Was macht eine Diktatur mit dem Menschen?

Anna Seghers: Das siebte Kreuz. Lesung mit Martin Wuttke

Deutschland 1937: Sieben Flüchtlinge fliehen aus dem Konzentrationslager Westhofen bei Mainz. Sieben Kreuze lässt der Lagerkommandant errichten und schwört sich, die Flüchtenden innerhalb von sieben Tagen an diesen Kreuzen hinzurichten.

Vor vielen Jahren habe ich „Das siebte Kreuz“ gelesen und war nun gespannt auf das von HR 2 und SWR 2 produzierte Hörbuch.

Von den insgesamt elf CDs und einer Laufzeit von über fünfzehn Stunden sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn durch Anna Seghers Technik, hunderte kleiner Episoden aneinanderzureihen und miteinander zu verschränken, bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten.

Martin Wuttke hat eine angenehm ruhige Stimme, die sich nie in den Vordergrund drängt. Fernsehzuschauer kennen ihn sicher als Kommissar Keppler aus dem Leiziger Tatort. Außerdem spielte er an verschiedenen deutschen Bühnen u.a. dem Berliner Ensemble und dem Thalia-Theater Hamburg.

Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar.

Dies ist der letzte Satz und die Quintessenz des Romans.

Georg Heisler, einer der Flüchtenden, ist die Hauptperson. Er ist Arbeiter und fußballbegeistert, schloss sich einem Arbeitersportverein an und lernte so Kommunisten kennen. das-siebte-kreuz-seghers-anna-9783862315888Seine politische Gesinnung führte schließlich zur Verhaftung. Nach fünf Jahren im Lager stößt er nun auf eine relativ heile Außenwelt.

Packend wird seine Suche nach immer wieder wechselnden Verstecken und seine Angst, entdeckt zu werden, geschildert. Von seiner Frau Elli lebte er lange vor seiner Verhaftung getrennt, vermutet aber, dass sie und ihr Vater beschattet werden. Dass diese Vermutung richtig ist, erfährt man in einer Episode, in der Ellis Vater einen Spitzel entdeckt, der ihn verfolgt. Außerdem wird er, wie bereits bei Georgs Verhaftung, zum Verhör vorgeladen.

Aus den gleichen Gründen kann Georg nicht die Hilfe seines früheren Freundes Franz in Anspruch nehmen. Letztlich, so stellt er fest, könnten alle seine Freunde und Verwandte unter Beobachtung stehen und so zu „lebenden Fallen“ für ihn werden.

Anna Seghers schreibt nicht chronologisch, sondern wechselt die Szenen, baut viele Rückblenden ein und schildert nicht nur das nach außen gezeigte Verhalten der Figuren, sondern vor allem ihre Gefühle, ihre Zweifel, ihre Zerrissenheit.

Durch diese Technik zog es mich als Zuhörerin quasi in Georgs Freundes- und Bekanntenkreis hinein, und ich begriff unmittelbar, in welcher Situation sich der/die Einzelne befand. Dieser Effekt wurde durch die suggestive Stimme von Martin Wuttke noch verstärkt.

Georg stößt bei seiner Suche nach Unterstützung auf viele verschiedene Menschen. Jeder muss für sich entscheiden, ob er ihn versteckt oder wegschickt oder verrät. Wenn er ihn versteckt, bringt er sich selbst in Gefahr, vermutlich sogar seine Familie. Wenn er ihn aber wegschickt, so fühlen es viele, handeln sie gegen ihre eigene Moral.

Und immer wieder stellte sich mir während des Hörens die Frage: Wie hätte ich mich in dieser Situation verhalten?

Georg will sich bei seiner früheren Freundin Leni verstecken, die ihn fortschickt. Unterstützung erfährt er dagegen bei seinen Jugendfreunden Paul und Liesel Röder, unpolitischen Menschen, die aber auch in dieser Extremsituation anständig bleiben wollen. Paul sucht für Georg einen neuen Platz zum Übernachten und organisiert seine weitere Flucht, indem er sich einem Arbeitskollegen anvertraut.

Im Laufe der sieben geschilderten Tage erfährt man auch viel über die anderen Ausbrecher und deren Leben. Einer nach dem anderen wird aufgegriffen und ins Lager zurückgebracht. Einer stellt sich sogar selbst, weil er nicht mehr daran glaubt, dass die Flucht überhaupt gelingen kann.

So hofft man bis zum Schluss inständig, dass Georg Heisler (wenigstens ihm!) trotz aller Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen, die Flucht glückt.

Nähere Infos zu Anna Seghers im Interview „Lauter schwierige Patienten 10 – Reich-Ranicki über Anna Seghers“ http://www.youtube.com/watch?v=wMgikOUzpBE

Anna Seghers: Das siebte Kreuz. Lesung mit Martin Wuttke. 11 CDs, Der Audio Verlag

Anna Seghers: Das siebte Kreuz. Lesung mit Martin Wuttke im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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Annette

Ich lese gerne Romane, die auf eine besondere Art konstruiert sind und in denen die Sprache stimmig ist. Ich mag auch Hörbücher, denn da kann ich, während mir vorgelesen wird, noch etwas anderes nebenher tun. Alles, was mit Frankreich zu tun hat, liebe ich: insbesondere die Sprache und das Savoir-vivre der Franzosen. Generell bin ich neugierig und stelle vorgefasste Meinungen häufig in Frage (auch meine eigenen). Seit einigen Jahren schreibe ich selbst. Bisher veröffentlicht sind vier Kurzgeschichten und eine Novelle beim Schrägdruck Verlag (Berlin). Sie stehen auch in der Monacensia. Voilà!

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