Das Eis in der Hand
oder: Warum in München die Buchläden geschlossen haben

#kulturslammuc – Stadtkultur im Shutdown

Wie geht es den Münchner Bildungs- und Kulturinstitutionen? Wie schaffen es die Akteur*innen der Stadtkultur, für ihre Stadtgesellschaft da zu sein und weiterhin ihren Auftrag zu erfüllen? Diese und weitere Fragen stellt unser BlogSlam „Stadtkultur im Shutdown“. Alle sind herzlich zum Mitmachen eingeladen – mehr dazu gibt es hier.

Heute: Dunja Bialas über Buchhandlungen und Bibliotheken

von Dunja Bialas, artechock.de

Seit dem Beginn des Shutdowns befinden wir uns im Katastrophenfall. So hat es der bayerische Ministerpräsident Markus Söder genannt, und das ist keinesfalls alarmistisch. Ein Blick auf unsere Nachbarn in Österreich, Italien und Frankreich genügt, um zu sehen, dass Corona Leid bedeutet, großes Leid, wenn die liebsten Menschen um ihr Leben kämpfen. In E-Mails erzählen mir Freunde in Paris, wie sie ihr Leben organisieren, eingeschlossen in der glänzenden Metropole, auf engsten Quadratmetern, mitten in der Stadt.

Da haben wir es an der Isar besser. Einmal am Tag verlasse ich meinen Schreibtisch, der für mich als freie Journalistin von jeher Home-Office war, und gehe in den Auen am Fluss laufen. Meine Einkaufstätigkeit habe ich auf das Notwendigste beschränkt – ich mag den Widerspruch in den Supermärkten einfach nicht, einerseits von Ordnern dazu angehalten zu werden, auf Abstand zu achten, andererseits hinterrücks von Einkaufenden angerempelt zu werden und an der Kasse aufgrund der Enge zwischen den Waren-Laufbändern zwangsläufig ins Gedränge zu geraten. So kann ich mit meinen wenigen Ausgängen ins Freie als vorbildliche Shutdownerin gelten.

Alle offen. Nur eine nicht.

Wenn ich das Haus verlasse, komme ich unweigerlich an der Buchhandlung meines Vertrauens vorbei, die sich im Erdgeschoss befindet. Drinnen sehe ich die Buchhändlerin wie eh und je an ihrem Computer, fast sieht es aus, als würde sie auf Kundschaft warten. Als ich ihr einmal das „Börsenblatt des Deutschen Buchhandels“ vorbeibringe, das irrtümlich in meinem Briefkasten gelandet war, geraten wir in ein Schwätzchen – natürlich den Sicherheitsabstand wahrend. Eigentlich gehe es ihr nicht schlecht, erzählt sie, die Leute bestellen bei ihr, und sie liefert dann mit dem Fahrrad aus oder lässt per Post die Bücher zustellen. Letzteres aber sei eine schlechte Wahl, fügt sie hinzu, die Post sei gerade überlastet und brauche sehr, sehr lange.

Ich spreche an, dass alle anderen Läden in der Häuserzeile offen haben, nur sie nicht. Rational oder durch Virologie sei das nicht zu erklären. Die Apotheke nebenan lässt die Leute strikt nur einzeln rein, so dass sich auf dem engen Gehweg eine Schlange bildet, an der alle Anwohner vorbei müssen (noch ein Grund dafür, das Haus nicht zu verlassen). Aber auch die Konditorei am Eck hat offen, und der Dönerladen am anderen Eck. Bislang habe ich weder Sahnetorten noch Döner-Burger zu Nahrungsmitteln gezählt, aber das mag eine subjektive Einschätzung sein. Die Eisdiele vorne an der Tegernseer Landstraße hat auch auf, und man muss als Fußgänger auf die Straße ausweichen, weil sich die Schlange über den ganzen Gehweg hinzieht. Einmal schön viel Covid-19 inhalieren, während man die Wartenden passiert? Nein, vielen Dank. Es hat doch einen Sinn, warum die Leute Abstand halten sollen.

Lebensmittel Buch

Es ist nichts gegen die Sahnetorte, den Döner und auch nicht gegen die üppige Eiswaffel einzuwenden. Viel aber dagegen, dass meine Buchhändlerin und mit ihr die vielen anderen kleinen Buchhandlungen in München und Bayern, wie auch in den meisten anderen Bundesländern, nicht öffnen dürfen. Weil man Bücher angeblich nicht essen kann. Wohl aber, und das wissen die Bücherfreunde, „verschlingt“ man ein Buch. Sahnetorte, Eis und Döner sind dagegen eher schwer verdauliche Kost, da werden mir die Ernährungsberater wohl zustimmen.

Der PEN-Club hat reagiert und darauf hingewiesen, dass auch Bücher Nahrung seien, „geistige Nahrung“. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat dem zwar nur eine kleine Notiz eingeräumt, sich dafür am gestrigen Dienstag nach Ostern dem Phänomen gewidmet, dass die Buchhändler dank der euromilliardenschweren Auftragsbelastung von Amazon jetzt wieder zum Zuge kommen, und sich in der Krise mit einem individuellen Lieferservice ein längst verloren geglaubtes Kampfgebiet zurückerobern: den Buch-Handel.

Das ist schön und gut, aber wir sollten auch darüber nachdenken, welchen Stellenwert die Politik dem Lesen einräumt. Selbst Frau Kulturstaatsministerin Monika Grütters ließ die Gelegenheit ungenutzt verstreichen, den Buchhandlungen Versorgungsstatus zuzuschreiben. Reichlich naiv, als wäre sie nicht eine einflussreiche Staatsministerin, verlautbarte Grütters am 8. April 2020 in der „Süddeutschen Zeitung“: „Ich freue mich, dass Sachsen-Anhalt und Berlin Buchhandlungen für ‚lebensnotwendig’ erklärt und deshalb geöffnet gelassen haben. Mein Buchhändler sagt, es sei bei ihm gerade ‚wie vor Weihnachten’. Leider sieht das aber in anderen Bundesländern anders aus. Viele Buchhandlungen kämpfen da ums Überleben.“ Und dann lobte sie noch die individuelle Kreativität der Buchhändler und -händlerinnen, anstatt die Politik zu ermahnen, Buchhandlungen von den Schließungen auszunehmen.

Ohne Not könnte meine Buchhändlerin wie die Apotheke nebenan ihre Kundschaft einzeln eintreten lassen. Nur: sie darf es nicht.

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Dass es nachher besser wird

Verschärfend kommt hinzu, dass nun auch alle Bibliotheken – städtische, wie die Stadtbibliothek, und staatliche, wie die der Universitäten – geschlossen haben. Die Studierenden könnten jetzt wunderbar ihre Bachelor- und Masterarbeiten vorbereiten, die Abiturienten ihre Abi-Fächer vertiefen und mit einer glatten Eins ihre Schullaufbahn beenden. Eltern könnten Bilderbücher für die Kleinen ausleihen, Jugendliche die Romane von Miranda July oder Roald Dahl „verschlingen“, die Grundschulkinder „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ endlich auch lesen.

Auch die Bibliotheken wären sicherlich erfinderisch, wenn es darum ginge, an einer Buchausgabestelle das online bestellte Medium unter Wahrung der Sicherheitsabstände abzuholen. Endlich könnte man sich dann auf eine Bank in die Sonne setzen – in München seit dem Osterwochenende wieder erlaubt! – und einfach nur lesen, einen Stapel Bücher neben sich.

Die streamende Gesellschaft wieder zu einer lesenden machen – und später wieder zu einer, die ins Theater, ins Kino, ins Konzert geht, ohne sich dabei elitär fühlen zu müssen – das wäre doch ein schönes Ziel für die Zeit nach Corona. Denn, wie es jetzt überall heißt: Nach Corona wird es nicht mehr so sein, wie es vorher war. Sorgen wir doch dafür, dass es nach Corona besser wird!


Dunja Bialas ist freie Journalistin und Redakteurin des Online-Filmmagazin artechock.de, das gleich zu Beginn des Shutdowns die Kampagne „Support Your Local Bookstore“ lanciert hat.

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