Freedom’s just another word for nothing left to lose

Sophie Rois liest “Baba Dunjas letzte Liebe” von Alina Bronsky

Baba Dunja hat nichts mehr zu verlieren. Ihr Mann ist tot, sie hat kaum Kontakt zu ihren Kindern und sie ist alt. Genau der richtige Zeitpunkt, um dem Leben eine neue Richtung zu geben. Ab sofort macht Baba Dunja nur noch, was sie für richtig hält: Sie läuft mit nackten Füßen umher, weigert sich die Spinnennetze wegzufegen – und zieht zurück ins Sperrgebiet um Tschernobyl.

Nach und nach ziehen auch andere Alte nach und bilden eine eigentümliche Dorfgemeinschaft, in der die Bewohner manchmal selbst nicht mehr wissen, ob sie noch unter den Lebenden weilen oder auch schon zu den Toten gehören,”die umhergeistern und nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass ihr Name bereits auf einem Grabstein steht“.

Sophverlagscover.baba dunjasie Rois liest dieses besondere Buch von Alina Bronsky mit einer Stimme, die die Jury des Deutschen Hörbuchpreises treffend als “apart brüchig” beschreibt und die trotz dem großen Altersunterschied sehr gut zu der widerspenstigen Baba Dunja passt. Die trotzige, bescheidene Art und die teils antiquierten Ansichten Baba Dunjas spiegeln sich in ihrer Lesung so gut und kommen so lustig rüber, dass man die Alte direkt vor sich sieht, wie sie mit ihren hässlichen deutschen Trekkingsandalen durch das verseuchte Dorf läuft, Birkensaft zapft oder sich über den Hahn der Nachbarin ärgert:

In der Nacht weckt mich wieder Marjas Hahn. (…) Seine innere Uhr ist durcheinander, schon immer gewesen, aber ich glaube nicht, dass es was mit der Strahlung zu tun hat. Man kann sie nicht für alles, was blöd auf die Welt kommt, verantwortlich machen

Die selbstgewählte Einsamkeit füllt sie, indem sie Zwiegespräche mit den Verstorbenen führt und den wenigen ebenfalls eigenbrödlerischen Nachbarn behilflich ist. Dabei lässt sie in ihren Gedanken immer wieder Passagen ihres Lebens Revue passieren und blickt kritisch aber nie bitter auf ihr beschwerliches Leben zurück. Erst als ein Fremder mit seiner Tochter im Sperrgebiet auftaucht wird sie aus ihren Gedanken gerissen und zum Handeln gezwungen.

Ich habe alles gesehen und vor nichts mehr Angst. Der Tod kann kommen, aber bitte höflich.

Es geht in diesem Hörbuch weniger (wie der Titel vermuten lässt), um die Liebe und auch nicht so sehr um den Tod, sondern vielmehr um Heimat, Selbstbestimmung und Freiheit. Ein Hörbuch, das einen schmunzeln lässt, das noch lange nachklingt und einem direkt Vorfreude aufs Altsein macht.

Die Autorin Alina Bronsky wird vielen durch ihrem Roman “Scherbenpark” bekannt sein, der nicht nur gerne als Schullektüre eingesetzt wird, sondern auch verfilmt wurde. “Baba Dunjas letzte Liebe” stand 2015 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis und das Hörbuch erhielt 2016 den Deutschen Hörbuchpreis. Die Autorin hat sich laut Interview in der FAZ durch einen Text von Elizabeth Gilbert zu der Geschichte inspirieren lassen, in dem Tschernobyl-Heimkehrerinnen liebevoll als “badasses” bezeichnet werden.

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Stefanie K.

Ich empfinde es als Privileg, einen Großteil meiner Arbeitszeit mit Literatur und den Gesprächen darüber verbringen zu dürfen. Dabei ist mein Geschmack nicht unbedingt massentauglich. Wenn ihr aber auch Geschichten über die Absurditäten des Lebens liebt, Romane mit einem surrealen Touch, ein Gespür für gute Sprache habt, euch bei Hörbüchern nicht nur die Story, sondern auch die Stimme des Sprechers wichtig ist und ihr Liebesgeschichten nur ertragt, wenn sie nicht gut ausgehen, dann seid ihr bei mir richtig. Ich freue mich auf Eure Kommentare und Eindrücke!

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2 Kommentare zu “Freedom’s just another word for nothing left to lose

  1. Heidi on 02/06/2016 at 12:49 pm sagt:

    Ich liebe Sophie Rois Stimme… und Freiheit in einem Roman, der in Russland spielt ist natürlich provokativ. Die Flüchtlinge wollen alle Freiheit, weil sie von Syrien nach Deutschland kommen und weil bei uns kein Krieg ist. Haaaaaaaaaaach… Jetzt muss ich das Hörbuch hören… noch eins auf meiner langen Liste und Danke…. 😉

    • Stefanie K. on 03/06/2016 at 6:33 pm sagt:

      Hallo Heidi! Freut mich dass ich dir Lust auf das Hörbuch gemacht habe. Wenn du dir die Geschichte anhörst wirst du feststellen dass es mehr um die Freiheit geht dass zu tun was man für richtig hält, als um Freiheit im politischen Sinn. Baba Dunja hat schlichtweg nichts mehr zu verlieren. Das unterscheidet Sie von den Flüchtlingen aus Syrien, die gerade vor den Trümmern ihrer Existenz stehen und oft Todesängste ausstehen. Wenn du dich intensiver mit dieser Thematik auseinander setzen willst kann ich dir den Beitrag von Annette: Jenseits der Nachrichtenbilder empfehlen. Aber noch mal zurück zum Hörbuch. Vielleicht interessiert es dich dass sich Alina Bronsky von einer wahren Begebenheit hat inspirieren lassen. Es gibt tatsächlich eine Gruppe alter Frauen, die illegalerweise in der Sperrzone leben, die sogenannten Tschernobyl Babuschkas . Es gibt auch eine preisgekrönte Reportage, in der das Thema behandelt wird. Wenn der Film auf DVD raus ist werden wir ihn bestimmt auch kaufen. Hier schon mal ein link zum Trailer

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