Zwei Entscheidungen, zwei Leben

„Der goldene Sohn“ von Shilpi Somaya Gowda

Nach dem Welterfolg „Geheime Tochter“ hat die kanadisch-indische Autorin einen neuen Roman vorgelegt, der neugierig macht auf Indiens Gegenwart und Kultur.

Anil, der im Kreis seiner Familie behütet aufwächst, soll als ältester Sohn später die Rolle des Schiedsmanns im Dorf übernehmen. Mit der mutigen und naturliebenden Leena durchstreift er den Dschungel und die umliegenden Felder; beide erleben eine wunderbare Kinder- und Jugendfreundschaft. Doch dann trennen sich die Wege der Heranwachsenden: Anil verlässt sein Dorf, um Medizin zu studieren und später sogar am Parkview Hospital in Houston/Texas eine Facharztausbildung anzutreten. Er genießt die Freiheit, die sich für ihn in seinem gänzlich anderen Leben ergeben, auch wenn die Anfangszeit durchaus von Heimweh durchzogen ist. Leena hingegen erlebt ein traumatisches Schicksal in ihrer auf traditionelle Art arrangierten Ehe. Als sich Anil und seine Freundin aus Kindheitstagen nach Jahren wieder sehen, sind die alten Gefühle und auch mehr sofort präsent. Doch beide haben in ihren jeweiligen Lebenssituationen Entscheidungen getroffen, die Konsequenzen mit sich bringen und somit ein erneutes Zusammensein fraglich machen…

cover_gowda_goldenderSohnEingeteilt in vier große Abschnitte wird die lebendig erzählte Geschichte abwechselnd aus Anils und Leenas Perspektive vorangetrieben. Die eingestreuten Fälle, die Anil als Schiedsmann zum Teil sogar aus dem fernen Texas aus klären soll, tragen zudem anschaulich zum Verständnis des Lebens in indischen Dorfgemeinschaften bei. Daneben ist „Der goldene Sohn“ als interessanter Integrationsroman eines Inders in die US-amerikanische Gesellschaft zu lesen, und immer wieder geht es um den Gegensatz von individuellem Glücksstreben und den Werten eines traditionellen Familienlebens in Indien.

Trotz vieler dramatischer Wendungen zeigt sich dieser Indien-Roman kitschfrei. Die Handlung ist glaubwürdig, wenn auch aus westlicher Sicht Leenas Ehe schier unfassbar erscheint. Daneben punktet der Roman mit differenzierten Charakteren, besonders Anils Mutter überzeugt in ihrer Vielschichtigkeit.

Was die „Washington Post“ für den Debütroman „Geheime Tochter“ schreibt, gilt auch für „Der goldene Sohn“: „Die Autorin beschönigt die Schwierigkeiten des Familienlebens nicht, aber sie zeigt mit großer Herzenswärme, wie Menschen sich durch Liebe verändern und wie sie wachsen können.“

Shilpi Somaya Gowdo ist in Toronto geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern stammen aus Mumbai. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Kalifornien.

Von Ute Gillessen

„Der goldene Sohn“ von Shilpi Somaya Gowda im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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