#faq, Folge 47

Wie entsteht ein Bücherbus?

Phew! Die richtige, aber nicht zielführende Antwort lautet: indem man einen bauen lässt! Bis es allerdings dazu kommt, sind eine ganze Reihe von Verfahrensschritten zu durchlaufen. Eilig darf man es bei diesem Vorhaben auch nicht haben, denn von den allerersten Planungen bis zu dem Moment, in dem der neue Bücherbus in die Garage fährt, vergehen mindestens zwei Jahre.

Zunächst muss man sich klarmachen, welche Art von Fahrzeug man anschaffen möchte. Einen Bus? Einen LKW? Oder genügt vielleicht auch ein Kleinlaster? Alles hat seine Vor- und Nachteile: ein Bus ist sicher am teuersten (ca. 400 – 500.000 €, je nach Ausstattung), dafür deutlich wendiger als ein LKW und eignet sich deshalb insbesondere für den Einsatz im Stadtgebiet mit engen Straßen und Haltestellen, in die man rückwärts einparken muss. Ein LKW ist ca.100.000 € billiger als ein Bus und wird oft bei der Versorgung von ländlichen Gebieten eingesetzt, wo man nicht viel rangieren muss. Ein Kleinlaster ist natürlich am günstigsten, hat aber nur halb soviel Medien an Bord wie Bus und LKW.

Es kann nur einen geben.

Für die Münchner Stadtbibliothek mit ihrer 60-jährigen Tradition beim Einsatz von Bücherbussen stellt sich die Frage nach der Fahrzeugart bei einer Ersatzbeschaffung nicht. Da ist es wie bei Highlander: Es kann nur einen geben! Einen Bücherbus natürlich! Tatsächlich aber ging es im Jahr 2011 um vier, gleich alte Bücherbusse, die ersetzt werden sollten. Die gut begründete Stadtratsvorlage zur Bereitstellung der doch erheblichen finanziellen Mittel wurde ohne größere Diskussionen verabschiedet.

Jetzt beginnt der nächste Planungsschritt, nämlich die Erstellung des sogenannten Leistungsverzeichnisses. Hier wird so detailliert wie nur möglich der neue Bus beschrieben, angefangen vom Fahrzeugchassis über die Aufbauten mit der kompletten Ausgestaltung des Innenraums bis hin zum Außendesign. Da hier eine Fülle von technischen Details beschrieben werden müssen (u.a. Motor, Getriebe, Bremsanlage, Elektrik, Heizungsanlage) ist die Zusammenarbeit mit einem Ingenieur von der städtischen Vergabestelle zwingend notwendig. Dieser erstellt auch das Leistungsverzeichnis, immer in Absprache mit dem Auftraggeber Stadtbibliothek. Für die Beschreibung der Gestaltung der eigentlichen Bibliothek, sprich des Innenraums des Bücherbusses, ist natürlich das Team der Fahrbibliotheken verantwortlich. Man kann sich wohl ganz gut vorstellen, dass ein derartig detailliertes Leistungsverzeichnis am Ende einen Umfang von 50 bis 70 Seiten hat.

Das Leistungsverzeichnis ist zugleich das Kernstück der Ausschreibungsunterlagen für den neuen Bücherbus. Zumindest wenn man 4 Bücherbusse auf einmal kaufen möchte, ist eine europaweite Ausschreibung vorgeschrieben. Interessierte Firmen haben nun sechs Wochen Zeit ihre Bewerbungsunterlagen bei der Vergabestelle einzureichen. Diese erteilt in Absprache mit dem Auftraggeber (MSB) dem besten Angebot (das ist nicht immer das kostengünstigste) den Zuschlag.

Der Gewinner unserer Ausschreibung im Jahr 2013, die finnische Firma Kitiikori, fertigt Spezialfahrzeuge. Früher aus Holz, heute aus Metall.

Nur nichts vergessen!

Das Chassis wird geliefert. Inklusive Fahrersitz.

Beim Bau eines Bücherbusses ist zwar eine Firma der Auftragnehmer, aber es sind immer zwei Firmen beteiligt: eine liefert das Fahrzeugchassis (=Fahrgestell) mit Motor, die andere macht den Aufbau und den Innenausbau. Natürlich ist da eine gute Absprache und ein ständiger Austausch zwischen beiden Firmen unerlässlich. Während jetzt bereits mit der Produktion des Fahrzeugchassis begonnen wird, ist ein Treffen zwischen Auftraggeber und Aufbaufirma zur Feinabstimmung aller möglichen Details unbedingt nötig. Hier entsteht nun der sogenannte Baubeschrieb, in dem alle Farben, Materialien, die genauen Positionen aller Einbauten usw. festgelegt werden. Hierfür sollte man mindestens eineinhalb Arbeitstage veranschlagen! Was an dieser Stelle des Prozesses vergessen wird oder verkehrt entschieden wird, lässt sich später nur mit sehr großem Aufwand (oder auch gar nicht…) wieder korrigieren.

Wenn das Fahrgestell des Bücherbusses bei der Aufbaufirma angeliefert wird, beginnen umfangreiche Schweißarbeiten. Auf das Chassis kommt nämlich ein Stahlgerippe, das den kompletten Aufbau tragen wird. Die Seitenwände und die Rückwand werden verkleidet, ein Boden aus Holz wird eingebaut, etwas später dann die Front und das Dach. Bereits in dieser „Rohbauphase“ muss die komplette Verkabelung des Busses von der elektrischen Anlage bis zu den späteren Verbuchungs- und Auskunftsplätzen mitgedacht, vorbereitet oder z.T. sogar schon eingebaut werden. Der größte zeitliche Anteil des Innenausbaus wird für den Einbau der Regale, Buchtröge und der Verbuchungstheken benötigt.

Letzter Akt: Lackierung

Das Stahlgerippe für die Aufbauten

Wie in einem Baukastensystem entsteht dann Schritt für Schritt ein fertiger Bücherbus mit all den Einbauten, die im Leistungsverzeichnis festgelegt und im Baubeschrieb spezifiziert wurden. Der finale Akt bei der Aufbaufirma ist dann am Ende die Lackierung des Busses in der gewünschten Grundfarbe. Das eigentliche Außendesign des Busses, das in aller Regel von einem Grafikbüro erstellt worden ist, wird dann mittels Spezialklebefolien auf den Bus aufgebracht. Für den eigentlichen Bau eines Bücherbusses sind ca. vier bis sechs Monate zu veranschlagen. Sinnvoll ist auch eine Zwischenabnahme des Busses durch den Auftraggeber etwa nach der Hälfte der Bauzeit und eine Endabnahme vor Ort beim Hersteller bevor der Bus ausgeliefert wird.

Jetzt erfolgt nur noch die Zulassung des Fahrzeugs beim TÜV – auch das ist eine Aufgabe der Herstellerfirma – und danach die Auslieferung an den Auftraggeber. Dann sind ungefährt zwei Jahre intensiver Arbeit auf allen Seiten vergangen, und die Freude über das neue Fahrzeug wird hoffentlich groß sein. Unsere neuen Bücherbusse haben wir auf dem Münchner Marienplatz feiern lassen.

Beantwortet von Siegfried Kalus, Abteilungsleiter Fahrbibliotheken

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