Kinder in den Ferien, Kinder im Krieg

“Die langen großen Ferien” von Paul Leluc und Delphine Maury (Serie für Kinder)

“Heidi im Krieg”, sagte eine Kollegin lapidar, als sie das Cover dieser französischen Serie sah. Damit hat sie mir einen wunderbaren Einstieg geliefert: Der Titel “Die langen großen Ferien” und der leicht nostalgische Zeichenstil lassen an “Heidi” und heile Welt denken; aber der Untertitel “Der Zweite Weltkrieg – erzählt aus der Perspektive von Kindern und für Kinder” mag so gar nicht dazu passen.

Muss das sein? Muss man Kinder belästigen mit dem Wahnsinn, den Erwachsene angerichtet haben und anrichten? Ist eine so nette Verpackung nicht eine unzulässige Verharmlosung des Krieges? Mit diesen Fragen im Kopf habe ich mir die Serie angeschaut.

Cover_Die_langen_grossen_Ferien1. Die Serie ist sehr französisch (um so trauriger, dass man keine französische Tonspur spendiert hat). Das bedeutet auch, dass der Zweite Weltkrieg für Frankreich zwar ein Trauma war (die Schmach der Besetzung), aber nicht für einen unauslöschlichen Berg an Schuld steht, der auch die folgenden Generationen belastet. Und diese Schmach und dieses Trauma kann man durchaus auch jüngeren Kindern verständlich machen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein ähnliches Projekt mit einem deutschen Setting hätte gelingen können.

2. Serien können sich Zeit nehmen, deswegen lieben wir sie ja so. Die Zuschauer egal welchen Alters wachsen mit den Kindern – Colette ist erst sechs Jahre alt, als die langen großen Ferien beginnen, ihr Bruder Ernest vier Jahre älter. Sie fahren wie alle Pariser Familien für die Sommerferien aufs Land zu Omili und Opili, in die Normandie. Ihre Mama muss aber in die Schweiz, um eine Lungen­erkrankung auszukurieren; ihr Vater wird im September eingezogen, denn Hitler ist in Polen einmarschiert. So bleiben die beiden bei den Großeltern und gehen auf die Dorfschule, aus Wochen werden Jahre. Sie erleben, wie der Alltag sich durch den Krieg und später die deutsche Besatzung immer stärker verändert und gefährlicher wird. Aus ihrer Bande “Die Robinsons” mit Geheimversteck im Wald wird nach und nach ein Teil der Résistance, aus Kindern werden Jugendliche.

3. Viele Dinge werden nur angedeutet – das lässt kleinen und großen Zuschauen die Freiheit, sie zu thematisieren oder eben nicht. Man muss nicht jede historische Einzelheit einordnen können, um das Thema zu verstehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass eine Familie diese Serie zusammen anschaut. Es ist ein Booklet beigelegt, in dem Begriffe wie “Alliierte” und “Boche” erklärt werden.

4. Die handelnden Personen sind entweder gut oder böse. Natürlich ist das im richtigen Leben ganz anders. Doch jüngere Kinder haben das Bedürfnis nach einer klaren Einteilung, wahrscheinlich brauchen sie sie sogar, und deswegen ist das in Ordnung. Immerhin gibt es auch bei den Franzosen einen Bösen und bei den Deutschen einen Guten.

5. Die Frage “Muss das sein?” kann man natürlich ganz klar mit “Nein” beantworten. Ich würde keinem Kind, das sich noch in seiner heilen Welt befindet, dieses Thema aufdrängen. Wenn aber jüngere Kinder danach fragen sollten, was Krieg ist, und das ist angesichts der Weltlage ja nicht so abwegig, dann ist diese Serie sicher besser geeignet als so ziemlich alles andere, das mir einfällt, um auf die Frage einzugehen. Die Balance zwischen ausgelassenen und beängstigenden Szenen stimmt, und das gute Ende (beide Eltern kehren wohlbehalten zurück) geht selbstverständlich auch in Ordnung.

KiKa-Website über die Serie

“Die langen großen Ferien” im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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Anne

Am liebsten bin ich draußen. Am zweitliebsten bin ich draußen. Am drittliebsten lese ich Bücher über draußen (Hörbücher sind auch ok). Einsiedlerin ist kein Beruf, also bin ich Bibliothekarin geworden – damit ist Nachschub für Platz 3 gewährleistet. Platz 4 belegt seit einem Jahr Sauerteigbrotbacken. Faszinierend! Platz 5 wechselt mehrmals täglich. P.S. meine Mutter war Bibliothekarin P.P.S. meine Großmutter war Bibliothekarin (da hieß es noch “Bücherfräulein”) P.P.P.S. mein Vorbild ist Knolle Murphy 🙂

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