Arian Leka: Der Pazari i Ri Markt in Tirana | #MYNCHEN – 2

Der albanische Schriftsteller Arian Leka nimmt uns in seinem Text mit auf einen Streifzug über den Pazari i Ri Markt in der albanischen Hauptstadt Tirana. Hier eröffnet sich dem Autor ein märchenhafter Kosmos voller eigener Regeln und Bräuche, die im Kontrast zum modernen Tirana stehen. Der exklusiv für Stadt-Land-Geld entstandene Text vereint Humor und Wortwitz mit einer leisen Melancholie über eine im Verschwinden begriffene Welt. Arian Leka verfasste den Text im Original in englischer Sprache. Übersetzung ins Deutsche von Marion Hertle.

Arian Leka © Edi Matić

Arian Leka: Ein Schriftsteller auf dem Markt

Wenn ich rausgehe, um etwas einzukaufen, gehe ich gleichzeitig auch raus, um etwas zu verlieren. Erstens: Mein Geld. Zweitens: Meinen Verstand. Normalerweise bezahle ich mit LEK, albanischen Lek. Vierzig Jahre vor meiner Geburt, genauer gesagt im Februar 1926, kam die albanische Münze namens „Lek“ zum ersten Mal in Umlauf. Die Münze war nach Alexander dem Großen benannt, dessen Spitzname in Albanien „LEKA“ ist. LEKA ist auch mein Nachname und an diesem Punkt bekommt die Geschichte ihre Würze.

Deshalb muss ich überall und für alles mit „meinem eigenen“ Geld zahlen. Das ist der Witz, den ich (oft erfolglos) Leuten erzähle (vor allem ausländischen Freunden), um ihnen mitzuteilen, dass ich derjenige bin, der die Rechnung bezahlen muss. Wollen Sie einen überzeugenden Grund dafür hören? Weil die Frage, wer den Kaffee bezahlen wird, in Albanien immer noch viel mit Prestige zu tun hat, und ich der einzige von ihnen bin mit „Geld von der eigenen Hausmarke“! Und ich weiß: die schönsten Dinge sind in Tirana immer noch umsonst oder günstig.

Der Markt, Pazari, wie ihn die Einheimischen nennen. Das ist der Ort, an dem das Glück neben der Trauer Position bezieht, wie miteinander wetteifernde Rennpferde, die auf mich zu galoppieren.

Ich gehe zur Himë Kolli-Straße, in der ich zwischen Wolkenkratzern eingeklemmt ein paar der alten Häuser Tiranas sehen kann, mit roten Dächern, Kaminen, einer Katze auf der Mauer und Kaki- oder Zitronenbäumen, die über dem Gartenmäuerchen hervorragen. Es geht mir nicht um Nostalgie, aber ich mag Städte, in denen es immer noch verschiedene Formen der Natur gibt, die Vergangenheit und die Zukunft. Ich komme hierher, weil sich in dieser Straße irgendwo zwischen der katholischen Kirche und der Moschee noch eine andere Glaubenseinrichtung befindet: Der Markt, Pazari, wie ihn die Einheimischen nennen. Das ist der Ort, an dem das Glück neben der Trauer Position bezieht, wie miteinander wetteifernde Rennpferde, die auf mich zu galoppieren.

Ich komme wegen Obst und Gemüse her, aber vor allem wegen der Menschen, die es verkaufen. Keiner von ihnen kann sich eine kleine Wohnung oder einen winzigen Laden in den umgebenden Wolkenkratzern leisten. Aber im Gegensatz zu dem teuren Supermarkt, der sich darin befindet, wo eine Frucht aus Afrika neben einer aus Australien liegt, und kein weiter Ozean sie trennt, gibt es im Pazari keine ethnischen oder geographischen Konflikte. Die Waren grenzen aneinander wie ein Feld ans nächste.

Er ist real, aber dieser Ort ist kein Paradies. Immer schon gab es Gerede, dass Pestizide und Hormone immer stärker in diesen Pazar im Herzen der Stadt drängen. An einem gewissen Punkt sind die Verkäufer ehrlich, irgendwie. Sie geben nicht vor, Anwärter auf den Heiligenstatus zu sein. Sie versprechen nie, dass sie mühelos der Versuchung des Wettkampfs auf dem Markt und dem süßen Klimpern von Lek widerstehen. Sie sagen einfach nur, dass sie immer noch arm sind und sich Hormone nicht leisten können.

Aber was mich so reizt ist, dass in diesem Viertel nichts der futuristischen Welt angehört. Keine Kreditkarten! Nur Bares!

Aber was mich so reizt ist, dass in diesem Viertel nichts der futuristischen Welt angehört. Keine Kreditkarten! Nur Bares! Verkäufer denken einfach: Solange das Obst und das Gemüse hier nicht virtuell ist, warum sollte es dann das Geld sein? Alles, was zum Markt gehört, ist unmittelbar und offen. Werden sie nicht verkauft, welken die Waren und verrotten, genau wie die Stimmen und Grüße der Menschen darin. Nichts lebt für das Morgen. Nichts ist wichtiger als das Lächeln. Das Lächeln spielt die Rolle einer Ampel im Pazari. Warm (ist rot). Kalt (ist grün). Müde (ist gelb). Ein Lächeln ersetzt die Werbeanzeigen. Gesichter sind menschliche Bildschirme. Ein Lächeln liegt jenseits jeder Sprache – es ist übersprachlich. Jeder aktiviert seine Sinne und Sensoren. Jeder kennt die Regeln. Ich muss das Obst und Gemüse berühren. Der Verkäufer muss mein „Hausmarkengeld“ berühren.

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Der Pazari i Ri Markt in Tirana, Foto: Kevin Jasini https://www.flickr.com/photos/145666024@N03/33507821515/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58515728

Der beste Gesprächsbeginn ist womöglich nicht „Wie viel kostet diese Frucht?“ sondern „Für wie viel gibst du sie mir?“, weil es sinnlos ist, an einem Ort nach festen Preisen zu fragen, an dem Sprache nicht geschrieben sondern gesprochen wird. Pazari gehört der Märchenwelt an, wo die Schrift noch nicht erfunden ist und die grüne Krone an diejenigen geht, die am schönsten sprechen und ihre Stimmen erheben können, wie Dichter.

Dennoch sind auch im Pazari die Schriftsteller nicht von Wert, obwohl ich für gewöhnlich darauf bestehe, mit Schriftstellern zu bezahlen. Jeden Tag benutze ich zwei Scheine, einen mit Naim Frashëri[1] (= 1,50 Euro) und einen mit dem Porträt von Fan Noli[2] (= 1Euro). In unseren Zeiten ist es ebenso paradox, dank der Hilfe von Dichtern und Schriftstellern weiterzuleben, wie es auch ineffizient ist, das Gebet an sie zu richten: Unsere Dichter im Himmel, gebt uns auch heute euer tägliches Gesicht! Können Sie sich vorstellen, wie es aussieht, wenn mitten in einem alten Pazar in einer halbmodernen Stadt ein Mitglied von Lekas Familie steht, der nicht nur mit Lek bezahlt, sondern auch noch mit Scheinen, die die Gesichter toter Schriftsteller tragen?

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Arian Leka am Strand von Durres © Jakob Berr

Aber vielleicht wäre es besser über Gewicht zu sprechen, das hier noch immer nicht genormt ist, weil es im Pazari nicht von so großer Bedeutung ist. Einmal kam ich nachhause, und wollte aus reiner Neugierde das Gewicht meiner Tasche mit Obst und Gemüse wiegen. Ich stellte lediglich fest, dass ich nur ein paar Gramm weniger hatte, als es sein sollte. Mir ist bewusst: Immer, wenn ich vom Pazari zurückkehre, habe ich etwas weniger in der Tasche. Aber das versteht sich von selbst. Das Lächeln und die verlockenden Scherze der Straßenverkäufer sind nicht mehr darin. Aber manchmal, wenn die städtische Polizei versucht, diese „kleinen Straßenpiraten“ dazu zu zwingen, sich einen legalen Platz in unserer archaischen Freier-Markt-Wirtschaft zu suchen, finden ihre Rufe und Beschwerden ebenfalls Platz in meiner Tasche. Doch einer Gewissheit bleibe ich immer treu: Ich zahle weniger als ich bekomme.

Von der Ecke aus kann ich einen weiteren Wolkenkratzer sehen, mit einem großen Einkaufszentrum im Erdgeschoss, der sich nah am Pazari erhebt. Schon bald wird seine Aura und die Stadtlegenden, die sich um ihn ranken, verschwinden, auch wenn ich über ihn schreibe.

Es gibt weniger Werbetricks und dämonische Kunden im Pazari, und ich bringe zu Ende, was ich zu erledigen hatte. Am Ende der Reise habe ich immer noch ein paar Münzen in meiner Tasche für einen guten Kaffee, der, gemessen an seiner Qualität, wenig kostet. Von der Ecke aus kann ich einen weiteren Wolkenkratzer sehen, mit einem großen Einkaufszentrum im Erdgeschoss, der sich nah am Pazari erhebt. Schon bald werden seine Aura und die Stadtlegenden, die sich um ihn ranken, verschwinden, auch wenn ich über ihn schreibe. Dann werde ich mit meinem persönlichen Familien-Lek-Geld, das die Abbilder von Schriftstellern und Dichtern trägt, grelle Marken und perfekt geometrisch geformte Früchte in Supermärkten kaufen. Vielleicht kaufe ich dabei keine Plastiktüten mehr, aber ein künstliches Lächeln auf jeden Fall.

[1] Naim Frashëri (1846-1900) gilt heutzutage gemeinhin als der Nationalschriftsteller Albaniens.

[2] Fan Noli (1882-1965) war eine herausragende und vielseitige Persönlichkeit der albanischen Literatur, Kultur, des religiösen Lebens und der Politik.

Text: Arian Leka, Übersetzung aus dem Englischen: Marion Hertle

Hier geht es zur englischen Originalversion des Textes: Arian Leka: the Pazari i Ri market in Tirana | #MYNCHEN – 2


Arian Leka (*1966 in Durrës, Albanien) schreibt Lyrik, Prosa, Essays und Literaturkritiken und hat bereits mehrere Lyrikbände, Erzählungen und einen Roman veröffentlicht. In seiner Heimatstadt Durrës in Albanien begründete er das Lyrikfestival Poeteka. Daraus ging die gleichnamige Literaturzeitschrift hervor, deren Chefredakteur und Herausgeber er ist.  Seine literarischen Werke wurden mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet und ins Deutsche, Englische, Französische, Serbo-Kroatische, Rumänische, Mazedonische und Bulgarische übersetzt. Aktuell arbeitet Arian Leka als Dozent für Literaturwissenschaft und Wissenschaftler an der Akademie für albanische Studienin Tirana.

Bisher sind in deutscher Sprache von Arian Leka erhältlich:

Der Schriftstellerin Arian Leka aus Albanien, Foto © Edi Matić
Der Schriftsteller Arian Leka aus Albanien heißt wie die Währung in seinem Land, Foto © Edi Matić

Stadt – Land – Geld #MYNCHEN

Was kostet die Stadt? Was kostet das Land? Und zwar nicht nur finanziell, sondern auch sozial, kulturell und psychisch. Gemeinsam mit internationalen Kulturschaffenden fragen wir im zweiten Teil von #MYNCHEN: Stadt oder Land? Und: Kann man sich die Wahl überhaupt leisten?

Hier stellen wir Euch die beteiligten Künstler*innen und Schriftsteller*innen vor:

Stadt – Land – Geld: Die Stadt im Blick von Kunst & Literatur | #MYNCHEN – 2

Bisher erschienen:

Das Projekt wird gefördert im Programm

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