Mozart unplugged

Die Jupiter-Sinfonie von Mozart. CD-Einspielung mit der Taschenphilharmonie unter der Leitung von Peter Stangel

Die letzte und sicherlich großartigste Sinfonie von Mozart einzuspielen, ist eine Herausforderung für jeden Dirigenten und jedes Orchester – doch was macht ein Ensemble daraus, das so klein ist, „dass es in eine Tasche passt“?

Nun gut: fast. Die Münchner „Taschenphilharmonie“ ist eine Kleinstbesetzung mit Solostreichern und reduzierten Bläsern. Gegründet 2005 von dem Dirigenten Peter Stangel als eine Art sinfonisches Kammerorchester mit rund 15 Profi-Musikern, orientiert sich das Ensemble an Arnold Schönbergs „Verein für musikalische Privataufführungen“. Künstlerisch geht es dabei um das, was Konzertbesucher als „nah an der Musik“ und „transparent“ beschreiben: ein Abenteuer für die Ohren, das hörbar macht, was in der Klangmasse eines großen Orchesters gewöhnlich untergeht. Wichtig ist Stangel, was „zwischen den Noten“ steht. Vertraute klassische Werke klingen lebendiger, ungestümer – spröde und sperrige Elemente werden aufgedeckt. Phrasierungen, Dynamik und Tempo lassen sich so wesentlich gezielter gestalten.

peter_stangel__die_taschenphilharmonie-mozart_4041_jupiter_a

Bei der Einspielung von Mozarts Sinfonie Nr. 41 C-Dur (KV 551) kommen diese Vorzüge vollauf zur Geltung. Viel später mit dem Beinamen „Jupiter“ versehen, ist sie die letzte von drei charakterlich sehr unterschiedlichen Sinfonien. Mozart hat sie – wie die hier ebenfalls eingespielte Nr. 40 in g-Moll und die 39. Sinfonie in Es-Dur – im Sommer 1788 komponiert. Die „Jupitersinfonie“ gilt als die Strahlende unter den Dreien. Kontraste aus verschiedenen Themen und Genres werden in ihr zu einer vollkommenen Einheit gebracht – von der Melodie einer Buffo-Arie im Kopfsatz bis zur komplexen Vielstimmigkeit des Finales. Ersteres ein Selbstzitat, denn die Arie auf einen lasziven Text hatte Mozart drei Monate zuvor als Opern-Einlage geschrieben. In der berühmten „Schlussfuge“ zeigt Mozart sein ganzes Können: Melodik und Polyphonie vereinen sich zu einem mitreißenden Finale – ein Paradestück für Peter Stangel und seine Taschenphilharmonie.

Mit rasantem Tempo geht Stangel den ersten Satz an. Die starken thematischen Kontraste arbeitet er markant heraus: Triumph dicht neben Lyrischem, Dramatischem und Verspielt-Heiterem. Durch seinen Drive gelingt es ihm, die Gegensätze zu verbinden und Sinnzusammenhänge verständlich zu machen. Im ausgedehnten Andante cantabile phrasiert Stangel mit Verve; zwischen Bläsern und Streichern entsteht ein spannungsvolles Wechselspiel. In den lyrischen Stellen brilliert die Taschenphilharmonie: Streichersolisten, die den Bläsern auf Augenhöhe begegnen. Besonders im zweiten Satz entsteht so eine subtile Stimmung, durchscheinend und zart. Das eigenwillige Menuett hat eine dem Tanzcharakter entgegengesetzte Sperrigkeit, die entsprechend betont wird. Vor allem im Trio steht Lyrisches  neben unvermittelten wuchtigen Ausbrüchen. Im rauschenden Finale treten in den vielstimmigen Passagen Nebenstimmen hervor, die in größeren Besetzungen kaum zu hören sind. Die Taschenphilharmonie musiziert den mit melodischer Heiterkeit angereicherten strengen Fugensatz so klar und mit so viel Esprit, dass die komplexe und dichte Struktur in allen Details erfassbar, ja eingängig wird.

Verfechtern der historischen Aufführungspraxis wie auch den Freunden des „philharmonischen Klanges“ mag das alles zu weit gehen. So bemängelt der Musikkritiker Blair Sanderson den dünnen Streicherton, der das Ensemble aus der Balance werfe. Er spricht bei Stangels Interpretation von „clinical performances“ und vermisst „das gemütlich feeling one expects in Mozart“. Es stimmt: In den Tutti-Stellen haben die Streicher zu kämpfen und wirken oft forciert und schrill. Manchmal geht auch die Bass-Power verloren. Was aber die angebliche „Gemütlichkeit“ bei Mozart anbelangt, so entspricht diese einem tradierten Mozart-Bild. Der Dirigent Daniel Harding sieht jede Aufführung Mozarts als verfehlt an, die das Nervöse unter der Oberfläche des Schönen und Harmonischen nicht hörbar zu machen wage; seine Musik werde von einer ungestillten Sehnsucht vorangetrieben, so die Biografin Eva Gesine Baur. Rastlosigeit und Widersprüche machen den Charakter Mozarts und seiner Musik aus. – Aus meiner Sicht ist der Taschenphilharmonie genau dies mit ihrer facettenreichen und spannenden Jupiter-Einspielung gelungen.

 

Die Jupiter-Sinfonie mit der Taschenphilharmonie im Online-Katalog der Münchner Stadtbibliothek

Eva Gesine Baur, Mozart: Genius und Eros. Eine Biografie. München 2014 im Online-Katalog der Münchner Stadtbibliothek

 

Weitere Links:

Youtube-Clip zur Taschenphilharmonie

Homepage der Taschenphilharmonie

Die Schlussfuge der Jupiter-Sinfonie als „graphical score“

 

 

The following two tabs change content below.

Petra

Ich liebe Bücher, die mit poetischer Kraft geschrieben sind. Karen Foxlee, Kendall Kulper. Geschichten über rebellische Außenseiterinnen, coming-of-age. Daneben habe ich ein ausgesprochenes Faible für Komik. Ich tanze leidenschaftlich gern, und es zieht mich zu wildromantischen Orten wie die Höllentalklamm und die Steilküste Südenglands.

Neueste Artikel von Petra (alle Artikel)

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

Post Navigation

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Close