Windsbraut sind wir

Joanna Bators Roman “Dunkel, fast Nacht”

Jede Leserin und jeder Leser weiß üblicherweise, wo es die passenden Lektüretipps zu holen gibt. Die eine fragt den Buchhändler, der andere die Bibliothekarin, eine Dritte vertraut ganz dem Programm eines bestimmten Verlags. Bei mir kommen noch Veranstaltungsreihen hinzu: das Festival Wortspiele zum Beispiel oder die Reihe „Gut gepolt!“ (die es, wenn ich das richtig sehe, schon nicht mehr gibt), die immer wieder exzellente Schriftstellerinnen nach München holte. Was auf dem Programm von „Gut gepolt!“ stand, besorgte ich mir quasi umgehend – so auch den Roman „Sandberg“ von Joanna Bator, die im Mai 2012 zu Gast bei „Gut gepolt!“ war. Ungefähr zur selben Zeit erschien in Polen bereits ihr übernächster Roman „Ciemno, prawie noc“, der im Folgejahr gleich mit dem Nike-Literaturpreis, der bedeutendsten polnischen Auszeichnung für Belletristik, prämiert wurde – und nun endlich auch auf Deutsch erschienen ist unter dem wörtlich übersetzten Titel „Dunkel, fast Nacht“.

bator_dunkelIhrem Thema wie auch ihrem Ort bleibt Bator treu – auch wenn man beides diesmal kaum wiedererkennt. Immer schon ging es dieser Autorin um das „nachdeutsche“ Polen, in dem die tiefen Wunden, die die Nationalsozialisten geschlagen haben, nie verheilt, nur mehr schlecht als recht vernarbt sind und immer wieder aufreißen, weil die Furchen quer durch Familien geschlagen wurden und deshalb zwanghaft vererbt werden. Dem kriminalistischen Moment – die Suche nach den Verästelungen und Propfungen des „schütteren Stammbaums“ – frönt Bator in „Dunkel, fast Nacht“ mit noch mehr fantastischer Energie als bislang, weshalb ich ihn auch ihren spannendsten Roman finde. Die junge und dann erwachsen werdende Dominika aus Bators Romanen „Sandberg“ und „Wolkenfern“ heißt diesmal Alicja Tabor – der Nachname ist ein Anagramm von „Bator“ – und ist Mitte dreißig. Wie die „Sandberg“-Dominika ist sie in (Bators Geburtsort) Walbrzych in Schlesien aufgewachsen, wie die „Wolkenfern“-Dominika hat sie diesen Ort geflohen – um schließlich dorthin zurückzukehren. Alicja kommt als Journalistin, denn drei Kinder des Ortes sind verschwunden. Im Schatten von Schloss Fürstenstein – das einst die Nazis untertunnelten wegen der unmittelbaren Nähe zum KZ Groß-Rosen, weshalb Alicjas Vater Jahrzehnte dort die Gärten umgrub auf der Suche nach dem sagenhaften Schatz der früheren Fürstin – gerät Alicja in eine aufgeheizte Atmosphäre von politisch-katholischer Agitation und fremdenfeindlicher Paranoia.

Schloss Fürstenstein von Alexander Duncker, zwischen 1857 und 1883

Schloss Fürstenstein von Alexander Duncker, zwischen 1857 und 1883

Mehrere Menschen stehen ihr zur Seite, darunter die hexengleichen Katzenfrauen und die transsexuelle Bibliothekarin Celestyna, der rätselhafte Marcin sowie ihr Nachbar Albert, in dessen Biografie sich die polnische Geschichte beinahe grotesk verdichtet hat. Mit der Spur der verschwundenen Kinder nimmt sie auch die Fährte ihrer Vergangenheit auf, die am Ende zwar Aufklärung, aber keine Klärung der Opfer- und Täterrollen im eigenen Familiendrama bringt. Jede Generation gibt die Gewalt des Krieges an die nächste weiter, und wie das „Überbleibsel“ Alicja weiterlebt, bleibt offen. „Windsbraut sind wir“, lautet einer der letzten Sätze – gemeint ist Aello, eine geflügelte Figur der griechischen Mythologie mit scharfen Katzenkrallen. Frauen werden bei Bator zwar stets am bittersten gedemütigt, doch vor allem sind es die Frauen, die stets den unerbittlichsten Kampf gegen das ewige Erbe aufnehmen. Alicja ist noch nicht lange wieder in Walbrzych, da flattert ihr ein Brief ins Haus, der Roman „Der Mönch“ von Matthew Gregory Lewis – in seiner Schauerromantik zweifellos ein Vorbild für „Dunkel, fast Nacht“ – liege nun in der Bibliothek für sie bereit. Dort trifft sie auf ihren ehemaligen Klassenkollegen Czesio, mit dem Alicja einst ihr Prinzessinnenkostüm gegen ein Tuareg-Gewand tauschte und der nun Celestyna heißt und Brüste hat. Aus dem Buch fällt der Abschiedsbrief ihrer Schwester Ewa, die sich vor Jahren das Leben genommen hat. So nimmt die Familiengeschichte ihren Lauf – und die andere auch: durch unterirdische Gänge, geheime Zimmer, längst verlassene Häuser, über Plätze mit geifernd-geilen Menschenmassen und über Stock und Stein in den Wäldern um Schloss Fürstenstein.

Was ich fast vergessen hätte: Das erste Mal, als Alicja den Lewis-Roman in der Bibliothek abholen will, steht sie vor verschlossenen Türen. Drinnen sind gerade die Insektenvernichter am Werk, draußen müht sich eine ältere Frau mit der Anbringung von Kruzifixen (ja, das taugt in Bators Augen wohl durchaus als treffliche Charakterisierung Polens). Was sie hier mache, will die Frau von Alicja wissen.

„Ich? Ich wollte ein Buch abholen“

„Lesen, immer nur lesen“, sie lachte krächzend. „Hier kommen viele, die lesen.“

„Wahrscheinlich, weil es eine Bibliothek ist“, schlug ich vor.

„Sie lesen wohl auch immerzu?“

„Kommt vor“, gab ich zu.

„Eben!“, freute sich Madame Michelin. „Man liest, das Leben fließt.“

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Katrin

Als Kind wollte ich Bibliothekarin oder Journalistin werden - nach dem Literatur-Studium entschied ich mich zunächst für Letzteres. Um dann doch wieder in einer Bibliothek zu landen: Seit 2015 bin ich in der Münchner Stadtbibliothek verantwortlich für die digitale Kommunikation (und damit auch für dieses Blog hier). Mein großes literarisches Interesse gilt (zumindest aktuell) der postkolonialen Literatur, vor allem vom afrikanischen Kontinent.

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