Wer gefunden wird, ist verloren

Mit 12 Jahren sah ich das erste Mal Bilder von Konzentrationslagern, in dem Buch “Der gelbe Stern” von Gerhard Schoenberner, es erschien 1960 und wird bis heute neu aufgelegt. Der Boden unter meinen Füßen schien sich aufzulösen, ich konnte nicht wirklich verstehen, was ich da sah. Was tat ich, um zu verstehen? Ich las.

Viele Jugendromane las ich seitdem, die in dieser Zeit spielten, und allen war gemeinsam, dass sie einen fast dokumentarischen, ganz realistischen Ton hatten oder autobiographisch geprägt waren. Die historische Realität war so überwältigend, es war Aufgabe genug, sie in Worte zu fassen. Diese Realität zu verwandeln oder ihr etwas hinzuzufügen, hätte man als Sakrileg empfunden.

Es schien dann auch alles berichtet und erzählt worden zu sein, es gab wenige Neuerscheinungen.

Und jetzt zwei Bücher fast gleichzeitig, die einen völlig neuen Ton wagen und die ich beide uneingeschränkt empfehlen kann, egal ob ihr 12 oder 62 seid.

978-3-8398-4094-8_Winterpferde_U1_FIN.indd“Winterpferde” empfehle ich als Hörbuch, denn es ist eine Heldinnen-Sage, und Sagen müssen erzählt werden, deswegen heißen sie ja so. In der Einleitung wird der Hörer gewarnt, dass sich vielleicht nicht alles so zugetragen habe wie erzählt, aber doch so zugetragen haben könnte. Realistisch betrachtet: eher nicht.

Realistisch betrachtet hätte ein jüdisches Mädchen, das im Zweiten Weltkrieg im Winter die letzten Przewalski-Pferde vor den Deutschen, dem Krieg und dem Hungertod retten will, nicht den Hauch einer Chance gehabt.

In einer Sage aber kann das Mädchen über sich hinauswachsen, mit seinen vierbeinigen Gefährten Gefahr wittern, Schutz in ausweglosen Situationen finden und erfrorene Herzen auftauen. Kalinkas Wanderung mit den beiden Wildpferden und dem Wolfshund durch die zerstörte Ukraine und den eisigen Winter, immer am Abgrund der Verzweiflung, ist sehr traurig, sehr spannend, sehr ergreifend und hat, wie jede anständige Sage, ein gutes Ende – auch wenn bittere Opfer gebracht werden.

Torsten Michaelis spricht Kalinkas Geschichte nicht bloß, er verleiht ihr Würde und Tiefe. Unvergesslich.

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Und dann begegnen wir Anna in dem Buch “Anna und der Schwalbenmann” von Gavriel Savit, das zur gleichen Zeit in Polen spielt. Anna ist sieben Jahre alt und kann sich in neun Sprachen unterhalten – ihr Vater ist Linguistikprofessor. Er verschwindet mitten am Tag. Anna merkt schnell, dass keiner von ihren Krakauer Bekannten ihr Obdach gewähren will, während sie auf ihren Vater wartet – plötzlich ist es gefährlich, mit einem jüdischen Kind gesehen zu werden. Nach tagelangem Warten begegnet sie einem langen, dünnen, strengen Mann, der mit einem Pfiff eine Schwalbe auf seine Hand lockt, um Anna zu trösten: der Schwalbenmann. Auf seiner ruhelosen Wanderung nimmt er das Mädchen mit, das seinen Namen vergessen muss, denn mit Namen wird man gefunden, und:

Gefunden werden heißt für immer verloren sein.

Man kann nicht gefunden werden, solange man in Bewegung ist.

Und diese Wanderung erinnert weniger an eine Heldensage als an ein Märchen, magisch, ambivalent, nicht den Gesetzen der Logik unterworfen. Das ungleiche Paar hat keine Mission, sondern nur das Ziel, zwischen den Fronten unsichtbar zu werden und zu überleben. Und wie das beschrieben wird, wie die Grausamkeit des Krieges, die polnische Landschaft, der geheimnisvolle, undurchdringliche Schwalbenmann und das verletzliche Kind zu einem hypnotisierenden Erzählfluss verwoben werden, das ist unglaublich – vor allem wenn man bedenkt, dass der junge Autor eigentlich Musical-Darsteller ist und zwischen zwei Engagements bloß mal mit einer Idee herumgespielt hat, wie er es beschrieb.

Diesen Roman empfehle ich zum Selberlesen, denn so wunderbar Laura Maire liest: Ihre klare, helle Stimme will nicht zu diesem düsteren Märchen passen.

“Der gelbe Stern” von Gerhard Schoenberner im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

“Winterpferde” von Philip Kerr im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

“Anna und der Schwalbenmann” von Gavriel Savit im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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Anne

Am liebsten bin ich draußen. Am zweitliebsten bin ich draußen. Am drittliebsten lese ich Bücher über draußen (Hörbücher sind auch ok). Einsiedlerin ist kein Beruf, also bin ich Bibliothekarin geworden – damit ist Nachschub für Platz 3 gewährleistet. Platz 4 belegt seit einem Jahr Sauerteigbrotbacken. Faszinierend! Platz 5 wechselt mehrmals täglich. P.S. meine Mutter war Bibliothekarin P.P.S. meine Großmutter war Bibliothekarin (da hieß es noch “Bücherfräulein”) P.P.P.S. mein Vorbild ist Knolle Murphy 🙂

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