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#faq, Folge 1

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Vision 2020: Alltagstest bestanden, Spannung steigt

„Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen“, Helmut Schmidts allseits bekannte Aussage auf die Frage, wo seine großen Visionen denn liegen mögen, ist viel und oft, vielleicht zu oft zitiert worden. Im nur vier Monate währenden Prozess der Visionsentwicklung der Münchner Stadtbibliothek fiel er ebenfalls das ein oder andere Mal. Allerdings nur dann, wenn die Skepsis der anderen zur Sprache kam, warum denn eine öffentliche Bibliothek eine Vision bräuchte. Weiterlesen →

Kommentare zu den Fragen und Antworten

Frage 1: In Ihrem Haus zieht eine neue Familie ein, die einen arabischen Namen trägt. Bei der ersten Begegnung wollen Sie Interesse signalisieren und gehen auf die neuen Nachbar*innen zu:

1) Ihr Name klingt arabisch. Haben Sie arabische Wurzeln?
2) Ihr Name ist mir noch nie begegnet, er ist schön. Hat er eine Bedeutung?
3) Sie sind neu hier im Haus, herzlich willkommen!

Es ist schön, dass Sie die neue Familie im Haus begrüßen und Interesse zeigen wollen. Sicher sind Sie neugierig, wer ins Haus einzieht. Vielleicht haben Sie auch Interesse an anderen Kulturen und freuen sich über einen Austausch. Da Sie die neue Familie noch nicht kennen, können Sie jedoch nicht einschätzen, was deren Geschichte ist. Ist sie neu nach Deutschland gezogen oder seit Jahren und mehreren Generationen hier verwurzelt? Die Frage nach der Herkunft oder den Wurzeln wird von vielen Menschen mit Migrationsbiografie als verletzend empfunden, denn sie impliziert, dass es so etwas wie eine „authentische“ deutsche Identität gibt, der sie nicht angehören. Möglicherweise wird es als weniger ausgrenzend empfunden, wenn Sie nach der Bedeutung des Namens fragen, allerdings können Sie das nicht sicher wissen. Verlassen Sie sich darauf, dass die erste Begegnung im Haus nicht die letzte ist und eine lange Nachbarschaft vor Ihnen steht, die gemeinsam gestaltet werden kann. Jeder von Ihnen wird etwas über sich preisgeben, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Es wird noch viele Gelegenheiten geben sich und die Geschichten hinter Ihren Biografien kennenzulernen.


Frage 2: Einhörner sind im Trend. Das merken Sie auch beim Besuch Ihrer sechsjährigen Nichte. Sie wünscht sich zum Geburtstag ein Kinderbuch von Ihnen auf dessen Bucheinband Einhörner und Mädchen in rosa Kleidchen abgebildet sind. Was tun sie?

1) Sie freuen sich, dass Ihre Nichte ein Interesse für Bücher hat und schenken ihr natürlich das Buch.
2) Sie regen sich furchtbar darüber auf, dass sie eine solch stereotype Darstellung von Geschlechterrollen gut findet und stellen die Eltern zur Rede.
3) Sie kaufen sowohl das Buch, das sich Ihre Nichte wünscht, als auch eines, das einen anderen Rollenentwurf aufzeigt, um ihr zwei Vorbilder zu bieten.

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wird die Farbe Rosa Mädchen zugeordnet und Blau Jungs. Im Marketing wird damit gespielt und Produkte für Mädchen und Jungen durch die Farben Rosa und Blau vermarktet. Konstruktionsbau- und Experimentierkästen sind eher blau, Puppen und Kochspielzeug eher Rosa. Damit werden Interessen konstruiert, denn Kinder versuchen sich bis ins Grundschulalter einer Gruppe zuzuordnen und sich den Erwartungen anzupassen, die auch über Marketing erweckt werden. Wenn Ihre Nichte sich ein rosa Buch mit Einhörnern wünscht, kaufen Sie es ruhig. Wichtig ist, dass Kinder lesen. Sie können ja zusätzlich noch ein Buch kaufen, das Ihnen besser gefällt. Erzählen Sie Ihrer Nichte Geschichten von Mädchen, die große Abenteuer erleben und unterstützen Sie sie dabei, auch andere Interessen zu erkunden, die als „eher männlich“ gelten. Wenn Sie sich dann zu den kommenden Geburtstagen immer noch rosa Spielsachen und Bücher von Einhörnern wünscht, können Sie sicher sein, dass sie sich auch wirklich aus Begeisterung damit beschäftigt.


Frage 3: Sie haben eine Auseinandersetzung mit einer Kollegin, die Ihnen – ganz unerwartet für Sie – Rassismus vorwirft. Sie sind völlig vor den Kopf gestoßen und verstehen nicht, was gerade passiert ist.

1) Sie versuchen zu verstehen was Ihre Kollegin verletzt hat und lassen sich erklären, warum sie Ihre Äußerung als rassistisch empfindet, um zukünftig anders zu handeln.
2) Sie ärgern sich und brechen die Unterhaltung ab, denn auf dieser Basis kann man nicht reden.
3) Sie sind völlig verunsichert und erklären Ihrer Kollegin, dass Ihre Äußerung nicht rassistisch ist und sie sie falsch verstanden hat.

Während der Kolonialzeit suchten die Kolonialmächte eine Rechtfertigung dafür, warum sie einzelne Gesellschaften kolonisieren und unterdrücken. Dafür erfanden sie die Rassentheorie, die eine Hierarchie unter den „Rassen“ aufstellte. Weiß wurde ganz oben verortet, was die Begründung für die Unterdrückung von ganzen Völkern lieferte. Die Rassentheorie wurde durch Geschichten, Bücher, Bilder immer wieder untermauert und prägte die neuen Generationen. Diese übernahmen die Geschichten und erzählten sie an die nächste Generation weiter – so geschieht es noch immer. In vielen Kinder- und Jugendbüchern werden Kinder bereits früh in ihrer Wahrnehmung und Rolle als „Weiß“ bzw „Schwarz“ geprägt. Weiße Menschen sind sich dieser Prägung meistens nicht bewusst. Daher werden tagtäglich Dinge unbewusst geäußert und getan, die rassistisch sind und / oder Rassismus reproduzieren. Signalisieren Sie Ihrer Kollegin, dass Sie ein offenes Ohr für sie haben und verstehen wollen, warum das Gesagte aus ihrer Sicht rassistisch war. Es ist wichtig zu erkennen, dass etwas rassistisch sein kann, auch wenn der Sprechende eigentlich keine rassistische Bemerkung machen will. Inzwischen gibt es viele Trainings- und Fortbildungsformate, die dabei helfen, diese unbewussten Rassismen zu reflektieren und abzubauen. Dies ist ein lebenslanger Prozess. Bücher wie „Was Weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters oder „Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus“ von Noah Sow helfen dabei zu verstehen, was Äußerungen oder das Verhalten von Weißen bei People of Colour auslösen kann. Trauen Sie sich hinzuschauen.


Frage 4: Sie haben einen beruflichen Termin mit Max Mustermann. Zu diesem Termin erscheint eine Person, die Sie weder eindeutig dem männlichen, noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen können. Sie sind irritiert und überlegen sich, wie Sie die Person ansprechen sollen.

1) Guten Tag, sind Sie Herr Mustermann?
2) Guten Tag, wer sind Sie? Ich erwarte Herrn Mustermann, er hat einen Termin mit mir.
3) Guten Tag Max Mustermann. Bitte sagen Sie mir doch, wie ich Sie ansprechen soll.

Die Geschlechtsidentität von Menschen kennt vielfältige Formen. Dies wirkt sich manchmal auch auf ihr äußeres Erscheinungsbild aus. Wenn eine Person nicht eindeutig zuzuordnen ist, kann dies im ersten Moment verwirrend sein. Es ist in Ordnung, eine solche Verwirrung zu empfinden, sie sollte aber nicht zu abwertenden oder ablehnenden Reaktionen führen. Sie können zunächst geschlechtsneutral formulieren, also den Vornamen und Nachnamen zur Ansprache verwenden und dann fragen, wie Ihr Gegenüber angesprochen werden möchte.


Frage 5: Bei einer Veranstaltung wird Ihnen ein junger Mann vorgestellt, der wissenschaftlich zu dem Thema der Veranstaltung publiziert hat. Aufgrund einer Erbkrankheit kann er weder gehen, noch sprechen und ist mit seiner Assistenz gekommen. Sie wollen dem jungen Mann zu den interessanten Forschungsergebnissen gratulieren.

1) Sie sind verunsichert, da der junge Mann nicht sprechen kann und wenden sich deshalb an die Assistenz.
2) Sie sind mit der Situation überfordert und wenden sich lieber dem Buffet zu.
3) Sie stellen sich trotz Ihrer Verunsicherung dem jungen Mann vor, sagen, warum Sie das Forschungsthema sehr interessiert und gratulieren ihm zu seiner Arbeit.

Oft kommt es vor, dass Menschen, die aufgrund einer Behinderung oder chronischen Erkrankung eine Assistenz benötigen, von anderen Menschen nicht als eigenständige Person wahrgenommen werden. Der Grund ist Verunsicherung und die Annahme, dass die Assistenz als Begleitung die richtige Adressatin bzw. der richtige Adressat ist. Wenn eine Person eine Assistenz benötigt, bedeutet dies jedoch nicht, dass sie unmündig oder nicht kommunikationsfähig ist. Menschen mit Behinderungen entscheiden in der Regel selbst, ob sie auf eine Assistenz zurückgreifen wollen, wen sie damit beauftragen und was dieses Person für sie tun soll. Durch diese Unterstützung im Alltag können sie trotz Behinderung ein selbstbestimmtes Leben führen. Sprechen Sie deshalb nicht die Assistenz an. Sie wird zu den Forschungsergebnissen nichts sagen können und Ihre Gratulation auch nur weitergeben. Stellen Sie sich stattdessen dem jungen Mann selbst vor und sprechen Sie direkt zu ihm. Wenn er dann bei der Antwort Hilfe braucht, wird er die Assistenz um Unterstützung bitten.


Frage 6: In der Kita Ihres Kindes sehen Sie einen ungefähr 5-jährigen Jungen, der immer wieder einen Rock trägt und seine Fingernägel lackiert hat. Ihr Kind möchte diesen Jungen zum Geburtstag nach Hause einladen. Wie reagieren Sie?

1) Sie lehnen ab, weil Sie nicht möchten, dass dieses Verhalten auf Ihr Kind abfärbt.
2) Sie suchen zuerst ein Gespräch mit den Erzieher*innen, um sich über diesen Jungen zu informieren.
3) Sie freuen sich, dass Ihr Kind einen guten Freund gefunden hat und laden ihn ein.

Kinder spielen manchmal mit Geschlechtsidentitäten. Dies kann einfach ein Spiel sein. Es kann auch darauf hindeuten, dass sich das Kind in der jeweils anderen Rolle und Erscheinung wohl fühlt. Wir leben in einer Welt, in der Eindeutigkeit von Geschlecht sehr wichtig zu sein scheint und stereotype Bilder vorherrschen. Tatsächlich gibt es aber sehr viele unterschiedliche Ausprägungen von Geschlecht. Dies ist nicht besorgniserregend sondern Ausdruck menschlicher Vielfalt. Freuen Sie sich, dass Ihr Kind einen guten Freund gefunden hat und laden Sie ihn ein. Reden Sie mit den Erzieher*innen über Ihre Unsicherheit, Sie finden sicher Verständnis und guten Rat! Im Laufe ihres Lebens, spätestens während der Pubertät und des Erwachsenwerdens, setzen sich die meisten Menschen mit ihrer Sexualität und ihrem Geschlecht auseinander und entwickeln eigene Vorstellungen davon. Wichtig ist zuzuhören, zu begleiten und da zu sein, wenn es Fragen oder Probleme gibt.