“Wir werden siegen”

„Suffragette – Taten statt Worte“ von Sarah Gavron (Film)

Wie viele Menschen liebe ich Filme, auch ganz unterschiedlicher Genres. Einen Sonderplatz in meinem Herzen nehmen jedoch diejenigen ein, die auf historischen Tatsachen beruhen, da ich sie sehr wichtig finde. Ein solcher ist zweifelsohne „Suffragette – Taten statt Worte“.

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(c) Concorde Filmverleih

Die Handlung des Films setzt 1912 in London ein. Die von Emmeline Pankhurst 1903 gegründete W.S.P.U (Women’s Social and Political Union) hat begonnen, ihren Kampf für die Gleichberechtigung der Frau und für das damit einhergehende Wahlrecht immer mehr zu radikalisieren: Jahrelang haben sie es mit diplomatischer Mitteln versucht, doch wurden ihre Anstrengungen von Obrigkeit und Presse ignoriert. Das Motto der Gruppe lautet nun “Taten statt Worte”.

Die Wäscherin Maud Watts, 24 Jahre alt, ist eine junge Mutter und Ehefrau. Sie und ihre Kolleginnen arbeiten stundenlang unter schwierigen Umständen für weitaus weniger Lohn als die dort angestellten Männer. Sie beklagen sich nicht, ein Leben mit schwerer Arbeit, wenig Geld und kurzer Lebenserwartung ist völlig normal für die Frauen. Eines Tages gerät sie nach der Arbeit an einer Londoner Straßenecke in einen von Suffragetten verursachten Aufruhr – während die Frauen dort Schaufenster einwerfen entdeckt sie unter ihnen ihre Arbeitskollegin Violet Miller. Als Violet ausgewählt wird vor einem parlamentarischen Unterausschuss, der sich mit der Einführung des Frauenwahlrechts in Großbritannien beschäftigt, über ihr Leben und ihre Arbeitsbedingungen zu sprechen, aber kurzzeitig verhindert ist, übernimmt Maud für sie. Nach einer Kundgebung wird sie zum ersten Mal verhaftet und erfährt in Folge dessen zwar die Solidarität und die Unterstützung anderer Suffragetten, jedoch auch die Ablehnung durch ihren Mann und ihr Umfeld. Bald schon kann sie sich dem Kampf der Frauen und dem Gedanken an Gleichberechtigung nicht mehr entziehen. Aus der zunächst zögerlichen Maud ist eine Suffragette geworden, die unter größtem Leiden auch bereit ist, das zu opfern, was sie am meisten liebt: ihr Kind.

Lange hat mich kein Film mehr so beeindruckt wie „Suffragette – Taten statt Worte“. Maud wird von Carey Mulligan sehr eindrücklich gespielt, sie stellt den Zwiespalt zwischen liebender Mutter und einer Frau, die kurz gesagt die Schnauze voll hat, so gut dar, dass man sich als Mensch mit einer einigermaßen ausgebildeten Vorstellungskraft den reellen Konflikt, dem die Frauen damals ausgesetzt waren, vorstellen kann. Besonders hervor stechen auch die Momente mit Inspektor Steed (Brendan Gleeson), der für die Ermittlungen gegen die Londoner Suffragetten zuständig ist. Selbst der knurrige Inspektor kann nach kurzer Zeit nicht anders, als ihr Engagement für die Bewegung heimlich zu respektieren, was besonders zum Schluss deutlich wird.

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(c) Concorde Filmverleih

“Suffragette – Taten statt Worte” ist kein Feel-Good-Movie über Frauenpower. Es wird deutlich, dass diese Frauen sich nicht dafür entschieden haben, ihr Leben und ihre Lieben hinter sich zu lassen, weil sie so gerne Heldinnen sein wollten. Sie wurden für ihr Engagement nicht bewundert! Im Gegenteil, zu sehen wie Maud und ihre kleine Familie, je mehr sie sich der Sache widmet, in der Nachbarschaft geschnitten werden, wie sie alles verliert und sich ihr gewohntes Umfeld gegen sie wendet, verursachte mir beinahe körperliches Unbehagen. Wie wenig Rechte die Frauen hatten, wird zum Beispiel deutlich als sie nach einer Kundgebung von einem Platz vertrieben werden und sich der unglaublich brutalen Behandlung der Polizei gegenüber sehen. Die Panik der Frauen ist eindrücklich dargestellt, als Zuschauer steht man mitten im Mob, wird Zeuge der maßlosen Gewalt.

Was mich jedoch sehr berührt hat, waren die Momente, die denen der Willkürlichkeit und Rechtlosigkeit gegenüberstehen: Der Film bildet sehr gut ab, wie sich die Frauen, die ja wirklich aus allen möglichen Schichten kamen, organisieren, weil sie alle eines gemeinsam hatten: Sie hatten kaum Rechte. Es handelt sich schließlich um eine Zeit, in der es als ungebührlich empfunden wurde, wenn eine Frau in der Öffentlichkeit rauchte! Sie formieren sich, sie helfen sich mit den Schwierigkeiten, die das Leben als Suffragette brachte, fertig zu werden, sie passen aufeinander auf und motivieren sich, mit den Anfeindungen fertig zu werden. Zu sehen, wie die Charaktere darum kämpfen, dass man sie schlicht und ergreifend anerkennt, dass sie einen Wert besitzen, macht betroffen. Zwangsläufig wird einem beim Ansehen immer wieder klar, dass das alles so ähnlich passiert ist und in vielen Plätzen auf der ganzen Welt immer noch so ähnlich stattfindet.

“Suffragette – Taten statt Worte” ist ein authentischer, großartig besetzter Film (unter anderem mit Helena Bonham Carter, Anne-Marie Duff und Ben Whishaw in Nebenrollen sowie einem kurzer Auftritt der wunderbaren Meryl Streep). Ein Film über eine mehr als mutige Bewegung, deren Kämpfe maßgeblich dazu beigetragen haben, dass wir auch hierzulande die Rechte genießen, die wir inzwischen als völlig selbstverständlich betrachten.

Wer mehr über die Suffragetten erfahren möchte, fast zeitgleich mit dem Film kam ein sehr interessantes Buch von Antonia Meiners heraus: “Die Suffragetten. Sie wollten wählen – und wurden ausgelacht” (im Onlinekatalog).

„Suffragette – Taten statt Worte“ von Sarah Gavron, Concorde Filmverleih

„Suffragette – Taten statt Worte“ im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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Eva

Wer meine Texte gelesen hat, weiß, dass ich nach München pendle, keine Horrorfilme und kein Fleisch mag und kurz vor dem Mauerfall geboren wurde. Etwas, dass ich folglich nicht gut kann: mich zurückhalten! 🙂 Wirklich gut hingegen kann ich organisieren und mit Leuten. Abseits von der Arbeit und meinem Lesesofa (egal welches Genre, immer her mit Comics und Graphic novels!), trifft man mich am ehesten noch beim Skaten, auf Konzerten oder im Kino: nach Lesen meine zweitgrößte Leidenschaft.

Kommentar zu ““Wir werden siegen”

  1. Tom on 11/10/2016 at 10:46 am sagt:

    Sehr schöner Text! Klingt als hätte ich den Film doch ansehen sollen. 🙂

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