungen finde ich den intersektionalen Zugriff auf die Identität Sheherazades: Sie ist nicht-weiß in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft. Sie trägt als Muslima einen Hijab in einer überwiegend sekulär-protestantischen Gesellschaft. Sie hat Krieg, Vertreibung, Flucht und Trauma erfahren, während ihre Alterspeers unter relativ behüteten Bedingungen aufwachsen konnten. Und sie ist homosexuell, ein Umstand, der sie in den beiden doch recht heteronormativ strukturierten Kulturkreisen (dem dänischen und dem ihrer arabischsprachig muslimischen Diaspora) vor ganz unterschiedliche Herausforderungen stellt.

Dazu kommt eine gelungene Einbettung der sogenannten Zines, die sie in ihrer Freizeit gestaltet: kreative Kollagen, die sie durch selbstgeschriebene Texte ergänzt. Darin geht Sheherazade nicht nur mit ihrer Vergangenheit um und findet eine Ausdrucksform der Bewältigung, sondern artikuliert auch auf kreativ-assoziative Art die Wünsche einer jungen homosexuellen Muslima für ihre Zukunft in Dänemark.

2019 war Aamands Roman für den Preis der Jugendjury beim deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Eingereicht von Sotirios Kimon Mouzakis

Eremiten Presse, 64 S.

Christa Reinig; Müßiggang ist aller Liebe Anfang

Dieses Buch ist leider etwas in Vergessenheit geraten, so wie die Bücher der Wahlmünchnerin Christa Reinig überhaupt. Es enthält kurze Liebesgedichte der bekennenden Lesbe Christa Reinig für jeden Tag eines Jahres. Die Angesprochene ist ihre Frau, „Pauli“. Auch die Umwelt wird einbezogen. Noch heute aktuell. Die Sprache ist klar, schlicht, treffend. Kein Wort zu viel.

Eingereicht von Barbara Yurtdas

Kein & Aber, 294 S., Aus dem Englischen von Michaela Grabinger und Brigitte Walitzek. Auch in der englischen Originalausgabe (auch als eBook)

Jeannette Winterson: Frankkissstein

Der Ausgangspunkt ist die Entstehung des Romans Frankenstein von Mary Shelley während des Aufenthalts der Familie Shelley in der Schweiz. Auf einer weiteren Zeitebene (nahe Zukunft) treten die Personen in verwandelter Form auf: Der Arzt Ry Shelley (d.h. Mary jetzt als Mann/Transfrau) verliebt sich in Victor Stein, einen Experten für Künstliche Intelligenz. Themen: Was ist menschliche Identität, welche Rolle spielt das Geschlecht? Wohin führt KI? Sehr witzig geschrieben.

Eingereicht von Barbara Yurtdas

Alle Infos zum Blogslam gibt es hier:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Post Navigation