Wie es ist, zwei zu sein…

Sarah Crossan: Eins (Jugendbuch)

Tippi und Grace sind siamesische Zwillinge, an der Hüfte zusammengewachsen. Eine Trennung kam wegen der Gefahr, dass sie es nicht überleben, nie in Frage. Aber nun sind die beiden 16 Jahre alt, und gesundheitliche Probleme führen dazu, dass eine Trennung das einzige ist, was zumindest eine der beiden retten kann …

Zwei Köpfe, zwei Herzen, ein Paar Beine

Die Geschichte wird aus Sicht von Grace erzählt. Sie ist diejenige, deren Gesundheit zu Problemen für beide führt. Grace und Tippi haben sich wunderbar mit den Gegebenheiten arrangiert – sie kennen es ja nicht anders.

Tippi und ich gehören zu dem seltenen Ischiopagus-Tripus-Typ. Wir haben zwei Köpfe, zwei Herzen, vier Lungenflügel und Nieren. Wir haben auch vier Arme und ein Paar voll funktionstüchtiger Beine, seit das verkümmerte Bein kupiert wurde wie der Schwanz eines Hundes. Unsere Därme beginnen getrennt und verschmelzen dann. Und unterhalb sind wir eins.

Bisher sind sie zu Hause unterrichtet worden, was die Eltern nur mithilfe von Spenden finanzieren konnten. Doch die Spenden haben nachgelassen und so müssen Tippi und Grace auf eine normale Schule gehen, aber zumindest keine übliche Highschool, sondern eine Privatschule.

Wie überall wo sie auftauchen, werden sie auch dort angestarrt und sogar gemobbt. Aber sie finden neue Freunde, Yasmeen und Jon, die selbst Außenseiter sind. Durch sie erleben sie ein wenig Normalität. Zuhause kämpft ihre jüngere Schwester, genannt „Dragon“, für eine Karriere als Ballerina und hungert dafür immer weiter. Der Vater hat ein Alkoholproblem, seit er seinen Job verloren hat, und die Großmutter wohnt mit im Haus.

Ein Filmteam im Haus

Die Eltern müssen jeden Cent dreimal umdrehen, da die medizinischen Kosten für die Zwillinge astronomisch hoch sind. Und als die Mutter auch ihre Stelle verliert, drohen ein Umzug und viele Einschränkungen für alle.

Das führt schlussendlich auch dazu, dass Tippi und Grace sich dafür entscheiden, einer Journalistin Zugang zu ihrem Alltag zu geben für eine Filmdokumentation. Jahrelang hatten sie konsequent Nein gesagt, aber als sie merken, wie dringend das Geld benötigt wird, überwinden sie sich. Die notwendige Operation zur Trennung der beiden und alle Vorbereitungen dafür werden durch das Filmteam und die Journalistin begleitet, und es ist nicht klar, ob beide oder nur eine der beiden oder sogar keine überleben wird…

Grace und Tippi haben 16 Jahre miteinander verbracht, und der Gedanke an die Trennung löst nicht nur Unwohlsein wegen der Gefahren aus. Wie wird es sein, die eigene Zwillingsschwester nicht mehr in jeder Minute direkt neben sich zu haben? Was, wenn nur eine der beiden überlebt? Wie soll es dann weiter gehen?

Das Buch von Sarah Crossan, die 2014 auch schon mit „Die Sprache des Wassers“ für den Jugendliteraturpreis nominiert war, ist in sehr kurze Kapitel aufgeteilt. Meist umfassen diese Kapitel nur eine halbe, maximal drei Seiten. Der Schriftsatz erinnert an Gedichte, der Text ist jedoch nicht in Reimform geschrieben. Durch diese Art der Erzählung und die knappen Kapitel kann man das Buch in ein bis zwei Stunden lesen.

Lebensnah

Die Geschichte von Grace und Tippi wird behutsam, aber lebensnah erzählt. Grace und Tippi sind trotz allem Teenager, die die erste Liebe erleben, die den Wunsch haben, eine selbstständige Person zu sein (was in ihrem Fall nicht so einfach ist) oder die sich ausprobieren wollen. Auch diese alltäglichen Probleme des Erwachsenwerdens sind Teil der Geschichte und verknüpft mit der Besonderheit eines siamesischen Zwillingspaares und die damit einhergehenden Geschehnisse machen sie „Eins“ zu einer warmherzigen, interessanten und kurzweiligen Geschichte, die einen noch Tage danach beschäftigt.

Aus meiner Sicht ist „Eins“ definitiv zu Recht in der Kategorie „Jugendbuch“ für den diesjährigen Jugendliteraturpreis nominiert. Eine Liste aller nominierten Bücher ist hier zu finden.

Sarah Crossan: Eins. Aus dem Englischen von Cordula Setsman. 418 Seiten, Mixtvision Verlag

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Schon allein wegen meiner beruflichen Tätigkeit liebe ich Bilderbücher, lese gerne Jugendromane und schaue total gerne Animationsfilme. Aber nicht nur solche Filme – ins Kino gehe ich mindestens zwei- bis dreimal im Monat, und ich leihe selbstverständlich fleißig DVDs und Blurays in meiner Bibliothek aus. Darum empfehle ich hier im Blog gerne tolle neue Bilderbücher, interessante und unterhaltsame Jugendromane sowie Filme, die man gesehen haben sollte.

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