Alte Jungfern mit Courage

Über Rollenbilder in Jugendbüchern, Teil 1: Starke Mädchen

Die Frage nach Rollenbildern in Kinder- und Jugendbüchern lässt sich vordergründig ziemlich leicht beantworten: Interessant wird es immer dann, wenn die Protagonistinnen und Protagonsiten die Erwartungen sprengen, nach dem Motto „Starke Mädchen – schwache Jungs“. Und damit hat schon die Falle der Gleichförmigkeit zugeschnappt, der wir doch eigentlich mit unserer Suche nach interessanten und inspirierenden Büchern entrinnen wollten, denn natürlich ist die Sache komplizierter. Aber auch spannender!

Denn neben den Protagonist_innen gibt es ja noch Freundinnen, Gegenspieler, Familien und die Kulisse des Schauplatzes. Werden die Freunde denn auch mit rebellischen oder alternativen Verhaltensweisen ausgestattet? Gibt es auch in den Elternhäusern mal Alternativen zu Vater, Mutter, Kind – und damit sind nicht nur unfreiwillig alleinerziehende Mütter gemeint? Sind die Gegenspielerinnen immer unsympathisch und dürfen auch starke Mädchen ‚typisch weiblich‘ sein?

Einen Schritt weiter

In Büchern suchen wir nach Figuren, die uns ähnlich sind und trotzdem einen Schritt weiter gehen, als wir selbst uns das trauen würden. Im günstigsten Fall können sie uns dazu anregen, einen Schritt über Grenzen zu wagen, einen Gedanken weiter zu denken, gegebene Tatsachen gründlicher zu hinterfragen … Von den Büchern, die hier vorgestellt werden erhoffe ich mir, dass möglichst viele Jugendliche, Eltern und Lehrer_innen sie in die Hand bekommen, denn sie machen Lust darauf, selbst ein wenig rebellischer zu sein, sich mehr auf Diskussionen einzulassen, andere mit neuen Augen zu sehen und außergewöhnliche Lebenswege interessant statt befremdlich zu finden.

Zugegeben, ich dachte schon eher, dass frau es in unserer Gesellschaft doch recht weit gebracht hat, in Sachen Gleichberechtigung. Doch diese Bücher haben mich aufmerksamer werden lassen, für Situationen, die sich seltsam anfühlen, in Gesprächen, die irgendwie falsch laufen oder bei abgedroschenen Redensarten, die nicht nur geistlos, sondern auch beleidigend und eben frauenfeindlich sind. Die starken Mädchen kämpfen hier immer noch mit Schönheitsidealen, Selbstzweifeln und offener Diskriminierung.

Ein Klick aufs Cover führt euch in unseren Onlinekatalog zum Ausleihen oder Vormerken.

Jennifer Mathieu: Moxie – Zeit, zurückzuschlagen

Jennifer Mathieus Buch „Moxie“ ist ein wunderbares Plädoyer für Feminismus und die Solidarität von Frauen und Mädchen untereinander und ein Aufruf zur Rebellion.

An Vivians Highschool in einer texanischen Kleinstadt geht es in erster Linie um Football und die dazugehörigen Stars unter den Schülern, die sich straflos mit abschätzigen Kommentaren über Schülerinnen äußern und T-Shirts mit sexistischen Sprüchen zur Schau tragen. Gleichzeitig erfahren die Mädchen willkürliche Sanktionen, wenn sie gegen unklare Kleidervorschriften verstoßen, und sexuelle Belästigung wird verharmlost oder vertuscht. Als zwei neue Schüler an die Schule kommen, bekommt Vivian eine neue Sichtweise auf diese Zustände. Sie greift, inspiriert durch die feministische Punk-Rock-Vergangenheit ihrer Mutter, zum Stift und gestaltet Flyer mit dem Aufruf zum Widerstand. Unter dem Namen Moxie, was soviel wie Courage oder Mumm bedeutet, tritt sie damit eine Bewegung los, der sich immer mehr Mädchen anschließen und die letztlich mächtig genug wird, um eine Wende herbeizuführen. Dass trotz aller Ideale die Liebesgeschichte zu einem sehr charismatischen Mitschüler Platz findet, rundet das ganze zu einer echten Empfehlung ab!

ab 14 Jahren, Arctis Verlag, 352 Seiten, aus dem Englischen von Alice Jakubeit


Holly Bourne: Spinster Girls (Reihe)

Spinster ist ein englischer Ausdruck für „alte Jungfer“: ohne Mann und ein bisschen verschroben. Die Freundinnen Evie, Lotti und Amber haben sich diesen Namen für ihre Clubtreffen gewählt, um sich Freiräume zu schaffen, in denen es mal nicht um Jungs und Liebe und alle damit einhergehenden Verwirrungen gehen soll. Sie wollen dem Begriff eine neue Bedeutung zuweisen, nämlich Frauen, die sich um sich selbst und ihre Interessen kümmern. Bei ihren Club-Treffen sprechen die Spinster-Girls über Feminismus, aber auch über Filme, Bücher, Kunst und Politik und machen sich dabei bewusst, wie oft ihr Verhalten sonst am Wohlwollen der Jungs hängt. Besonders lesenswert wird der erste von drei Teilen mit dem Titel „Was ist schon normal?“ dadurch, dass Evie eigentlich ein viel größeres Problem hat: Sie leidet seit Jahren an einer Zwangsstörung und ist erst wieder auf dem Weg in die Normalität. Eigentlich wäre es für sie ein Riesenerfolg, von Jungs beachtet zu werden. Die Frage nach ihrer Rolle in der Gesellschaft ist für sie deshalb nicht nur theoretisch, sondern existenziell. Toll geschrieben und trotz der schwierigen Themen echt nicht schwer zu lesen.

ab 14 Jahren, dtv junior, 416 Seiten, aus dem Englischen von Nina Frey


Julie Murphy: Dumplin‘ – Go big or go home

Willowdean wird von ihrer Mutter nur Dumplin‘ – Klößchen – genannt, weil sie mit einigen (angeblich) überschüssigen Pfunden zu kämpfen hat. Wobei sie selbst damit eigentlich gar nicht so wahnsinnig unglücklich ist, aber von ihrer Umgebung regelmäßig die Rückmeldung bekommt, dass sie doch mal etwas dagegen tun sollte. Ihre Mutter war in ihrer Jugend Siegerin des örtlichen Schönheitswettbewerbs und organisiert seitdem jährlich dieses Ereignis, das die ganze Kleinstadt beschäftigt. Willowdeans Gelassenheit schwindet, als sie sich verliebt. Obwohl die Liebesgeschichte ganz hoffnungsvoll beginnt, zweifelt sie immer wieder daran, ob ihn ihre Figur stört und ob er sich wohl trotz ihres Aussehens zu ihr bekennen wird. Überraschend wird die Geschichte, als sich Dumplin‘ entschließt, auf Angriff umzuschalten. Sie schart ein paar weitere „optische Außenseiterinnen“ um sich und meldet sich mit ihnen gemeinsam zum Schönheitswettbewerb an. Wie es weitergeht wird nicht verraten – Spaß am Lesen ist aber garantiert.

ab 14 Jahren, S. Fischer Jugendbuch, 400 Seiten, aus dem Englischen von Kattrin Stier


Teil 2 folgt demnächst hier im Blog.

Weiterlesetipp: Zehn vielfältige Kinderbücher

Featured Image: Karina Carvalho / Unsplash

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Michaela

Michaela leitet die Kinder- und Jugendbibliothek Am Gasteig.

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3 Kommentare zu “Alte Jungfern mit Courage

  1. Lust auf mehr? Falls noch nicht vorhande, was ich annehme, würde ich euch gerne mein Jugendbuch „Das heimliche Mädchen und der Dancing Boy“ für den Bibliotheksbestand schenken. Gebt mir einfach eine Postanschrift, wohin Ihr das Buch haben wollt, falls Ihr es haben wollt.
    https://diebuchwerkstatt.wordpress.com/veroffentlichungen/das-heimliche-maedchen-und-der-dancing-boy/

    Herzliche Grüße
    Maria Braig

    • Katrin on 08/04/2019 at 6:56 pm sagt:

      Liebe Maria, es tut mir sehr leid, aber wir nehmen aktuell keine Selfpublishing-Bücher in den Bestand auf, weil deren Qualität so unterschiedlich ist und wir nicht alle einzeln prüfen können. Ich bitte um Verständnis und frage auch nochmal nach wegen möglicher Ausnahmen. Herzlich, Katrin

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