Was ist das eigentlich, Heimat?

Birgit Weyhe: Madgermanes (Graphic Novel)

Zwischen dem Tag an dem ich auf die Welt kam und dem Fall der Mauer liegen nur wenige Monate. Jahre später ging es im Geschichtsunterricht fast ausschließlich um Mauerbau und Öffnung der Grenze – was in den knapp 40 Jahren dazwischen passiert ist, wurde wenig behandelt. So wusste ich nicht, dass in dieser Zeit tausende von sogenannten „Vertragsarbeitern“ aufgrund eines Staatsvertrags aus Mosambik in die DDR geschickt wurden, um dort zu arbeiten. Die Schicksale dieser Menschen, die nach der Wende fast alle wieder ausgewiesen und größtenteils um ihren Lohn betrogen wurden, erzählt Birgit Weyhe in ihrem preisgekrönten Graphic Novel „Madgermanes“.

Madgermanes ist ein Graphic Novel, das dem Leser nahegeht.

Madgermanes ist ein Graphic Novel, das dem Leser nahe geht. @Birgit Weyhe / avant-verlag

Die Autorin verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Uganda und Kenia, lebt aber inzwischen wieder in Deutschland. Zu Beginn ihres Werkes erzählt sie, wie sie als Erwachsene den Norden Mosambiks besuchte und dort mit ehemaligen Vertragsarbeitern ins Gespräch kam. Die Madgermanes dort (ein Kunstname, der von „Made-in-Germany“ abgeleitet wurde und den die ehemaligen Arbeiter, die untereinander gut vernetzt sind, für sich benutzen) waren bereit, ihr von ihrer Zeit in der DDR zu erzählen.

Es sind Geschichten von Einsamkeit, Fremdenfeindlichkeit, Verlust und Enttäuschung, aber auch von Liebe und Mut. Den Mosambikanern wurde versprochen, sie könnten im sozialistischen Deutschland studieren, doch dort angekommen wurde ihnen schnell klar, dass nur billige Arbeitskräfte gesucht wurden. Zudem bekamen die Arbeiter während ihrer Zeit in der DDR nur ein Teil ihres Lohnes ausbezahlt, der andere Teil, so hieß es, würde direkt nach Mosambik überwiesen und dort auf die Heimkehrer warten. Viele planten, sich mit dem angesparten Geld eine Zukunft in der Heimat aufzubauen. Als sie jedoch nach jahrelanger Arbeit nach Mosambik zurückkehrten, schien niemand von diesem Geld zu wissen, keiner zeigte sich verantwortlich.

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@Birgit Weyhe/ avant-verlag

In “Madgermanes” werden viele Geschichten, viele große Themen behandelt, doch durch das ganze Buch zieht sich vor allen Dingen das Gefühl des Fremdsein und der Entwurzelung. Einst aus der Ferne gekommen, durften die Mosambikaner im wiedervereinten Deutschland nicht mehr bleiben, obwohl viele von ihnen sich an das deutsche Leben gewöhnt, Freundschaften und Liebesbeziehungen hatten. Nach jahrelangem Aufenthalt im fremden Deutschland, in dem sie nie ganz dazugehörten und oft nicht gewollt waren, sind sie aber auch zurück in ihrer Heimat Fremde, die sich in der fernen DDR ein vermeintlich „goldene Nase“ verdient hatten, während in Mosambik ein Bürgerkrieg herrschte. Um ihren Lohn betrogen, haben viele der Rückkehrer keinen Neuanfang geschafft, wurden alkohol- oder drogenabhängig.

Aus all diesen ihr erzählten Schicksalen hat Weyhe drei fiktive Charaktere geformt – den schüchternen, freundlichen José, den draufgängerischen Basilio und die kluge, mutige Anabella. Jede Geschichte wird einzeln erzählt, die Leben der drei sind jedoch unaufhaltsam miteinander verstrickt, José und Basilio sind Zimmergenossen im deutschen Wohnheim,  Anabella und José verlieben sich ineinander.

@ Birgit Weyhe/ avant - verlag

@Birgit Weyhe/ avant-verlag

In ruhigen, kräftigen Brauntönen, untersetzt mit Schwarz und Grau, zeichnet die Autorin die Geschichte der Madgermanes, die größtenteils mit Sprechblasen und Panels wie ein Comic aufgebaut, aber immer wieder von afrikanischen Motiven und Zeichnungen durchzogen wird. Durch diese Unterschiedlichkeit im Stil wird die Zerrissenheit, die die Protagonisten fühlen, für den Leser noch deutlicher. Wie definiert der Mensch Heimat?

Nach wie vor kämpfen die Madgermanes in Mosambik um ihren ausstehenden Lohn, sie gehen auf die Straße und protestieren seit Jahren für ihr Recht. Eine unglaubliche Ungerechtigkeit, die auch Jahre später, als Leser, betroffen macht. Die Zeichnungen und der Aufbau von „Madgermanes“ hat mich so begeistert, dass ich das 236 Seiten starke Werk in einem Rutsch gelesen habe. Man merkt dem Buch an, dass es sehr gut recherchiert und mit Hingabe geschrieben und gezeichnet wurde; Birgit Weyhe ist eine einfühlsame Erzählerin. Definitiv nicht das Letzte, das ich von ihr gelesen habe.

“Madgermanes” wurde in diesem Jahr mit dem Max & Moritz Preis für das “beste deutschsprachige Comic” ausgezeichnet sowie 2015 der Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung verliehen.

Birgit Weyhe: Madgermanes. Avant Verlag, 240 Seiten

Homepage der Künstlerin

“Madgermanes” im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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Eva

Wer meine Texte gelesen hat, weiß, dass ich nach München pendle, keine Horrorfilme und kein Fleisch mag und kurz vor dem Mauerfall geboren wurde. Etwas, dass ich folglich nicht gut kann: mich zurückhalten! 🙂 Wirklich gut hingegen kann ich organisieren und mit Leuten. Abseits von der Arbeit und meinem Lesesofa (egal welches Genre, immer her mit Comics und Graphic novels!), trifft man mich am ehesten noch beim Skaten, auf Konzerten oder im Kino: nach Lesen meine zweitgrößte Leidenschaft.

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