Von einer jungen Frau, vielen Leben und dem perfekten Zander

J. Ryan Stradal: Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens (Roman)

Da ich jeden Tag etwas weiter in die Arbeit pendle, habe ich viel Zeit zu lesen: Für jemanden, der beruflich quasi dazu verpflichtet ist, ein echter Glücksfall. So haben sich bei mir zwei Bewertungskriterien entwickelt: Es gibt zum einen Bücher, die ich nur auf dem Weg lese, schließlich hat man in der Regel nach Feierabend auch noch etwas zu tun. Und dann gibt es die andere Kategorie: die, die ich einfach weiter lesen muss – egal, was nach Feierabend noch ansteht! „Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“, der Erstling von J. Ryan Stradal, ist so ein Buch das ich weiter lesen musste, kaum dass ich zur Haustür hereinkam.

Zunächst einmal dürft ihr auf keinen Fall auf den Klapptext hereinfallen (und somit den gleichen Fehler machen, den ich gemacht habe): Dort wird der Eindruck vermittelt, es handle sich um die Geschichte der Beziehung zwischen zwei Frauen, um eine Mutter, die ihre Tochter verlassen hat, und die Tochter, die sich trotz dieses Verlusts und dem Tod ihres Vaters (das traue ich mich zu sagen, denn dieser Spoiler steht in der Kurzusammenfassung) zu einer erfolgreichen Köchin gemausert hat. Darum geht es auch, doch diese Beziehung stellt eher die Rahmenhandlung da. Eigentlich steht in dieser Geschichte das Schicksal, das ausschlaggebend für alle lebensverändernde Begegnungen ist, im Mittelpunkt.

Pressebild_J-RyanStradal_cFoto-Franco-P-Tettamanti_72dpiskal

Autor J. Ryan Stradal wuchs in Minnesota auf und lebt heute in Los Angeles. © Franco P Tettamanti

Der Name der erfolgreichen Köchin ist Eva Thorvald. Zu Beginn der Geschichte ist sie noch weit vom Ruhm entfernt, im ersten Kapitel geht es um die Beziehung ihrer Eltern. Die Mutter verlässt ihre kleine Familie in der festen Überzeugung, dass die beiden ohne sie, die alle mütterlichen Instinkte vermissen lässt, besser dran wären. Der Leser lernt Evas Vater kennen, einen friedlichen und sanften Mann, der als Koch eine echte Koryphäe ist. Auch weitere Verwandte werden vorgestellt, die später in der Geschichte noch eine große Rolle spielen.

Evas Vater stirbt, als sie noch ein Baby ist. Das Kapitel endet, und es beginnt die große Erzählkunst, die mich bei diesem Roman so begeistert: Im nächsten Kapitel steigen wir wieder in Evas Leben ein, nur wenige Jahre später. Jetzt steht sie im Fokus, sie geht inzwischen in die Schule; wir lernen ihre Begeisterung für Geschmack und Lebensmittel kennen und treffen ihre Verwandten aus dem ersten Kapitel wieder. Im folgenden Kapitel geht es um das Leben von Evas Cousine und immer so weiter. Stradal kann diese Geschichten so mühelos erzählen, dass trotz der unterschiedlichen Leben, die jeweils im Mittelpunkt stehen, trotzdem das Gefühl einer übergeordneten Story bleibt, die alles zusammenhält. Herrlich!

So nimmt man je ein Kapitel teil am Leben von Eva und ihrem direkten Umfeld. Der Leser lernt die Menschen kennen, die Eva als Kind, als Teenager und später als junge Erwachsene trifft und taucht ein Stück in deren Leben ab. Durch die Erzählungen von und über diese Charaktere wird auch Evas Werdegang von einer schüchternen jungen Frau zu einer zielstrebigen, toughen Köchin beschrieben. Und wie die Schicksale aller dieser Leute zusammenhängen, wird von Kapitel zu Kapitel deutlicher.

Die Sprache, die der Autor J. Ryan Stradal verwendet, ist bewundernswert: Ohne allzu übertrieben oder blumig zu beschreiben, schafft er es, jede Figur, und es sind viele, die der Leser kennenlernt, so aufzubauen, dass sie prägnant wird, Ecken und Kanten entwickelt, obwohl für viele noch nicht mal ein eigenes Kapitel vorgesehen ist. Als Leser sitzt man in jedem der Kapitel, die alle nach einem Lebensmittel benannt sind, beim Essen zwischen den Figuren am Tisch und bekommt auch schon mal Hunger bei der Lektüre.

Für alle Fans von raffinierten, großartig erzählten Familien- und Lebensgeschichten mit ganz besonderem Ende.

Da niemand so charmant wie dieser Autor “Diogenes” sagen kann und auch wegen der anderen Features sei noch die Micro-Homepage des Buches empfohlen.

J. Ryan Stradal: Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens. Diogenes Verlag, 430 Seiten

Ausleihen!

The following two tabs change content below.

Eva

Wer meine Texte gelesen hat, weiß, dass ich nach München pendle, keine Horrorfilme und kein Fleisch mag und kurz vor dem Mauerfall geboren wurde. Etwas, dass ich folglich nicht gut kann: mich zurückhalten! 🙂 Wirklich gut hingegen kann ich organisieren und mit Leuten. Abseits von der Arbeit und meinem Lesesofa (egal welches Genre, immer her mit Comics und Graphic novels!), trifft man mich am ehesten noch beim Skaten, auf Konzerten oder im Kino: nach Lesen meine zweitgrößte Leidenschaft.

Neueste Artikel von Eva (alle Artikel)

Leave a Reply

Post Navigation

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Close