Der alte Mann und Afrika

Paul Theroux: Ein letztes Mal in Afrika (Reisetagebuch)

Paul Theroux ist 76 Jahre alt. Er ist Reiseschriftsteller, hat schon aller Herren Länder bereist, unter anderem auch einige afrikanische. In Malawi hat er vor etlichen Jahren ein Weilchen gelebt – als Lehrer; eines seiner drei Kinder ist dort geboren. Theroux empfindet zu dem afrikanischen Kontinent eine tiefe Verbundenheit. Als junger Mann ist er auf dem Landweg von Ägypten an der Ostküste bis hinunter nach Südafrika gereist. Nun, als alter Mann von über 70 Jahren, möchte er sich in umgekehrter Richtung von Südafrika nach Timbuktu im Norden Malis bewegen, ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln – ohne Begleitung. Theroux reist am liebsten allein: „Reisen ist im besten Fall eine einsame Unternehmung. Um schauen, sehen und urteilen zu können, muss man allein und unbelastet sein“, schreibt er in seinem 2015 erschienenen Buch „Das Tao des Reisens“.

Ich bin schon immer allein gereist. Bei jeder anderen Form des Reisens wird das Erlebnis durch die Anwesenheit anderer geschmälert.

Zuerst hält er sich ein paar Wochen in Kapstadt auf, besucht dort einige Townships, um zu sehen, wie sich bestimmte Einrichtungen und Projekte während der vergangenen zehn Jahre entwickelt haben. Und bereits an diesem Punkt wird er zum ersten Mal zutiefst enttäuscht. Weiter geht’s dann per Bus über Namibia und Botswana – auch dort nur vereinzelte Lichtblicke – nach Angola. Vor Angola wird er von etlichen Leuten gewarnt: Es sei ein Albtraum, dort gäbe es außer Armut, Landminen und Kriminalität nichts, nicht einmal wilde Tiere, denn diese sind von alten Landminen in die Luft gesprengt worden. Sucht man jedoch im Internet nach den Schlagwörtern „Angola“ und „Urlaub“ wird einem das Blaue vom Himmel versprochen. Mag sein, dass Theroux in seinem Buch zur Übertreibung neigt, wenn er so manche afrikanische Stadt als Dreckloch bezeichnet und schließlich in der nordangolanischen Stadt Malanje beschließt, sein Vorhaben abzubrechen und den Rückweg anzutreten, weil er zu wissen meint, was er weiter im Norden vorfinden würde: „verfallende Städte, hungernde Massen, räuberische Jugendliche“. So stimmt das Buch nachdenklich, ohne auch nur auf einer Seite langweilig oder lehrmeisterlich daher zu kommen. Theroux sorgt mit Sätzen wie diesem: „Der blutrünstige selbsternannte, größenwahnsinnige und seit Jahrzehnten herrschende Staatschef mit der Moral einer Fruchtfliege nebst eitler, kaufsüchtiger Gattin, Helfershelfern und Schlägertrupps ist eine obszöne Besonderheit des afrikanischen Lebens, die vermutlich nicht verschwinden wird“ für ein bewegendes Leseerlebnis.

Paul Theroux: Ein letztes Mal in Afrika. Aus dem amerikanischen Englisch von Sigrid Schmid und Reiner Pfleiderer. Hoffmann und Campe Verlag, 414 Seiten

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Featured Image: jamie r. mink / Unsplash

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