Diskriminierung im Kinderbuch wird immer wieder heiß diskutiert, auch wir in der Münchner Stadtbibliothek setzen uns damit auseinander. In dieser Blogreihe haben wir Beiträge zusammengestellt, die in die Thematik einführen. Pädagogin Olenka Bordo Benavides hat sich am Beispiel von Otfried Preußlers „Das kleine Gespenst“ mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir mit Diskriminierung in der Kinderliteratur umgehen können.

Das kleine Gespenst und die großen Fragen
Die in dem folgenden Artikel vom Kleinen Gespenst zitierten Textstellen beziehen sich auf diese Ausgabe: Preußler, Otfried: Das kleine Gespenst, Thienemann 1966, 68. Auflage 2023.
Otfried Preußlers „Das kleine Gespenst“ erschien 1966 und zählt bis heute zu seinen bekanntesten Werken. Viele erinnern sich an die lustigen Abenteuer, sei es als Leser*innen der ersten Stunde oder aus heutiger Perspektive. Beim erneuten Lesen war ich selbst gespannt, manchmal amüsiert, manchmal irritiert. Einige Szenen waren bildhaft und lebendig, sodass ich sofort eintauchen konnte. In lebendigem Stil erzählt Preußler von Streichen, Begegnungen und Gedanken. Selbst unangenehme Erlebnisse sind Teil der Geschichte. Die Figur des Gespenstes wirkt nahbar, ich kann mit ihr lachen, mitfühlen und mitfiebern.
Wenn ich Emotionen spüre und mir die beschriebenen Orte plastisch vorstellen kann, möchte ich unbedingt mehr erfahren. Und ja, Preußler kann erzählen. Seine Sprache wirkt zwar altmodisch und trägt die Spuren ihrer Zeit, doch das kann sie interessant machen. Trotzdem gibt es Stellen, die bei mir Unbehagen auslösen: subtile Formulierungen, die ich beim Lesen nicht sofort einordnen konnte. Als erwachsene Leserin frage ich mich: Wie hätte ich mich als Kind dabei gefühlt?
Ich lese weiter und schaue mir zudem die Verfilmung aus dem Jahr 2013 an, doch das Gefühl bleibt. Diese Irritation lässt mich nicht los. Ich merke, dass ich verstehen will, was dahintersteckt. Denn auch wenn viele Menschen dieses Kinderbuch lieben, tun das nicht alle – zumindest nicht uneingeschränkt. Warum eigentlich nicht?
Die Geschichte handelt von einem kleinen Gespenst, das einen großen Wunsch hat: Es möchte den Tag erleben. Anstatt wie gewohnt nur nachts durchs Schloss zu geistern, sehnt es sich nach Sonnenlicht, Farben und neuen Eindrücken. Besonders schätzt es den Mondschein und die Gespräche mit seinem Freund, dem Uhu. Doch seine Neugier auf den Tag wächst und es möchte ein Taggespenst werden, um neue Erfahrungen zu machen.
Schließlich erwacht das Gespenst tatsächlich am Tag, denn die Turmuhr, die eben repariert wurde, geht plötzlich 12 Stunden nach. Und gerade hier verändert sich etwas: Als Nachtgespenst ist das kleine Gespenst weiß, als Taggespenst wird es schwarz. Preußler spielt bewusst mit der Binarität1 von Tag und Nacht, Hell und Dunkel sowie Weiß und Schwarz.
Mich beschäftigt in dieser Geschichte insbesondere die Darstellung von Norm und „Anderssein“, insbesondere dort, wo vermeintliche2 Fremdheit mit Bedrohung verknüpft wird.
Wenn „Anderssein“ zur Bedrohung wird
Im weiteren Verlauf begegnen die Bewohner*innen der Stadt Eulenberg dem nun schwarzen Gespenst mit wachsendem Misstrauen. Das Gespenst wird als „der schwarze Unbekannte“ und als „geheimnisvolle schwarze Gestalt“ beschrieben, die Unruhe stiftet und gerät unter Verdacht, einen Diebstahl begangen zu haben: „Seit dem Zwischenfall auf der Kreuzung gab es in Eulenberg […] große Aufregung. Um diese Zeit tauchte immer wieder an verschiedenen Stellen des Städtchens eine schwarze Gestalt aus dem Boden auf und erschreckte die Leute“ (S. 56). Und: „Am Donnerstag wurde die schwarze Gestalt mit den furchterregenden weißen Augen […] gesichtet“ (S. 57). Ein Vergleich im Sinne einer binären Gegenüberstellung wird hier deutlich: „Schade nur, dass die Leute gleich vor mir ausreißen! Als ich noch ein Nachtgespenst war, muss ich bedeutend harmloser ausgesehen haben als jetzt. Aber was will man dagegen machen?“ (S. 60). Zur Erinnerung: Das Nachtgespenst war weiß.
Verinnerlichte Weltbilder
Die wiederholte Verknüpfung von Schwarzsein mit Bedrohung und Schrecken reiht sich ein in eine lange Tradition anti-Schwarzer rassistischer Erzählmuster. In der Verfilmung von 2013 wird die Assoziation nochmals zugespitzt: Während der Beratung des weißen 3Bürgermeisters mit dem weißen Stadtrat sagt der Schwarze Briefträger (im Dialekt): „Was schauen Sie so? Ich bin es nicht.“ Die Szene soll humorvoll sein, wirkt jedoch vor allem konstruiert und reproduziert rassistische Denkweisen, nicht zuletzt, weil ausgerechnet in diesem Moment der Schwarze Briefträger erscheint, der eine hierarchisch untergeordnete Rolle verkörpert und zu den wenigen BIPoC-Figuren im Film gehört. Die Verbindung zum „schwarzen Gespenst“ wird dadurch verstärkt, nicht nur farblich, sondern auch in Bezug auf den Hautton des Briefträgers. In diesem Zusammenhang wirkt die Zuschreibung doppeldeutig und folgt rassistischen Codes, die über visuelle Merkmale vermeintlich humorvoll, zugleich aber klar positionierend wirken. Das ist kein Zufall: Die Inszenierung verfestigt stereotype und rassistische Assoziationen, die durch Humor relativiert werden – doch auf wessen Kosten wird hier gelacht?
Frantz Fanon analysierte 1952 in Peau noire, masques blancs (Schwarze Haut, weiße Masken), wie Schwarzsein in kolonialen Kontexten zur Projektionsfläche für das Wilde, Irrationale und Gefährliche wurde – im Gegensatz zum vermeintlich zivilisierten weißen Menschen. Diese binäre Gegenüberstellung prägt bis heute gesellschaftliche Vorstellungen von Identität, insbesondere in Bezug auf Schwarzsein. Hinter der scheinbaren Harmlosigkeit dieser Filmszene verbirgt sich damit eine deutliche Aussage – und mein Unbehagen kehrt zurück. Eine vertraute Assoziation drängt sich auf: Wer hat Angst vor …?
Für mich markiert diese Stelle einen Wendepunkt. Denn Kinderbuchgeschichten – so fantasievoll sie erscheinen mögen – entstehen nicht losgelöst von gesellschaftlichen Kontexten. Sie spiegeln die Vorstellungen, Normen und Denkfiguren ihrer Zeit wider. Figuren und Handlungen sind nie neutral, sondern Ausdruck verinnerlichter Weltbilder. Deshalb ist es wichtig, gerade scheinbar harmlose oder subtile Passagen kritisch zu lesen – insbesondere, wenn sie Ausschlüsse oder Zuschreibungen transportieren. Darüber hinaus greift die Erzählung weitere binäre Ordnungsmuster auf, beispielsweise die Gegenüberstellung von Mann und Frau im Rahmen einer heteronormativen4 Erzählweise.
Binäre Geschlechterbilder und Nebenrollen
Weibliche Rollen – wie Mädchen* und Frauen* – sind in der Erzählung unterrepräsentiert und meist auf Nebenrollen beschränkt. So wird „Fräulein Krause“ auf Seite 75 lediglich erwähnt, um eine Schere zu reichen. Figuren in repräsentativen oder öffentlichen Funktionen – etwa der Polizist, der Bürgermeister, der Uhrmachermeister oder Mitglieder des Stadtrats – sind durchweg männlich besetzt. Eine Ausnahme bildet die Lehrerin, deren Rolle jedoch stark mit Fürsorge und Vermittlung verbunden ist und somit traditionelle Geschlechterzuschreibungen bestätigt. Die Ehefrau des Apothekers wird wiederum ausschließlich als „Frau Apotheker“ (S. 126) bezeichnet – ihre Identität bleibt auf die Beziehung zum Mann reduziert. Marie, eine der drei Freund*innen des kleinen Gespensts, übernimmt zwar eine etwas zentralere Rolle, wirkt im Vergleich zu Karl und Hannes jedoch deutlich passiver.
Ein weiterer Hinweis findet sich in der Szene auf dem „Grünen Markt“: In der Illustration auf den Seiten 58 und 59 sind ausschließlich weiblich gelesene Figuren dargestellt – sogenannte „Marktfrauen“, viele mit Kopftuch und Schürze. Die Beschreibung auf Seite 56 hebt ihre lauten Reaktionen hervor: „kreischend und zeternd“. Damit werden stereotype Eigenschaften reproduziert, die tradierte Weiblichkeitsbilder fortschreiben.
Selbst, wenn die Erzählung als Spiegel damaliger gesellschaftlicher Vorstellungen gelesen werden kann, ließe sich gerade in einer fiktiven Geschichte – in der ein Gespenst existiert – problemlos eine Frau in der Rolle der Bürgermeisterin* oder der Polizistin* vorstellen. Sowohl im Buch als auch in der Verfilmung von 2013 wird diese Möglichkeit jedoch nicht genutzt.
Kritisches Lesen ist nicht emotionslos
Ich weiß aus Erfahrung, welche Wirkung es auf Menschen hat, wenn ich darauf hinweise, dass eine geliebte Kindergeschichte problematische Aspekte enthält. Dabei entstehen oft starke Emotionen. Und genau sie geben wertvolle Hinweise, dass hier etwas ist, das angeschaut werden sollte. Für viele wirkt es wie ein Affront: Eine nahestehende Person, sei es eine Bezugsperson oder ein Elternteil, hat mir dieses Buch vorgelesen. Was bedeutet das eigentlich für mich?
Oft wird mir rückgemeldet, ich würde ein vertrautes Weltbild infrage stellen, das mit Geborgenheit verbunden sei. Und ja, es ist nicht meine Absicht, dieses Gefühl von Geborgenheit und die damit verbundenen schönen Kindheitserinnerungen zu entwerten. Als Antidiskriminierungsberaterin ist es Teil meiner Arbeit, mich diskriminierungskritisch mit Medien, Büchern, Spielen und didaktischen Materialien auseinanderzusetzen und Gedankenimpulse zu setzen.
Klassiker
Viele Kinderbücher gelten als Klassiker. Ihre Erzählweise wird oft als „unantastbar“ wahrgenommen – nicht zuletzt wegen ihres Status. Für viele Leser*innen sind sie mit starken Emotionen verbunden: mit schönen Erinnerungen, aber ebenso mit schmerzhaften Erfahrungen, wenn Diskriminierung Teil der eigenen Kindheit war. Dürfen Klassiker kritisiert werden? Ich finde: Ja, unbedingt. Nicht nur, weil sie Irritationen auslösen können, sondern weil es notwendig ist. Wer diese Werke hinterfragt, reflektiert zugleich eigene Prägungen und gesellschaftliche Bilder, insbesondere bei fiktionalen Texten, die unser Denken oft unbewusst beeinflussen.
Ich arbeite mit jungen Menschen und habe selbst drei Kinder, von denen zwei bereits erwachsen sind. Sowohl die Erfahrung, Kinder zu begleiten, als auch die Arbeit mit Erwachsenen haben mich geprägt. In beiden Kontexten zeigt sich: Reflexion ist entscheidend.
Geschichten – ob fantasievoll, historisch oder scheinbar sachlich – sollten nicht unkommentiert bleiben, vor allem nicht, wenn sie verletzende Inhalte oder diskriminierende Sichtweisen reproduzieren.
Reflexion und Handlung
Ich habe die Möglichkeit, solche Stellen zu benennen und ins Gespräch zu bringen, beispielsweise mit einem einfachen „Huch, diese Stelle gefällt mir nicht so gut“. Anschließend überlege ich, wie man sie anders erzählen könnte. Und immer wieder zeigt sich: Kinder und Jugendliche reagieren erstaunlich kreativ und empathisch. Diese Empathie gilt es zu stärken.
Gerade bei diskriminierungsbeladenen Passagen ist es wichtig, Fragen zu stellen und gemeinsam nachzudenken, ohne dabei die Verbindung zueinander zu verlieren. Junge Menschen bringen eigene Ideen ein, deuten um oder schlagen Alternativen vor. So entstehen Gesprächsmomente, die über das Lesen bzw. Vorlesen hinausreichen: beim wiederholten Lesen, beim Betrachten von Bildern oder bei der Auseinandersetzung mit Gerechtigkeit.
In solchen Momenten dürfen das Gewicht eines Klassikers und der Anspruch auf Authentizität nicht schwerer wiegen als die Diskriminierungserfahrungen der Rezipient*innen.
Wenngleich Kinderbuchklassiker ein Abbild ihrer Zeit sind, müssen sie auf den Prüfstand gestellt werden. Vieles, was früher als „normal“ galt, wurde überarbeitet, anderes jedoch nie hinterfragt. Das macht es jedoch nicht weniger problematisch. Im Übrigen: Klassiker wurden im Lauf der Zeit immer wieder verändert und angepasst, oft ohne, dass dies bewusst wahrgenommen wurde. Umso auffälliger ist es, dass ausgerechnet bei rassistischen oder diskriminierenden Inhalten besonders heftige Debatten entstehen. Dabei geht es nicht um „Political Correctness“. Es geht darum, dass bestimmte Begriffe und Bilder für diskriminierungserfahrene Menschen schon immer verletzend waren – nicht erst heute. Das Argument, Kinder würden solche Inhalte „noch nicht verstehen“, greift zu kurz. Denn Kinder nehmen sehr früh wahr, was akzeptiert wird und was nicht. Sie verinnerlichen Normen über Sprache, Bilder und Verhalten, lange bevor sie diese bewusst benennen können.
Fragen, die helfen können
Diese Fragen können als Grundlage für die eigene Reflexion dienen:
Welche Gefühle lösen die Geschichten und Bilder in mir aus?
Welche Haltungen und Weltbilder werden vermittelt und stimmen diese mit meinen überein?
Welche Wirkung haben sie über das Buch hinaus?
Werden alle Figuren gleichberechtigt dargestellt?
Werden Menschen als „anders“ markiert?
Werden Ungleichheiten normalisiert oder kritisch kommentiert?
Was erzählen diese Geschichten eigentlich wirklich?
Zugegeben, diskriminierungskritisch zu lesen, ist nicht immer einfach. Medien zu hinterfragen, braucht Aufmerksamkeit, Mut und Energie. Aber es lohnt sich. Besonders dann, wenn etwas Unausgesprochenes endlich Worte bekommt und Irritationen ernst genommen werden.Ich erlebe, wie junge Menschen reagieren: mit Erleichterung, Aufmerksamkeit, manchmal mit Widerspruch – aber immer mit Resonanz. Das ist besonders der Fall, wenn sie sich in einer Darstellung nicht wiederfinden oder sich ausgeschlossen fühlen. Und doch kann dann das gemeinsame Nachdenken beginnen. Sie hinterfragen, deuten um und denken weiter. Kritisches Lesen kann sogar Spaß machen, wenn neue Lesarten entstehen und eigene Ideen entwickelt werden. So wird Lesen lebendig und verbindend.
Über Olenka Bordo Benavides
Olenka Bordo Benavides ist Pädagogin, Sozialwissenschaftlerin und Autorin mit den Schwerpunkten Kinderschutz, Empowerment, Dekolonialisierung sowie diskriminierungs- und rassismuskritische Bildungs- und Vermittlungsarbeit. Ein weiterer Fokus ihrer Arbeit liegt auf der Analyse von Darstellungen und Bildern in Medien. Sie veröffentlicht regelmäßig Beiträge in Fachbüchern, Sammelbänden, Zeitschriften und Kinderbüchern. Zudem leitet Olenka Bordo Benavides die Anlauf- und Fachstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen und Kitas in Friedrichshain-Kreuzberg (RAA Berlin). Sie ist Teil des Vorstands von QUEERFORMAT e. V. – Fachstelle Queere Bildung, gehört dem Colectivo Qellcay – Dekoloniale Praxis an und ist aktiv im Kollektiv SVK – Selbstverteidigungskurs mit Worten.
Fußnoten
- Binarität bezeichnet die Gegenüberstellung scheinbar gegensätzlicher Konzepte, wie etwa Tag und Nacht oder Weiß und Schwarz. Diese Denkstrukturen sind in vielen Erzählungen tief verankert, oft ohne, dass wir sie bewusst hinterfragen. Dabei transportieren sie Bewertungen und Hierarchien. So übernehmen wir Denkweisen und Deutungsmuster, die unser Handeln prägen, meist ohne es zu merken. ↩︎
- Vermeintlich verweist auf die gesellschaftliche Konstruktion von Fremdheit. Der Briefträger wird nicht wegen tatsächlicher Fremdheit, sondern durch anti-Schwarze rassistische Markierung als anders inszeniert, obwohl er Teil der Gemeinschaft ist. ↩︎
- Die Begriffe „weiß“ (kursiv und kleingeschrieben) und „Schwarz“ (großgeschrieben) bezeichnen keine biologischen Merkmale, sondern soziale Konstruktionen und politische Positionierungen. Die Großschreibung von „Schwarz“ verweist bewusst auf eine kollektive, widerständige Selbstbezeichnung im Kontext struktureller Machtverhältnisse in einer weiß dominierten Gesellschaft. Wird hingegen tatsächlich von Farben gesprochen, erfolgt die Kleinschreibung beider Begriffe. ↩︎
- Heteronormativ bedeutet, dass nur zwei Geschlechter, „männlich“ und „weiblich“, sowie ausschließlich Beziehungen zwischen Frauen und Männern als „normal“ anerkannt werden. Männern wird dabei Stärke, Rationalität und Führungskompetenz zugeschrieben, was sich in der Zuweisung zu leitenden Positionen zeigt. Frauen gelten als emotional, fürsorglich und passiv und werden häufig auf Sorgeberufe festgelegt, mit der Annahme, dies entspreche ihrer natürlichen Veranlagung. ↩︎
Gefördert im Rahmen von 360° – Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft der Kulturstiftung des Bundes.





Danke für diesen Text und die konkreten Anregungen am Ende.
Ich kann mich nicht entsinnen, dass im Buch ein Briefträger mit schwarzer Haut vorgekommen ist – den Film habe ich nicht gesehen. Jedoch kann auch ich nicht über den vermeintlichen Witz lachen. Vielleicht kommt man ja erst an dieser Stelle überhaupt auf die Idee, das schwarzfarbene Gespenst als diskriminierende Assoziation zu Menschen mit dunkler Hautfarbe zu sehen. Für mich persönlich hatte und hat die Geschichte keinen Bezug zu subtiler Diskriminierung von Menschen mit dunkler Hautfarbe. Das Gespenst ist Nachts weiß damit es als Gespenst überhaupt gesehen wird, tagsüber ist es schwarz und sticht dadurch mehr hervor als möglicherweise eine weiße Gestalt. Da tagsüber mehr Menschen unterwegs sind, wird die Anwesenheit nun bemerkt und es sorgt für Unruhe – schließlich gibt es keine Gespenster und ein Taggespenst ja schon dreimal nicht.
Treffend der Hinweis „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ – schon hier habe ich nie die Hautfarbe als gemeint verstanden, sondern stets die Kleidung. Der Einbrecher der Nachts ins Haus einsteigt ist schwarz gekleidet, nicht weiß, die Maske des Bankräubers ist schwarz und meistens, wer böses im Schilde führt, kleidet sich unauffällig – meist dunkel oder schwarz und ganz gewiss nicht rot oder orange…
Vielleicht sollte man bei der ganzen Diskussion um Diskriminierung sich einmal auf das Wesentliche in unserer Gesellschaft konzentrieren anstatt in jedem Kinderbuch gezielt nach etwas zu suchen, was man als solche interpretieren könnte. Ohne den Artikel abwerten zu wollen, erscheint mir das bei diesem Buch schon arg konstruiert und als intellektuelles Luxusproblem an der Ernsthaftigkeit von tatsächlicher Diskriminierung vorbei zu gehen – ja, sie sogar ein Stück weit der Lächerlichkeit Preis zu geben. Anders sehe ich es z.B. bei Büchern wie Pippi Langstrumpf im Taka-Tuka-Land… Deshalb ist es grundsätzlich richtig und wichtig, dass wir mit Literatur sensibel und kritisch umgehen. Gerade den Dialog über Bücher mit Kindern halte ich für essentiell wichtig – nicht nur vor dem Hintergrund von Diskriminierung, sondern allgemein: wie wird eine Geschichte aufgenommen, wie wird sie von verschiedenen Kindern unterschiedlich interpretiert, wo werden Ängste verstärkt oder entstehen überhaupt? Ja, das geht weit über das Lesen und Vorlesen hinaus – absolut.
Abschließend zur Rolle der Frau: Ja, ich stimme dem Artikel insoweit zu, dass die Verfilmung hier durchaus die Chance zu einer zeitgemäßen Umsetzung hat verstreichen lassen. Gerade der Film – und natürlich auch das Theater – mit seinen künstlerischen Freiheiten lädt dazu ein, Klassiker passend zum „Heute“ neu darzustellen und neu zu interpretieren. Schade, dass dies hier versäumt wurde. Zum Buch kann ich tatsächlich nur sagen, ja, das war damals so. Mit Kindern darüber sprechen macht auch hier Sinn. An dieser Stelle möchte ich meine persönliche Meinung zum Ausdruck bringen, für die nun bestimmt ein Shitstorm über mich hereinbrechen wird: Ich selbst, als noch relativ junge Frau, Mutter eines 6-jährigen Kindes, hätte so gar nichts dagegen, wenn die Rolle der Frau heute noch ein bisschen so wäre wie früher. Ja, ich wäre glücklich in einer Gesellschaft, in der ich voll und ganz einfach „nur“ (was heißt eigentlich NUR?!) Mutter und Hausfrau sein dürfte. Mich den Herausforderungen zu widmen, die das verantwortungsvolle Großziehen von Kindern bereitstellen und das ganz ohne Karrieredruck und dem Anspruch zusätzlich im Job „meinen Mann stehen zu müssen“. Und das ganz ohne schief angeschaut zu werden. Eine Mutter, die heute ausschließlich Mutter ist und nicht zusätzlich arbeiten geht, ist in unserer Leistungsgesellschaft ein absolutes No-Go geworden. Wer nicht zu den „starken“ Frauen gehört, die alles (scheinbar oder tatsächlich) unter einen Hut bekommen, ist außen vor und ja, ich fühle mich als Frau durch das ewige „Gleichstellungsgedöns“ diskriminiert. Solange eine Frau sich nicht im selben Maße für die althergebrachte Rolle entscheiden kann, wie dafür, bewusst kinderlos zu bleiben und z.B. dafür Vorstandvorsitzende eines DAX-Konzern zu sein, solange betrachte ich den Prozess der Emanzipation als für gescheitert. Oh und es ist ja nach wie vor so, dass eine Frau sich auch heute noch zwischen Familie und Karriere entscheiden muss – im Gegensatz zu den Männern. Es sei den man heißt von der Leyen und da wären wir wieder beim Modell „Powerfrau“. Unsere Leistungsgesellschaft ist diskriminierend, zwar anders als vor 100 Jahren, aber auf ihre Weise weit schlimmer…
Vielen Dank für Ihren Ausführlichen Kommentar und die vielen Gedanken, die Sie mit uns teilen. Der Postposte kommt tatsächlich nur im Film vor. Die Produzent*innen des Films führen diese Randfigur ein und verknüpfen sie mit dem nun schwarzen Gespenst, das in der Stadt sein Unwesen treibt. Dies zeigt, dass die unterschiedlichen Schattierungen des Gespenstes, also weiß oder schwarz, von den Produzent*innen als ethnische Kategorien verstanden werden. Sie verstärken dieses Bild sogar noch. Die Schattierungen des Gespenstes sind scheinbar nicht so neutral, wie man auf den ersten Blick annehmen würde. Ob im Stadtbild eine Schwarze oder eine weiße Figur in Erscheinung tritt, wird leider unterschiedliche bewertet, selbst wenn der Autor vermutlich die Verbindung schwarz wie die Nacht und hell wie der Tag im Sinne hatte. Daher ist es wichtig sich dieser (möglichen) Lesart bewusst zu sein und sie bei Kindern entsprechend einzuordnen.