Anika Landsteiner über ihren Roman „So wie du mich kennst“ – Lesung und Gespräch

Anika Landsteiner liest aus ihrem neuen Roman „So wie du mich kennst“. Eindringlich erzählt sie eine Geschichte über Verlust und Erinnerung und den Umgang mit Fremdheit in einem Dazwischen, das von den glitzernden Fassaden New Yorks und der bayerischen Heimat bestimmt wird.  Enikő Dácz spricht in der Video-Lesung mit der Autorin über die Hintergründe des Romans. Der Blogpost gibt das Werkstattgespräch wieder, das die beiden im Anschluss führten. Es geht um Feminismus, den Podcast „Über Frauen“ von Anika Landsteiner sowie ihre Rollen als Autorin und Journalistin.

Video-Lesung mit Anika Landsteiner – zur Einstimmung

Anika Landsteiner liest zwei Passagen aus ihrem Buch „So wie du mich kennst“:

  1. Klaras Gefühlswelt, während sie die Urne ihrer Schwester heimbringt
  2. Was erzählt Marie von sich? Und was verschweigt sie?

Im Gespräch mit Enikő Dácz verrät die Autorin Hintergründe zum Roman: Wie sie zu ihren Figuren kam. Warum sie gerne über Familie schreibt und was es mit Verlust, Fremdheit und einem Dazwischen auf sich hat. Daneben erfahrt Ihr mehr über biographische Brüche und Gegensätze, das Motto „Time heals nothing by itself“, Traumata und Tabus. Die Lesung findet Ihr auf dem YouTube-Kanal der Münchner Stadtbilbiothek.

Werkstattgespräch mit Anika Landsteiner

Enikő Dácz: Der Roman wurde in einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ als feministisch bezeichnet. Damit tut man dem Roman meines Erachtens unrecht, weil man ihn in eine Schublade steckt. Betrachtest du ihn als einen feministischen Roman? Was ist aus deiner Sicht ein feministischer Roman?

Anika Landsteiner: Ich glaube, es kommt darauf an, wer auf ihn schaut. Und ich glaube, dass ein Mann ihn als feministisch empfindet, während eine Frau die Themen als „normal“ – ist ein schlecht gewähltes Wort – betrachten könnte. Sie findet sehr viel darin, was sie tagtäglich liest, erlebt und ihr zugetragen wird. Für mich ist er in erster Linie ein Familienroman

Es ist interessant, wie sehr der Begriff „Feminismus“ nicht nur triggert, sondern auch missverstanden wird. Und Männer, die Verbündete sein möchten, setzen ihn oft gleich mit „emanzipiert“. Doch dahinter verbirgt sich nichts anderes als der Wunsch nach Gleichstellung aller Menschen – ohne Ausnahme. Wer sich dagegen stellt, entlarvt sich und den eigenen Wunsch, sich über andere zu erhöhen. Feminismus lehnt strukturelle Gewalt und Diskriminierung ab. Mein Roman beschäftigt sich mit diesen Themen. Ob er deshalb feministisch ist, möchte ich selbst nicht beurteilen.

Ich empfand das auch deswegen als problematisch, den Roman feministisch zu nennen, weil ich damit das Buch nicht nur in eine Schublade stecke, in die er meiner Meinung nicht passt oder nur teilweise, sondern dadurch gleichzeitig das potenzielle Publikum reduziert wird. Schließlicht geht es, wie wir in der Video-Lesung besprochen haben, um Themen geht wie Verlust, Familie, Fremdsein, Dazwischen-Sein, anders gesagt um Selbstfindung. Zudem ist es eine Geschichte darüber, wie man sprechen kann, wie man eventuell sprechen sollte und was bei Erzählungen schiefgehen kann. Mit der Kategorisierung als feministischer Roman werden diese Themenkomplexe eigentlich in den Schatten gestellt.

Das ist das komplette Problem des sogenannten „Frauenromans“. Weiblichen Autorinnen wird oftmals unterstellt, dass sie nichts zu erzählen hätten, und wenn, dann nur Themen, die nur andere Frauen interessieren. Wenn man dieses Vorurteil herausfordert, ist das Buch sehr schnell „feministisch“ und fertig. Natürlich würde ich mir wünschen, dass mehr Männer mein Buch lesen, denn die Themen darin betreffen alle Menschen.

Deswegen hat es mich überrascht, dass dein Podcast „Über Frauen“ heißt. Warum nicht „Über Menschen“?

Die Idee kam mir, weil ich in meinem Freundinnenkreis Frauen in Führungspositionen habe, die aber sehr schlecht von sich denken und das bekannte Impostor-Syndrom mit sich herumtragen. Sie denken, sie hätten sich das alles vielleicht nur erschlichen und können eigentlich gar nicht das, was sie können. Deswegen hatte ich vor fünf Jahren diese Idee „Über Frauen“. Heute habe ich die Gruppe derer, die ich ansprechen möchte, erweitert. Es geht im Podcast um alle marginalisierten Gruppen, um alle als weiblich gelesenen Menschen, alle sind inkludiert, außer eben Cis-Männer. Nicht, weil ich etwas gegen sie hätte, das ist eine Behauptung, die vielen Feminist*innen unterstellt wird. Einzig, weil sie viel einfacher und schneller eine Bühne bekommen als die hier angesprochenen Gruppen.

Lesung und Gespräch mit Anika Landsteiner "So wie du mich kennst", moderiert von Dr. Enikő Dácz.
Lesung und Gespräch mit Anika Landsteiner „So wie du mich kennst“, moderiert von Dr. Enikő Dácz.

So sind wir schon mittendrin in deiner journalistischen Tätigkeit. Lässt sich da eine Grenze ziehen, wann du Autorin bist, die Romane schreibt und wann Journalistin? Sind sie zwei getrennte Rollen für dich?

Bei der Arbeit am Roman habe ich mit all den Themen, die reinspielen, trotzdem Lust daran, Persönlichkeiten zu entwickeln und natürlich ebenso an der Recherche vor Ort. Es war auch toll, beim ersten Roman nach Italien zu fahren, beim zweiten nach New York. Da ist auch eine Unterhaltungskomponente für mich dabei. Im Journalismus kommen bestimmte Themen plötzlich auf, beziehungsweise erscheinen auf meinem Radar, die ich wirklich journalistisch aufarbeiten möchte. 

In diesem schon erwähnten Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ wurdest du ein Kommunikations-Ass genannt. Was verstehst du darunter?

Ich bin mir nicht sicher, glaube aber, dass der Autor positiv überrascht war, dass ich im Sprechen auch Gender-Formen abseits des generischen Maskulinums gebrauche. Wir sind eher damit vertraut in der schriftlichen Form. Mit der Kommunikation zielte er wahrscheinlich auf meine Podcasts ab. Ich selbst bezweifle allerdings, ein Kommunikations-Ass zu sein! (lacht)

Besteht da nicht die Gefahr, wenn man so ein „Kommunikationsprofi“ ist, dass man auch eine Art vom Sprechen entwickelt und Erzählungen über sich und über die Welt aufbaut, die auch zum Problem werden? Wirst du nicht selbst Teil einer „großen Erzählung“?

Ich glaube, die Gefahr der Blasenbildung ist gegeben, weil ich natürlich vor allem Menschen einlade, die ich spannend finde, mit denen ich mich gerne unterhalte und wir auch gleiche Werte und Normen sehen. „Über Frauen“ ist jedoch in erster Linie ein Hobby, bei dem es mir wichtig ist, genau denjenigen eine Bühne zu geben, die ich persönlich toll finde und die ich unterstützen möchte. Aber natürlich kann das in Teilen dazu führen, dass eine Erzählung in derselben Blase stattfindet.

Und wie kann man das dann aufbrechen?

Indem man meinen Tabu-Podcast „Bleibt unter uns“ hört (lacht). Nein, also auf jeden Fall hilft es, mehr herauszutreten aus der eigenen Blase und aus dem eigenen Freundeskreis, Freundinnenkreis, wenn man merkt, dass Menschen eher ein Abbild der gleichen Werte sind. Nicht immer gleich abwinken, wenn jemand anderer Meinung ist, sondern das Gespräch suchen – auch und vor allem generationenübergreifend. Da schließt sich der Kreis zur Familie. Deswegen finde ich Familiengeschichten so spannend: Wenn die Oma neunzig wird, sitzt ein Ausschnitt aus der Gesellschaft am Tisch, es ist ein wahnsinniges Potpourri an unterschiedlichen Menschen, was man sonst nicht so hat.

Diese Mischung ist einerseits spannend, andererseits sehr problematisch. Freunde kann man sich aussuchen, Familie eben nicht. Man muss damit umgehen, dass man die Familienerzählungen nicht lenken kann und gezwungen ist die vielen, manchmal sich ausschließenden Perspektiven zu „versöhnen“. Die Familie ist ein gutes Übungsfeld für die Gesellschaft, weil man gewisse gemeinsame Erzählungen finden muss.

Ja, absolut, das muss man. Natürlich endet aber auch viel im Streit. Bleibt man jedoch beim Beispiel des Geburtstags der Oma, versucht man am Ende, trotz allem klarzukommen und eine gemeinsame Basis zu finden, zumindest, um den Kuchen noch zusammen zu essen. Das ist tatsächlich, wie du sagst, ein schönes Übungsfeld für die Gesellschaft.

Anika Landsteiner, So wie du mich kennst“, ist im S. Fischer Verlage erschienen.

Anika Landsteiner. Foto: Maximilian Heinrich
Anika Landsteiner. Foto: Maximilian Heinrich

Anika Landsteiner ist ausgebildete Schauspielerin, sie wandte sich nach mehreren Jahren des Spielens dem Schreiben zu. Zwei Jahre lang leitete sie das Stadtmagazin MUCBOOK, heute schreibt sie als freie Journalistin für verschiedene Magazine. Außerdem moderiert sie seit einigen Jahren den Podcast „Über Frauen“ sowie das exklusive Podimo-Format „Bleibt unter uns – der Podcast über Tabus“. Landsteiner schreibt Sachbücher und Romane. „So wie du mich kennst“ ist ihr zweiter Roman, erschienen im Fischerverlag.

Mehr zu Anika Landsteiner auf:
Website/Blog | Podcast | Instagram

Dr. Enikő Dácz
Dr. Enikő Dácz

Enikő Dácz, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Stellvertreterin des Direktors am Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München (IKGS), wo sie sich literarischen bzw. kulturgeschichtlichen Themen widmet. Nach den Studienjahren in Rumänien und Ungarn sowie mehreren Forschungsaufenthalten in Deutschland und Österreich, lebte bzw. arbeitete sie zunächst in Budapest und zog 2014 nach München.

Mehr zu Enikő Dácz auf:
Website Team ikgs


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