Geister auf Wanderschaft

Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr (Roman)

In dem schmalen Bändchen der kanadischen Autorin Jocelyne Saucier, das aus dem Französischen übersetzt wurde, geht es um drei alte Männer, die der Zivilisation aus verschiedenen Gründen den Rücken gekehrt haben und sich nach und nach als lockere Gemeinschaft irgendwo in den Wälder Kanadas zusammengefunden haben. Sie brauchen nicht viel und erwarten nicht viel. Sie reden wenig, “haben alle ihre eigenen private Katastrophen überlebt und wundern sich, dass sie der Tod bisher noch nicht geholt hat. Für den Härtfall haben sie je eine Büchse mit Gift bei sich um sich bei schwerer Krankheit das Leben nehmen zu können”. So könnte es ewig weitergehen: fischen, jagen, Holz hacken und schweigen. Würden da nicht zwei Frauen in die Idylle einbrechen.

Verlagscover_Ein Leben mehrZuerst eine äußerst hartnäckige Fotografin, die ein Interview mit einem der Männer führen will und sich nicht mal abwimmeln lässt, als sich herausstellt, dass dieser schon verstorben ist. Denn mehr noch als die Story an sich interessiert sie sich für die Alten

Sie liebt ihre brüchigen Stimmen, ihre verlebten Gesichter, die langsamen Bewegungen, ihr Zögern, wenn ein Wort nicht einfiel oder eine Erinnerung sich nicht greifen lassen wollte. Die Fotografin liebte es, wie die Alten auf dem Strom ihrer Gedanken dahintrieben und manchmal mitten im Satz einschliefen. Das hohe Alter schien ein Hort der Freiheit zu sein, wo man sich keinen Zwängen mehr unterwirft und seinen Geist auf Wanderschaft schicken kann.

Die zweite Dame ist schon alt, zerbrechlich und gerade mit Hilfe ihres Neffen aus der Irrenanstalt entflohen. Sie erobert das Herz der Aussiedler im Sturm.

Die alte Dame mit dem luftigen Haar und den Fingern wie Spitzendecken wirkte zerbrechlich wie ein Vögelchen. Er hatte das Gefühl, er müsse nur einmal fest pusten und das Vögelchen würde von seinem Holzklotz fallen. Dieser Gedanke erschreckte ihn. Er wollte das Vögelchen nicht umpusten, er wollte es lieber zurück in sein Nest setzen. Dieser Gedanke erschreckte ihn noch mehr.

Die Autorin unterbricht den Erzählfluss immer wieder, um direkt zum Leser zu sprechen und nimmt dabei auch Wendungen vorweg oder bremst den Leser in seiner Erwartung:

Doch erst einmal müssen wir kurz innehalten und uns den Großen Bränden widmen, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im Norden Ontarios wüteten. Und was ist mit der Liebe? Nun, die Liebe muss noch etwas warten, ihre Zeit ist noch nicht gekommen.

Die Figuren sind fein gezeichnet, man sieht die einzelnen Charaktere direkt vor Augen, hört vielleicht sogar deren Stimme.

Ich war beeindruckt von dieser dicken, knotigen Hand mit den steifen Gelenken, die im Fell des Hundes so geschmeidig war, und noch mehr von Charlies Stimme, die, wenn sie dem Hund galt, leiser wurde, samtweich und zärtlich.

Man wird Teil dieser verschworenen Gemeinschaft und hofft trotz besseren Wissens, dass ihre Lebensweise bestehen bleibt. Das Buch entschleunigt, macht nachdenklich und lässt einen mit einer Sehnsucht nach Freiheit und Weite zurück. Und auch mit ein wenig Fernweh nach den Wäldern Kanadas.

Insel Verlag, 192 Seiten, 19,95 Euro

“Ein Leben mehr” von Jocelyne Saucier im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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Stefanie K.

Ich empfinde es als Privileg, einen Großteil meiner Arbeitszeit mit Literatur und den Gesprächen darüber verbringen zu dürfen. Dabei ist mein Geschmack nicht unbedingt massentauglich. Wenn ihr aber auch Geschichten über die Absurditäten des Lebens liebt, Romane mit einem surrealen Touch, ein Gespür für gute Sprache habt, euch bei Hörbüchern nicht nur die Story, sondern auch die Stimme des Sprechers wichtig ist und ihr Liebesgeschichten nur ertragt, wenn sie nicht gut ausgehen, dann seid ihr bei mir richtig. Ich freue mich auf Eure Kommentare und Eindrücke!

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