Wenn man es nicht mehr aushält

“Boy” von Wytske Versteeg & “Was ich euch nicht erzählte” von Celeste Ng

Beide Romane behandeln augenscheinlich den Selbstmord eines Jugendlichen. Auf den ersten Blick scheinen die beiden Schicksale und auch die Todesursache ähnlich, jedoch könnten die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Aufarbeitung und der Umgang mit dem Verlust durch die Familienmitglieder nicht gegensätzlicher sein.

Ich kann nicht mehr.

Diese vier Wörter auf einem kleinen Zettel hinterlässt “Boy” seiner Theaterlehrerin Hannah. Einen Tag später ist er tot, ertrunken.

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Boy ist das Adoptivkind einer Psychologin und eines Entwicklungshelfers. Als Baby haben sie Boy aus einem afrikanischen Waisenhaus geholt, um ihm ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch das gesamte Handeln der Mutter ist durch Zögern geprägt – beim Kennenlernen ihres Mannes, im Wunsch ein Baby zu bekommen und später auch im Umgang mit anderen Müttern vor der Schule.

Erst mit dem Verlust von Boy setzt sie sich mit ihren Gefühlen auseinander: Was wusste sie wirklich von Boy? Wer war ihr Sohn, der immer schüchtern und ruhig, am Ende aber nur noch in sich gekehrt war?

Er war so verletzlich, so sensibel. Manche Kinder sind einfach so, aber er hat darunter gelitten. Wir mussten ihm diese Weichheit ein Stück weit abtrainieren, da die Welt nun mal kein freundlicher Ort ist und wir ihn als gute Eltern darauf vorbereiten mussten. Wir würden ihn schließlich nicht ewig beschützen, ihm nicht ewig die Augen zuhalten können, wenn etwas Schlimmes passiert. Vielleicht hat er sich manchmal so gefühlt wie ich jetzt, wie ein Käfer, der umgestupst worden ist und nicht mehr auf die Beine kommt. Was genau war es, was er nicht mehr konnte?

Die Mutter begibt sich auf Spurensuche. Was ist Boy an seinem letzten Abend bei einer Schulveranstaltung am Strand passiert? Inwieweit ist Hannah involviert – ist sie ihrer Verantwortung als Lehrerin nachgekommen oder auch ein Opfer der Umstände? Von Rachegefühlen getrieben, reist die Mutter nach Bulgarien, wohin Hannah flüchtete. Ein psychologisches Katz-und-Maus-Spiel beginnt und es ist beklemmend zu lesen, wie beide Frauen gemeinsam unter einem Dach mit ihrem Schmerz und der Wahrheit hadern. Als Leser sehnt man sich nur noch, genauso wie die beiden Frauen, nach Erlösung.


In “Was ich euch nicht erzählte” von Celeste Ng erfährt der Leser gleich auf der ersten Seite, dass die Tochter Lydia nicht zum Frühstück erschienen ist und einen Tag später ihre Leiche im nahe gelegenen See gefunden wird. Am Ende wird nur der Leser wissen, was mit Lydia in der Nacht ihres Todes passiert ist.

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Der Roman spielt in einer Kleinstadt der USA in den 1970er Jahren. Lydia selbst war das Lieblingskind ihrer Eltern, da sie als einzige der drei Kinder die blauen Augen ihrer Mutter geerbt hatte. Die Mutter ist Amerikanerin, der Vater Sohn chinesischer Einwanderer.

In Rückblenden werden die Träume und Lebenswege ihrer Eltern skizziert. Lydias Mutter, Tochter einer Hauswirtschaftslehrerin, strebte danach, Ärztin zu werden und nicht die gleichen Fehler wie ihre Mutter zu machen. Die Eltern von Lydias Papa waren als Hausmeisterehepaar an der Schule ihres Sohnes tätig. Durch seine Erfahrungen in der Kindheit wollte er für sich, seine Familie und später auch für seine Kinder, kein Leben am Rande der Gesellschaft sondern ein bodenständiges Leben ohne aufzufallen. Aber selbst in den 70er Jahren haben Kinder chinesischer Einwanderer unter ihrer Andersartigkeit noch zu leiden.

Der Roman ist traurig, zugleich ist es aber auch wunderbar berührend zu lesen, wie Geschwister sich schon in jungen Jahren Halt geben können. Das Ende hat mich überrascht, lässt aber auch Hoffnung zu. Sich “Frei schwimmen” zu können, ist möglich.


Im Zusammenhang mit dem Thema fällt es schwer, zu schreiben: empfehlenswert und spannend. Dennoch kann man sich dem Erzählstil und der Handlung der beiden Romane nur schwer entziehen. Emotional berührt und aufgewühlt, klappt man die Bücher zu – dankbar und froh, dass der eigene Bruder am Leben ist.

“Boy” von Wytske Versteeg im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek
“Was ich euch nicht erzählte” von Celeste Ng im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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Nadine

Meine Wunschliste 2017: mehr Fleisch beim wöchentlichen Teamkochen, Daenerys und Jon Snow reiten endlich auf einem Drachen in den Sonnenuntergang, zwei oder ein Laster loswerden, mehr Toleranz für Iny-Lorentz-Leser aufbringen, UND mehr Bücher mit Happy End lesen!

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