Digitalisierung!

Reading Challenge im April

„Digitalisierung“ ist zugleich ein ziemlich naheliegendes, aber dann doch ziemlich schwieriges Thema für unsere Reading Challenge 2019. Alle reden und schreiben darüber – aber worum geht es hier eigentlich? Um Künstliche Intelligenz, Social Media, eBooks oder Windows10? Zugegeben, Letzteres hat uns nicht so sehr interessiert, aber alles andere schon. Insofern findet ihr hier eine bunte Auswahl an Buchempfehlungen, die sich auf die eine oder andere Weise lohnen, wenn man mehr über unsere digitale Gegenwart erfahren und wissen will.

Birgit / Stadtbibliothek Am Gasteig

Es ist ziemlich merkwürdig, bei einem Thema wie Digitalisierung ein neun Jahre altes Buch zu empfehlen, aber es kann nie schaden aus der Geschichte zu lernen. Mit „Der Facebook-Effekt“ hat David Kirkpatrick die Anfangsphase des größten Social Media-Unternehmens festgehalten. Das Spannende dabei ist die Begeisterung, die dem Autor förmlich anzumerken ist. Eine Begeisterung, die beim Thema Facebook den meisten Menschen (übrigens auch bei Kirkpatrick nicht mehr so stark) heute ziemlich fremd ist. Obwohl Facebook bereits 2010 einige Skandale und Datenschutzprobleme hatte, herrschte zu der Zeit noch Aufbruchstimmung. Man fragt sich bei der Lektüre, wo dieses einst positiv geprägte Netzwerk und der damals sehr idealistisch wirkende Mark Zuckerberg hin verschwunden sind.

Eine Frage, die sich übrigens auch Schlecky Silberstein in seinem Buch „Das Internet muss weg“ 2018 stellt. Beziehungsweise: Er wünscht sich das Internet und die Sozialen Medien so wie das Facebook von 2006. Damals wollte Zuckerberg absolut keine Werbung auf seinem Netzwerk haben. Für Silberstein begann die zu kritisierende Version des Internets 2009 mit Facebooks Like-Button. Einer guten Idee mit schlechten Folgen. Schön an dem Buch finde ich die zwar sehr anschauliche negative Darstellung unserer heutigen Internetwelt, aber am Ende gibt es noch praktikable Ratschläge, wie man damit umgehen kann.

Wer es noch etwas negativer haben will und sich schon länger mit dem Gedanken trägt, aus dem ganzen System der Sozialen Medien auszusteigen, dem sei eindeutig Jaron Laniers „Zehn Gründe warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ ans Herz gelegt. Mich selbst hatte er fast so weit, jedoch sehe ich dann doch noch einige Aspekte ein wenig positiver (vielleicht auch nach der Lektüre von „Der Facebook-Effekt“).

Um den gesamten Komplex der Digitalisierung und der intelligenten Maschinen kümmert sich Yvonne Hofstetter in „Sie wissen alles“. Mich hat diese Frau mit ihrer klaren und verständlichen Sprache beeindruckt. Wer in das Thema einsteigen will, sollte ruhig mit diesem Buch beginnen. Zwar hat man danach vermutlich keine Alexa mehr im Wohnzimmer stehen, kauft sich aber dann doch eventuell ruhigen Gewissens einen Saugroboter.

Es ist schon eine Weile her seit ich „The Circle“ von Dave Eggers gelesen habe, aber es gibt Bücher, die beißen sich irgendwie in einem fest und kommen immer wieder zum Vorschein. So geht es mir damit. Im täglichen Umgang mit den Sozialen Medien blitzen immer wieder warnende Erinnerungen und Empfindungen auf. Dann denke ich mir „Das ist jetzt so eine ähnliche Situation, wie sie in dem Buch beschrieben wurde.“ Sollte man einen Hang zum Paranoiden haben, würde ich „The Circle“ nicht empfehlen. Sollte man sich dagegen dem Thema Digitalisierung/Soziale Medien/GAFA (Google Amazon Facebook Apple) über einen guten Roman nähern wollen, kann man es ruhigen Gewissens lesen.


Katrin / Öffentlichkeitsarbeit

Wer nach Büchern zum Thema Digitalisierung sucht, der oder die bekommt es mit der Angst zu tun. Die Sachbücher tragen dann gern dramatische Titel, die vor Gefahren warnen oder dunkle Mächte im Spiel sehen. Ich mag die anderen lieber: Bücher von Menschen, die nicht schwarz oder weiß malen, sondern erst einmal die Graubereiche ausleuchten und das Urteilfällen mir überlassen. Zu den Autoren, die ich in diesem Sinne mit Gewinn gelesen habe, gehören Felix Stalder und Roberto Simanowski, und es gibt natürlich noch jede Menge mehr. Gerade habe ich die Hälfte von Hannah Frys „Hello World“ durch und lese das sehr gerne, weil es sehr amerikanisch anschaulich ist und zugleich jede Menge Denkinspiration bietet.

Auf die literarischen Folgen dessen, was wir vereinfachend „Digitalisierung“ nennen, bin ich allerdings gespannter, und deswegen will ich hier drei sehr unterschiedliche Titel empfehlen. Der erste ist ein Essay von David Foster Wallace mit dem Titel „Autorität und amerikanischer Sprachgebrauch“. Der Text ist 2001 erschienen und hatte also keine Ahnung, was alles nach ihm passieren wird. Dennoch spricht er von nichts anderem (auch wenn es sich offiziell um die Rezension eines Wörterbuchs handelt), und zwar auf beinahe unheimliche Art; in einer Fußnote sagt DFW quasi die Wikipedia voraus, um im nächsten Satz zu erklären, warum so etwas Unsinn sei. Allein dafür lohnt sich dieser Essay, der sich in der Essay-Gesamtausgabe „Der Spaß an der Sache“ findet. (Über seine Erzählungen und Romane muss ich hier ja wohl nichts weiter sagen.)

Dann noch zwei deutsche Romane. In „Miakro“ – einem Kofferwort aus Mikro und Makro – verschachtelt Georg Klein mehrere mediale Ebenen. Wer da was oder wen beobachtet, bleibt unklar. Der Klappentext beschreibt das so: „Die Männer, die im Mittleren Büro ihren Dienst versehen, arbeiten, Pult neben Pult, am weichen Glas. Am Ende des Tages marschieren sie geschlossen zum aktuellen Nährflur, wo die bleiche Wand eine Speise für alle bereitstellt.“ Ziemlich spooky, aber auch ziemlich genial.

Christine Wunnicke dagegen blickt nicht in der Zeit voraus, sondern zurück. In ihrem Roman „Katie“ begibt sie sich ins 19. Jahrhundert und in das Labor des britischen Naturwissenschaftlers William Crookes, der das Mädchen Florence bei sich aufnimmt, die des nächtens als Medium der Piratenbraut Katie auftritt. Das war die Zeit, in der Wissenschaft und Spiritualismus einander noch nicht zwingend widersprachen und der Grundstein für die Digitalisierung des menschlichen Körpers gelegt wurde.

Und eine Lesung kann ich auch noch empfehlen: Am 11. April ist Michal Hvorecky mit seinem Roman „Troll“ in der Stadtbibliothek Neuhausen zu Gast. „Troll“ erzählt von einer zutiefst düsteren Zukunft in einem abgeschotteten osteuropäischen Land. Nach einem Hybridkrieg steuern von Oligarchen hochbezahlte Internettrolle präzise die öffentliche Meinung. Die Trolle verbreiten wüste Lügen und Verleumdungen und bestimmen so über die Biografien der Landsleute – mehr, als eine Polizei das je zuvor konnte.

Noch mehr (tägliche) Buchtipps zum Thema findet ihr auf Pinterest:

Featured Foto: Franck V. on Unsplash

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