Wie ein Augenblick alles verändern kann

“I Saw a Man” von Owen Sheers (Roman)

Ein Schriftsteller betritt durch die offene Hintertür das Haus seiner Nachbarn. Auf sein Rufen reagiert niemand, so dass er immer tiefer in das Haus eindringt. Und auch der Leser dringt immer tiefer in die Gefühlswelt der einzelnen Charaktere vor.

Je mehr der Schriftsteller sich durch das Haus seiner Nachbarn bewegt, idyllisch in Hampstead Heath gelegen, desto mehr taucht er in seine Erinnerungen ab. Der Leser erfährt duch Rückblenden, dass die Frau des Schriftstellers, die als Journalistin nach absoluter Wahrheit strebte, bei einer verdeckten Ermittlung durch einen Drohnenangriff in Pakistan ums Leben gekommen ist. Ein Augenblick, der viele Leben verändert und Unschuldige zu Schuldigen gemacht hat und weiterhin machen wird. I saw a man

Der Autor baut geschickt die Spannung auf: Man möchte unbedingt wissen, was hier vor sich geht. Was wird der Schriftsteller im Haus vorfinden? Und dann, ein kurzer Augenblick auf der Treppe, tief im Innern des Hauses:

Kaum war Michael auf den Treppenabsatz hinausgetreten, spürte er Caroline von Neuem – eine geringfügige Veränderung in der Struktur der Luft – eine flüchtige Intuition. […] Die Luft strömte zurück in seine Lunge, und plötzlich konnte er wieder klar denken. Er lag im Badezimmer seiner Nachbarn auf den Knien, und Schweiß kribbelte in seinem Nacken, zwischen seinen Schulterblättern, auf seiner Stirn. Es war alles so schnell gegangen. Die Zeit war, zusammen mit ihr und diesem Duft, im Nu verflogen. Sie hatte jede Bedeutung verloren. Doch jetzt, das wusste er, bedeutete Zeit alles. Er war nicht allein. Er musste verschwinden.

Und was bedeutet dieser Augenblick für die Nachbarn:

Ohne es zu ahnen, hatten die beiden sich verschworen und ihre jeweilige Version der entscheidenden Minuten buchstäblich wahr gemacht.

Wie hängt alles zusammen und was hat ein Kampfpilot im 9.000 km entfernten Nevada damit zu tun? Denn auch diese Person muss sich mit seiner Vergangenheit und ungemütlichen Wahrheiten auseinandersetzen. Früher Kampfeinsätze im Irak und Afghanistan geflogen, steuerte er zuletzt nur noch Drohneneinsätze aus einer sicheren Kommandozentrale, 12.000 km vom eigentlichen Kampfort oder Zielobjekt entfernt.

Der Joystick, den er während seiner Schicht bediente, war dem der Sony PlayStation nachempfunden. Daniel konnte dem wenig abgewinnen, aber es leuchtete ihm ein. Die Piloten der Zukunft wurden in Wohn- und Kinderzimmern Amerikas herangezüchtet […]. Sie würden kämpfen, als sei die ganze Welt eine uneingeschränkte Feuerzone, begleitet von besänftigenden Summen der Server und Computer statt von den Geräuschen des Himmels, dem Drehmoment des Triebwerks, dem Ächzen der Flügel, dem klaren Rauschen der dünner werdenden Luft.

Alle haben Schuld auf sich geladen, in die der Leser nach und nach vordringt, und es lässt einen frösteln, wie ein einziger Augenblick alles verändern kann und wie man damit weiterleben muss. Ein leiser Roman mit ergreifenden Momenten für mich – so schnell kann es gehen …

Owen Sheers: I Saw a Man. DVA, 304 Seiten

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Nadine

Meine Wunschliste 2017: mehr Fleisch beim wöchentlichen Teamkochen, Daenerys und Jon Snow reiten endlich auf einem Drachen in den Sonnenuntergang, zwei oder ein Laster loswerden, mehr Toleranz für Iny-Lorentz-Leser aufbringen, UND mehr Bücher mit Happy End lesen!

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