Der Sommer ihres Lebens

„Weine nicht“ von Lydie Salvayre

Es sind nur zwei Monate – August und September 1936 – die das Leben von Montse prägen werden: In diesen zwei Monaten entdeckt das junge Mädchen das Leben, die Freiheit und die Liebe inmitten der hereinbrechenden Gewalt des beginnenden spanischen Bürgerkrieges. Und auch wenn sie heute – mittlerweile 90 Jahre alt – den größten Teil ihres Lebens vergessen haben wird, so bringt sie die Erinnerung an diesen Sommer immer noch zum Strahlen.

Wieder und wieder erzählt sie ihrer Tochter vom Sommer ihres Lebens, als sie, die 15jährige Bauerntochter aus einem kleinen katalanischen Dorf, kurz nach dem Beginn des spanischen Bürgerkriegs am 17. Juli 1936 mit ihrem Bruder nach Barcelona aufbricht, wo die anarchistischen Milizen die Macht übernommen haben. Ihr Bruder José ist glühender Anarchist und hat vergebens versucht, das eigene Dorf für die Umwandlung in ein selbstverwaltetes Kollektiv zu begeistern. Die beiden tauchen ein in eine Stadt im Ausnahmezustand, und Montse gibt sich zwei Monate lang dem allgemeinen Freudentaumel und Freiheitsrausch hin, stürzt sich in eine Liebe voller Leidenschaft und Verzauberung. Doch auf den Rausch folgt die Ernüchterung, zunächst kehrt ihr Bruder desillusioniert wieder zurück ins Dorf, bald folgt auch Montse – schwanger – widerwillig nach.

Das individuelle Schicksal Montses ist eingebettet in ein Kaleidoskop mit ganz anderen und verstörenden Bildern des Sommers 1936. Zu den eindrücklichsten gehören die Erfahrungen des französischen Schriftstellers Georges Bernanos, der von 1934 bis 1937 auf Mallorca lebte und dort die grausamen Verbrechen der Franquisten und den Opportunismus der katholischen Bischöfe erlebte und anprangerte. Und während Montse und Bernanos gefangen sind in ihren persönlichen Erfahrungen, tobt der Krieg nicht nur zwischen Franquisten und Republikanern, sondern auch die Rivalität zwischen Anarchisten und Kommunisten.

Und so stürzt die Autorin ihre Leser und Leserinnen in ein Wechselbad der Gefühle: von Euphorie bis Resignation, Glückseligkeit bis Verzweiflung. Kraftvoll und nicht ohne Pathos, zuweilen derb und sarkastisch erzählt Lydie Salvayre nicht nur die Geschichte ihrer Mutter, sondern auch die Geschichte einer zerrissenen Nation; dabei gehört ihre Anteilnahme immer den Entrechteten und Ausgebeuteten, leidenschaftlich verdammt sie die Brutalität der Mächtigen, die Selbstgerechtigkeit und Gleichgültigkeit vor allem der katholischen Würdenträger. Für ihren Roman wurde sie 2014 mit dem Prix Goncourt, dem bekanntesten französischen Literaturpreis, ausgezeichnet.

Bücher von Lydie Salvayre im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

 

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