Menschlichkeit in Zeiten des Hasses

“Den Menschen so fern” (“Loin des hommes”) mit Viggo Mortensen; Regie David Oelhoffen

Algerien 1954, das Atlasgebirge: Braun- und Grautöne, kein Grün, eine schroffe Steinwüste von kalter Schönheit. Auf einer kargen Hochebene ein einsames Haus, eine von den französischen Kolonialherren mehr geduldete als geförderte Schule für einheimische Kinder. Schon in den ersten Einstellungen des Films wird die enge Verbundenheit des Lehrers Daru (Viggo Mortensen) mit seinen Schützlingen spürbar. Daru ist als Sohn spanischer Einwanderer in dieser Gegend geboren, das karge Land ist seine Heimat. Aus den politischen Spannungen, der Rebellion der Araber gegen die französische Kolonialmacht, konnte er sich hier, in the middle of nowhere, mehr oder weniger erfolgreich heraushalten, bis …

Den-Menschen-06 Teaser

alle Fotos: © Arsenal Filmverleih

… eines Tages ein Gendarm aus dem Dorf einen arabischen Gefangenen (Reda Kateb) bei ihm ablädt. Der Mann ist des Mordes an seinem Cousin angeklagt, und er, Daru, soll ihn zur Aburteilung über das Gebirge in die nächste französische Garnison bringen. Mit dem Hintergedanken, den Mann laufen zu lassen, stimmt Daru widerwillig zu, und die beiden Männer machen sich auf den Weg durch das menschenfeindliche winterliche Gebirge. Schon bald stellt sich heraus, dass die Widrigkeiten der Natur noch das geringste Problem des ungleichen Paars sind. Zu Darus großem Erstaunen besteht Mohamed auf seiner Auslieferung: Mit seinem Mord hat er das gnadenlose Karussell der dörflichen Blutrache in Gang gesetzt – sein Tod durch die Hand von Fremden, der Franzosen eben, erscheint ihm als der einzige Ausweg aus diesem Teufelskreis. Aber auch Daru wird vor eine unmögliche Wahl gestellt: Mohamed und er geraten zuerst in die Hände der Aufständischen, danach in die der Besatzungsarmee, beide Seiten radikalisiert, beide bereit, Moral und Menschlichkeit für „die Sache“ zu opfern. Für einen „weißen“ Algerier wie ihn gibt es in dieser Welt keinen Platz mehr: „Für die Franzosen waren wir Araber – und jetzt sind wir für die Araber Franzosen“, bemerkt Daru zu Mohamed, als die beiden längst zu Schicksalsgefährten geworden sind, mehr noch: zu Freunden.

Überhaupt: die beiden Männer; zusammen mit der grandiosen Landschaft und dem zurückhaltend eindringlichen Soundtrack von Nick Cave und Warren Ellis sind sie es, die diesen herausragenden Film tragen. Da ist Daru, der nicht mehr junge, wortkarge Einzelgänger, ein Mann mit einer bewegten Vergangenheit, die nur gelegentlich angedeutet wird. Viggo Mortensen spielt ihn mit einer unglaublichen Präsenz, er  i s t  Daru: Da sitzt jede Geste, jeder Blick, jede Nuance seines leicht spanisch gefärbten Französisch. Besonders berührend die Momente, in denen dieser verschlossene und unzugängliche Mann Gefühle zeigt: im spröden und doch herzlichen Umgang mit „seinen“ Kindern oder in der Szene, in der er Mohamed beschwört: „D e n e n  willst du dich ergeben? Wir haben das Glück, am Leben zu sein! Lebendig, verstehst du!”  An Darus Seite Mohamed: Reda Kateb, Franzose mit algerischen Wurzeln, zeigt ihn als einen einfachen, anfangs fast verdruckst wirkenden Dörfler. Erst allmählich spürt man die Kraft, die in diesem verschüchterten jungen Mann steckt: Er ist fest entschlossen, für seine Sippe sein Leben zu opfern.

Regisseur David Oelhoffen wurde von Albert Camus’ knapper Parabel „Der Gast“ (“L’Hôte”) zu seinem Film inspiriert. Er erzählt die Geschichte nicht nach, sondern interpretiert sie, baut sie aus (die Biografie „seines“ Daru ist in deutlich an Camus angelehnt), spinnt sie weiter. Wie im existenzialistisch geprägten Humanismus Camus’ geht es auch Oelhoffen um die Notwendigkeit und die Freiheit des Menschen, sich inmitten der Absurdität der Verhältnisse zu entscheiden: für Solidarität, für Freundschaft und „menschliche Wärme“ („chaleur humaine“).

Eine großartig gespielte Parabel auf die Wertschätzung des Lebens. Eine Männerfreundschaft, die kulturelle Grenzen überwindet, ein existenzialistisches Drama, leise, intensiv und bildgewaltig. Ein ungewöhnlicher, ein starker Film.
ZDF HEUTE JOURNAL

 

Am Rande: Es gibt die DVD nur im französisch-arabischen Original mit deutschen Untertiteln, was sich aber schon bald als ein Gewinn erweist: Abgesehen davon, dass Filme in der Synchronfassung ja oft verlieren, sorgt das eigentümliche Sprachgemisch hier für eine zusätzliche Authentizität. Und mit einem Blick auf die Untertitel ist Viggo Mortensens Französisch auch bei etwas eingerosteten Kenntnissen recht gut zu verstehen.

„Den Menschen so fern“ im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

Camus knappe, interessant zu lesende Parabel in einem Band mit Camus’ „Kleiner Prosa“ im Onlinekatalog  der Münchner Stadtbibliothek

… weil die Übersetzung sich wirklich mehr als holprig liest, hier noch der Verweis auf das französische Original

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Stefanie Z.

„Kino – dafür sind Filme gemacht“ – das finde ich auch; aber was ich im Kino verpasst habe oder nochmal im (englischen) Original gucken möchte, das hole ich mir gern auch auf DVD: amerikanische Independent-Produktionen, britische Komödien, gern auch mal einen gut gemachten Blockbuster. Auch bei Büchern bin ich recht breit aufgestellt: vom Klassiker über spannende Psychothriller mit Trashfaktor bis zur möglichst nicht allzu abgehobenen Gegenwartsliteratur – Hauptsache, es zieht mich irgendwie rein. Welche Titel das in letzter Zeit geschafft haben, könnt Ihr euch in unserem Podcast BookTalk anhören.

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