Annette Kolb schreibt und spricht gegen den Krieg: „Was der Tor von seiner Anhöhe sieht“ | #femaleheritage

Dämonisierung, Dehumanisierung und die Trauer um die Toten – „Raster des Krieges“: Annette Kolb kritisiert die Kriegsberichterstattung in ihrer Dresdener Rede von 1915. Als deutsch-französische Autorin gehört sie zwei kulturellen Identitäten an, die sie als Schlüssel des Friedens begreift. Wie bildet sich Identität heraus? Wie ist Annette Kolbs Umgang damit? Und was ist ihr pazifistisches Vermächtnis? Das analysiert die Dramaturgin Veronika Maurer für #femaleheritage.

Annette Kolb, Fotografie von unbekannt © Münchner Stadtmuseum
Annette Kolb, Fotografie von unbekannt, © Münchner Stadtmuseum

Annette Kolb über Kriegsberichterstattung und Dehumanisierung: „Raster des Krieges“

Die Münchner Autorin Annette Kolb hielt 1915 auf Einladung der Dresdener Literarischen Gesellschaft eine Rede, die in Tumult mündete. Kolb musste die Bühne verlassen, anschließend die Stadt. Warum war das Publikum so aufgebracht?

Annette Kolb hatte sich vehement gegen den Krieg ausgesprochen. Und diejenigen benannt, die sie für schuldig hielt daran, dass er nicht aufhörte: die Redakteure, in deren Zeitungen Artikel voller Hass und Verleumdungen erschienen:

Hätte man nur zehntausend hetzerische Zeitungsschreiber aus allen Ländern zusammengetrieben, die ihre finstere Gewalt über die urteilslose Masse mißbrauchen, […] die heute weiterkläffen von allen Ufern des Roten Meeres, das gespeist wird von dem Blute Unschuldiger, so hätte man heute nicht in allen Ländern, welche dieses Rote Meer umgrenzen, man hätte heute nicht das Schauspiel junger Krüppel, junger Blinder, überfüllter Narrenhäuser, zu Greisen geschlagener Jünglinge […].[1]

Annette Kolb beschäftigt sich in ihrer Rede also nicht mit den Ursachen des Kriegs. Vielmehr fragt sie danach, was der Idee von Krieg eine hegemoniale Stellung verschafft, warum die Bevölkerung den Krieg befürwortet. Die Verantwortlichen findet sie unter den Meinungsmachern in den Redaktionen.

Kolb beklagt, dass in Zeitungsartikeln Lügen über die gegnerische Kriegspartei verbreitet werden, die zu grausameren „Vergeltungstaten“ anstiften und damit eine Eskalationsspirale befeuern:

[B]ringt sie [die Presse] Lügen über Greuel, so werden Greuel daraus.[2]

Judith Butler hat darauf hingewiesen, dass diskursive Rahmungen bestimmen, welche Leben überhaupt als Leben wahrgenommen werden und sich infolgedessen für den Schutz vor Gewalt und Zerstörung qualifizieren.

Wenn bestimmte Leben gar nicht als Leben gelten oder von Anfang an aus gewissen epistemologischen Rastern [frames] herausfallen, dann werden diese Leben im vollen Wortsinn niemals gelebt und auch niemals ausgelöscht.[3]

Diese Rahmungen sind Ergebnis und Ausdruck von Machtprozessen sowie mächtige Instrumente. Als „Raster des Krieges“, die selektieren, welche Menschenleben zählen, gehören sie selbst zu den Kriegsmitteln. Ein Menschenleben, das nicht als solches anerkannt wird, gilt nicht als lebendig und kann folglich auch nicht getötet werden. Gerade in der Kriegsberichterstattung entfalten diese Rahmen oder Raster Wirkung.

Annette Kolbs Kritik an der Kriegsberichterstattung bezieht sich nicht nur darauf, dass Feindschaft und Kriegslust aufrechterhalten werden. Dämonisierung und Dehumanisierung des Gegners führen dazu, dass seine Liquidierung nicht mehr das Töten eines Menschen bedeutet.

Presseberichte als Kriegspropaganda

Als die USA 1917 in den Krieg eintraten, sorgte der erste Spindoctor Edward Bernays für Rückhalt in der US-amerikanischen Gesellschaft. Seine Methode, die er anschließend theoretisch und praktisch ausarbeitete, nannte er Propaganda (später in PR und Politische Kommunikation umbenannt). Er beschrieb sie als „engineering of consent“, die Herstellung von Zustimmung.

Auch Annette Kolb markiert in ihrer Dresdner Rede die Berichterstattung als Propaganda und damit als eine produktive Ebene des Kriegs. Die Presseberichte haben nicht bloß abbildende Funktion; sie formen gesellschaftliche Diskurse, die wiederum Kriegshandlungen stützen. Damit löst Kolb alle Zwangsläufigkeiten zwischen dem kolportierten Kriegshandeln des Feindes und der Reaktion darauf auf. Sie macht diese Abläufe befragbar, neu diskutierbar. Es schlägt ihr Wut entgegen.   

Kurz nach dem Dresdner Intermezzo, vom Bayerischen Kriegsministerium mit einer Brief- und Reisesperre belegt, geht Annette Kolb ins Exil in die Schweiz. Ihre radikalen Äußerungen gegen den Krieg kosten sie einen hohen Preis. Doch so sehr sie sich zur Außenseiterin und Zielscheibe macht – sie bleibt in ihrer pazifistischen Haltung entschieden:

Wenn auch kein einziger mir seine Zustimmung gäbe, es beirrte mich nicht; so stark ist der Ruf.[4]

Vielfach beschreibt sie das Gefühl, vom Rest der Menschheit getrennt zu sein, da sie die Kriegsbegeisterung nicht teilt. Diese Passagen stechen literarisch hervor; nur eine davon sei hier angeführt:

Doch vom Tag an, wo das Sengen und Brennen und Schießen und Erstechen und Niederstoßen und Erwürgen und Bombenwerfen und Minenlegen anging, von dem Tag an, siehst du, bin ich eine Ausgestoßene; von einer solchen Welt bin ich geschieden; wie ein Idiot.

Denn ich verstehe ja nicht. Wie ein Idiot erschrecke ich vor den Menschen und fürchte mich seitdem. Sonst so städtisch, treibt es mich seitdem in schlafende Dörfer, in unbegangene Wälder hinein, als gebe es noch eine Flucht, und als sei die Tatsache dieses Krieges nicht längst ins Weglose eingetragen und brütete nicht über das verlassene Moor. Selbst die reinen Linien der Berge sind von ihm durchfurcht, von grauenvollem Wissen ist der Mond umhaucht; keine Alm steht mehr in ihrer Unschuld da. Was ihn erst unglaubhaft erscheinen ließ, das gemahnt jetzt alles an ihn. Auf keinen Tisch, keine Türklinke können wir die Hand unvoreingenommen legen, wie eine bittere Hefe ist er in unser Brot gebacken, und selbst im Traume nagt das dumpfe Wissen um ihn.[5] 

Annette Kolbs „Briefe einer Deutsch-Französin“: kulturelle Identitäten und Sehnsucht nach Frieden

Von dem Eklat in Dresden berichtet Annette Kolb, Tochter eines bayerischen Gartenarchitekten und einer französischen Pianistin, in „Briefe einer Deutsch-Französin“. In den ersten Kriegsjahren geschrieben, schildert sie darin ihre Empörung und Wut sowie ihre Sehnsucht nach Frieden.

Die Aufforderung an die Bevölkerung, „sich auf die Unze genau zu ihrem Blute zu bekennen“, führt Kolb in ein Dilemma. Gehört sie doch ihrer Abstammung nach in gleichem Maße zwei Nationen an. Beiden ordnet sie positive Eigenschaften zu; sie spricht von „Wesensmerkmalen“, „das Bleibende im Charakter einer Nation“. Ihrer Auffassung nach würden sich diese unterschiedlichen Eigenschaften im Grunde optimal ergänzen.

Für Annette Kolb liegt in ihrer doppelten Zugehörigkeit ein Schlüssel zum Frieden. Menschen binationaler Herkunft seien in der Lage, zwischen ihren beiden Herkunftsländern zu vermitteln, schlägt sie dem Dresdner Publikum vor:

Denn wir stehen mitten auf einem Laufsteg über dem Graben […] Von der Natur auf unsere heute verlorenen Posten hinausgewiesen, sind uns dort […] Dinge übersichtlich, die sich Ihren Blicken entziehen. Es ist keine Besserwisserei im Spiel. Der Weise aus der Ebene wird sich nichts vergeben, wenn er den Toren fragt, was er von seiner Anhöhe sieht.[6]

In Annette Kolbs Text findet sich aber noch eine andere Spur, die aus der Kriegslogik hinausführt und dabei nicht auf (doppelter) Identität basiert. Denn die oft emphatisch betonten Zugehörigkeiten sind längst nicht stabil. Weniger die Stimme des Blutes als vielmehr die feindliche Gesinnung ihrer jeweiligen Umgebung provozieren Annette Kolb zur nationalistischen Geste. In Deutschland wird sie zur glühenden Französin und umgekehrt.

Die nationale Begeisterung verlässt Annette Kolb aber auch sehr plötzlich wieder:

Draußen hingen Fahnen übernächtig und durchnäßt von den Dächern herab ob irgendeines Sieges. Da entglitt mir die Treue wieder, die mich doch beseelte, und über das Gefühl für das Nächstliegende gebot ich nicht.[7]

Das Beteuern der nationalen Zugehörigkeit stellt sie schließlich als bewusste Pose dar:

[…] im Ausland […] berief [ich] mich auf mein Deutschtum mit einem fast prahlerischen Enthusiasmus.[8]

Zugehörigkeit gibt sich als Performance zu erkennen.

Damit gelangt Annette Kolb nah an ein postmodernes Denken, das Identität nicht mehr als vorhandene, feste Größe denkt. So schreibt Stuart Hall, dass es keine kulturelle Identität vor der Repräsentation gibt. Erst indem sie artikuliert wird, wird kulturelle Identität produziert. Das heißt aber nicht, dass sie beliebig wählbar wäre. Das Zusammenspiel aus Geschichte, Kultur und Macht gestaltet die Bildung der Identität:

[…] Identitäten [sind] die Namen, die wir den unterschiedlichen Verhältnissen geben, durch die wir positioniert sind und durch die wir uns selbst anhand von Erzählungen über die Vergangenheit positionieren.[9] 

Diese Positionierung findet als ein Prozess statt, der in keine finale Identität mündet, sondern sich ständig weiterbewegt und neue Bedeutungen mit einschließt.

Annette Kolbs „Briefe einer Deutsch-Französin“ lassen sich als Repräsentation lesen, die eine von Differenz durchzogene kulturelle Identität konstituiert. Ihre Position steht nicht mehr unter dem Druck, ihre Uneindeutigkeit erklären zu müssen, da sie sich ohnehin nicht stabilisieren lässt.

Was Annette Kolbs oben erwähnter „Tor von seiner Anhöhe sieht“, ist eine Perspektive auf Identität als bewegliche Positionierung. Kolbs pazifistisches Vermächtnis lässt sich (auch) darin finden, dass ihr Schreiben dem „Bleibenden im Charakter einer Nation“ den Boden entzieht. Denn nur das Bleibende und Homogene kann sich kriegerisch abgrenzen oder den inneren Fremdkörper bekämpfen.  

Trauer um die Toten: Anerkennung der Menschlichkeit

Annette Kolbs Position als Autorin der Briefe lässt sich noch auf eine zweite Weise charakterisieren. Der Adressat ist ein toter Freund. Kolbs Perspektive ist die der Trauer um die Gefallenen. Krieg bedeutet für sie nicht Gebietsgewinne, Schmach oder Vergeltung – sondern Tote. Und zwar nicht als anonyme Masse: Sie betrauert die Toten als Einzelne, als wertvolle, von jemandem geliebte Menschen mit einem ganz konkreten, nun verlorenen Leben. Dieser Verlust ist für Annette Kolb durch nichts aufzuwiegen.

Die Trauer spielt in Judith Butlers Überlegungen zu den Rastern des Kriegs, die ein Menschenleben erst als solches wahrnehmbar werden lassen, eine zentrale Rolle. In der Trauer wird die Menschlichkeit gerade angesichts des Verlusts des Lebens anerkannt.

Indem Annette Kolb in ihren Briefen der getöteten Soldaten in Trauer gedenkt, kehrt sie die dem Krieg geschuldete Dehumanisierung um. Sie verwandelt die toten Körper soldatischen Menschenmaterials in die Leichname von Brüdern, Söhnen, Liebespartnern, Freunden; Menschen, deren Leben und deren Unversehrtheit zählen.

Autorin: Veronika Maurer

Veronika Maurer, Dramaturgin und Autorin dieses Beitrags
Veronika Maurer, Dramaturgin und Autorin dieses Beitrags.
Foto: © lupispuma.com

Veronika Maurer studierte Philosophie in Wien und Paris und arbeitete als Dramaturgin am Burgtheater Wien, Residenztheater München, Schauspielhaus Graz und Volkstheater Wien. Derzeit ist sie Dramaturgin im Team des designierten künstlerischen Leiters des Brechtfestivals Augsburg Julian Warner.


[1]  Annette Kolb, Briefe einer Deutsch-Französin, in: dies.: Werke. Im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung hg. v. Hiltrud und Günter Häntzschel, Göttingen 2017, Bd. 1, S. 405.
[2] Ebd., S. 443
[3] Butler, Judith: Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen, Frankfurt am Main 2010, S. 9.
[4] Vgl. FN 1, S. 449.
[5] Ebd., S. 379.
[6] Ebd., S. 459 ff.
[7] Ebd., S. 390.
[8] Ebd., S. 458.
[9] Stuart Hall: Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2, Hamburg 1994, S. 29.


Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
81675 München

Öffnungszeiten: Mo – Mi, Fr 9.30 – 17.30, Do 12.00 – 19.00 | Ausstellungen auch Sa, So 11.00 – 18.00 | Eintritt frei

Verbindet euch gerne mit uns im Social Web auf: Instagram | Twitter | Facebook


Abonniert unseren Newsletter! Er informiert euch über das spannende Programm der Monacensia.



4 Kommentare zu “Annette Kolb schreibt und spricht gegen den Krieg: „Was der Tor von seiner Anhöhe sieht“ | #femaleheritage

  1. Thomas Anzenhofer on 05/05/2022 at 2:40 pm sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag, Frau Maurer! Wir wurden vor vielen Wochen ja ein weiteres Mal – völlig unvorbereitet und fast von einem Tag zum anderen – in einen medial zelebrierten Wahn gestürzt, der ein ganzes Land dazu anstiften soll, alle Brücken und alle Gesprächskanäle zu einem „Feind“ radikal abzubrechen. Für viele Pressevertreter und Politiker gibt es anscheinend ja auch heute nur noch Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, Sieg oder Niederlage. Und unsere Friedensbewegung ist mittlerweile scheinbar völlig in Olivgrün aufgegangen …

    Wir sind nicht nur schon beinahe in einem Krieg, es sieht auch ganz so aus, als würde unsere Zivilisation (will sagen: unsere Zivilisiertheit) gerade von innen her zusammenbrechen. Und die Schuld an Letzterem können wir nicht irgendwelchen bösen Invasoren zuschieben – das waren allein wir selbst.

    Was für ein Wahnwitz – und wie gut es tut, wenn jemand auch mal wieder Stimmen der Vernunft zur Geltung bringt. Vielen Dank dafür!

    Wie wäre es denn mit einer öffentlichen Lesung? Oder wäre Frau Kolb auch schon ein „Diktatorenfan“?

    Herzliche Grüße!

    • Veronika Maurer on 06/05/2022 at 11:35 am sagt:

      Lieber Herr Anzenhofer
      Danke für Ihren Kommentar. Ich frage mich natürlich auch immer wieder, wie sich Annette Kolb heute positionieren und was sie tun würde, und kann nur ausgehend von meinen subjektiven Leseeindrücken mutmaßen.
      „Diktatorenfan“ wäre sie ganz sicher nicht; dafür war sie viel zu sehr von der Liberalitas Bavariae und ihrem kosmopolitischen Umfeld geprägt. Sie hatte ein wachsames Gespür für totalitäre Herrschaft und emigrierte schon 1933 nach Paris.
      Die heutige Situation angesichts des Kriegs ist ja nicht deckungsgleich mit der damaligen, auch wenn einige grundlegende Strukturen dieselben sind – aber Annette Kolb setzte sich ohnehin nicht mit Imperialismuskritik auseinander.
      Ich denke, sie würde heute so wie damals öffentliche Diskurse analysieren und das „engineering of consent“ darin freilegen. Sie hätte wohl keine Not damit, sich der nationalen Einmütigkeit in Bezug auf Remilitarisierung entgegenzustellen.
      Und wahrscheinlich würde sie auch darüber hinaus Diskurse gestalten wollen, so wie sie damals große Hoffnungen in das Zeitungsprojekt Internationale Rundschau legte, das in der Schweiz erschien und in humanistisch-aufklärerischer Absicht Verständigung schaffen wollte, „damit das Ziel des großen Krieges der große Friede sei“. Sie würde Diskursräume erweitern statt verengen, sie würde den Ausweg aus der „Soldatenmatrix“ (Christoph Seidler) suchen.

  2. H.M. on 08/05/2022 at 4:39 pm sagt:

    Auf jeden Fall ist das eine exzellente Abhandlung zu Annette Kolb.
    Hab ich mit größtem Interesse gelesen.

    • Tina Rausch on 13/05/2022 at 2:43 pm sagt:

      Vielen Dank für dieses positive Feedback. Wir von der Monacensia sind auch sehr glücklich über diesen fundierten und aktuell so relevanten Beitrag von Veronika Maurer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Beitragsnavigation: