Zimmer 712

Kate Racculia: “Willkommen im Bellweather Hotel”

Ein Hotel von verblasster Eleganz, eine Tragödie in Zimmer 712, eine vermisste Nachwuchsmusikerin und ein Schneesturm. Aus diesen Elementen komponiert die Autorin ihren skurrilen Roman.

Den Auftakt bildet das „Prelude“, die Tragödie in Zimmer 712, im Jahr 1982. Ein kleines Mädchen wird Zeugin eines Mordes.

Wenn man das Bellweather zum ersten Mal betrat, war es, als würde man verschluckt. Ein netter alter Mann mit einer Fliege überreichte ihr ein Bonbon, beugte sich herab und sagte: “Willkommen im Bellweather!“, während ihre Eltern eincheckten, aber das half nicht wirklich. Er bot an, sie und Mike herumzuführen und ihnen das Auditorium, die Bibliothek, die Geschäfte und die Squashcourts zu zeigen, was immer diese sein mochten; er war ganz versessen darauf, damit zu prahlen, aber Minnie hatte keine Lust. Sie konnte das unheimliche Gefühl nicht abschütteln, dass die Lobby mit dem ziegelrot und goldenem Stoff bespannten Wänden der Magen eines riesigen Tieres war und die alten schiefen Stühle, die in Halbkreisen zueinander angeordnet waren, endlose Zahnreihen.

Willkommen im Bellweather Hotel von Kate Racculia

15 Jahre später ist der Glanz des einst prachtvollen Hotels verblasst. Nur während des „Statewide“, eines Wettbewerbs für Nachwuchsmusiker, sind die Zimmer noch gut belegt. Nun ist es wieder soweit, und allerlei verschiedene Persönlichkeiten treffen aufeinander, während ein Schneesturm aufzieht, der das Bellweather Hotel zeitweise isoliert.

Zimmer 712 ist erneut Schauplatz mysteriöser Vorgänge: Die höchst talentierte Flötistin Jill Faccelli verschwindet. Ihre Mutter, Viola Fabian, leitet das Festival und bleibt seltsam unberührt vom Verschwinden ihrer Tochter. Jills Zimmernachbarin Alice ist sich sicher, Jill erhängt gefunden zu haben, doch die „Leiche“ ist verschwunden. Alice stellt eigene Nachforschungen an. Sie hofft auf die Hilfe ihres Zwillingsbruders, doch der ist mit ganz anderen Dingen beschäftigt und wählt ausgerechnet diesen Zeitpunkt, um sich von seiner dominanten Schwester zu emanzipieren.

Bei ihren Nachforschungen trifft Alice auf Minnie Graves. Sie ist das mittlerweile erwachsen gewordene kleine Mädchen, das die Tragödie 15 Jahre zuvor miterlebt hatte. Da sie dieses Erlebnis nie so recht verarbeitet hat, ist sie zurück gekommen, um sich mit ihrem Trauma auseinander zu setzen. Gemeinsam erkunden Minnie und Alice auf der Suche nach Jill das Hotel und lüften so manches Geheimnis.

Denn nicht nur Minnie hat ihre Vergangenheit mit ins Hotel gebracht. Der Portier Harold Hastings gehört schon sehr lange ins Bellweather, er ist das Gesicht des Hotels. Seit seine Frau ihn verlassen hat, lebt er in Zimmer 130. Obwohl das eigentlich eine vorübergehende Lösung sein sollte, ist er nach vielen Jahren immer noch da.

Er ist seit sechsundvierzig Jahren Portier des Bellweather, seit er zwanzig war und sein Vorgänger, sein Onkel Chester, an einem schlimmen Schlaganfall in der Hotellobby starb.

Jeden Morgen inspiziert Hastings sich im bodenlangen Spiegel auf der Türrückseite, unter dem Schild mit den Fluchtwegen für den Notfall. Sein Gesicht, das Gesicht des Bellweather, hat sich – im Unterschied zum Bellweather selbst – in den vergangenen sechsundvierzig Jahren nur wenig verändert. Er hat noch immer was Jungenhaftes mit seinen blauen Augen und seinem glatt rasierten Gesicht und seiner freundlichen Art, obwohl sein kurz geschnittenes Haar an den Schläfen weiß ist.

Die Teile des Romans sind mit Begriffen aus der Musik überschrieben. Und tatsächlich verweben sich die Stimmen der einzelnen Protagonisten zu einem leicht düsteren Klangteppich mit Anklängen makaberen Humors. Am Ende wartet ein furioses Finale mit berstendem Glas und einer überfluteten Lobby. Kurzum – ein Besuch im Bellweather Hotel lohnt sich!

Homepage von Kate Racculia

“Willkommen im Bellweather Hotel” von Kate Racculia im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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Anke

Sachbücher über Geschichte und Gesellschaft gefallen mir. Romane lese ich rasant und in rauen Mengen. Nur Liebesgeschichten lasse ich links liegen.

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