Ein kleines Ungeheuer namens Andersen

“Andersen” von Charles Lewinsky

Am besten den Klappentext nicht lesen und sich überraschen lassen! Wer das nicht kann, sollte sich auf ein unheimlich niedliches Baby, werdende Eltern in all ihren Facetten und auf die Frage „Drehen wir mehrere Runden auf dem Karussell des Lebens?“ gefasst machen.

Etwas erwacht im Dunkeln, es kann sich nicht rühren, nicht wirklich atmen, fühlt sich blind, taub und beobachtet. Schnell kommt dieses Etwas, auch genannt Andersen, zur Erkenntnis, dass es sich in Gefangenschaft befinden muss, und auch als Leser verfolgt man die ersten Gedankengänge von ihm gespannt – mit dem Gefühl, Andersen befinde sich in feindlicher Hand und werde gefoltert. Aber weit gefehlt, vielmehr erwacht er im behaglichen Mutterleib Anfang der 2000er und mit Erinnerungen an ein früheres Leben. Ein Leben, das seinen Höhepunkt offenbar zum Ende des Zweiten Weltkriegs erreicht hatte.

Für Andersen beginnt zunächst eine Quälerei von Schlafliedern und Streicheleinheiten im Mutterleib, bis er befreit von Fruchtblase und Nabelschnur seine ersten Atemzüge in Freiheit tätigen darf. Und knvmmdb.dlldann geht der Spaß erst richtig los.

Definitiv ist der Roman beängstigend, besonders in dem Moment, als Andersen seine Eltern schon aus dem Mutterleib heraus abrichtet, und das sind noch die harmloseren Stellen. Gefällt ihm der Kosename „Zwerg“ oder die Liedauswahl seines zukünftigen Vaters nicht, dann tritt und boxt er einfach mal kräftig im Bauch herum. Einen deutlichen Vorteil scheint Andersen davon zu haben, dass er in seinem früheren Leben die Spielregeln der Folter extrem gut beherrscht hat. Diese Erinnerungen verursachen ein gehöriges Kopfkino. Aufatmen und Schmunzeln kann man als Leser zwischenzeitlich, wenn der stolze Papa in Tagebuchform über die ersten Schritte im Leben seines Sohnes berichtet.

Aber von Seite zu Seite steigt das beklemmende Gefühl, dass dies nicht gut ausgehen kann für seine Familie; oder auch für Andersen mit seinem Erfahrungsschatz, wenn es darum geht, die heutige Gesellschaft und die zweite Runde zu ertragen. Die Kühlschränke sind prall gefüllt, Zeitungen machen Werbung für die verschiedensten Diätmittel, die Häuser strotzen nur so vor Deko-Kitsch. Und bei der Hochzeit seiner jetzigen Eltern ist er nur noch angewidert vom Bilderwahn der Gäste. Die Leute schauen mehr auf die Anzeige des Apparats als auf ihre Umgebung. Andersen kann sich an genau EIN Hochzeitsfoto seiner früherer Eltern erinnern.

Und immer wieder beschäftigt Andersen die Frage: Sind hochbegabte Kinder womöglich keine Genies, sondern nur Menschen, die wiedergeboren, bei denen das Gedächtnis und die Erinnerungen aber nicht gelöscht wurden?

Vielleicht sitzen auf dem Karussell eine ganze Menge Leute, die wissen, dass es nicht ihre erste Fahrt ist. Und versuchen, sich das auf gar keinen Fall anmerken zu lassen. Vorsichtig sein. Sich nicht verraten. Wer auffällt, macht Schwierigkeiten, und Schwierigkeiten müssen aus dem Weg geschafft werden. Mozart wurde gerade mal fünfunddreißig Jahre alt. […] Er war kein Wunderkind. Er war ein alter Mann, eingesperrt in einem Kinderkörper. Hat seine Rolle nicht überzeugend genug gespielt, und so hat man ihn früh aus dem Verzehr gezogen. Einundvierzig Symphonien. Dann haben sie sein Gedächtnis gelöscht und ihn in die nächste Runde geschickt.”

Der ungewöhnlich schaurige Plot mit Spannung bis zur letzten Seite – Andersen ist schon ein kleines Ungeheuer –, trockener Humor, beängstigende Begegnungen und philosophische Gedankengänge machen den Roman für mich zu einem erfrischend, unterhaltsamem Lesevergnügen!

Wem die Zutaten zu gruselig sind, erfreut sich lieber an der Familienvariante „Kuck mal, wer da spricht!“ auf DVD.

Nagel & Kimche, 400 Seiten, 24,90 Euro.

“Andersen“ von Charles Lewinsky im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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Nadine

Meine Wunschliste 2017: mehr Fleisch beim wöchentlichen Teamkochen, Daenerys und Jon Snow reiten endlich auf einem Drachen in den Sonnenuntergang, zwei oder ein Laster loswerden, mehr Toleranz für Iny-Lorentz-Leser aufbringen, UND mehr Bücher mit Happy End lesen!

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