Empathie gibt’s nicht im App-Store

“Die Empathie-Tests” von Leslie Jamison (Essays)

Schon im ersten Essay „Die Empathie-Tests“ – locker und unkonventionell aufbereitet – erlebt der Leser die Erfahrungen der Autorin, wie sie als Patienten-Darstellerin jobbte und Krankheitsbilder für Medizinstudenten, anhand eines mehrseitigen Skriptes, simulierte.

Darin steht, was mit einem nicht stimmt – und zwar nicht nur, was einem weh tut, sondern auch, wie man diesem Schmerz Ausdruck zu verleihen hat. Es schreibt einem vor, wie viel man wann preisgeben darf.

Einfühlung, Lebensumstände, Mitgefühl und Schmerz: Jamison beleuchtet in ihren Essays Situationen, Denkprozesse und teilt ihre eigenen Erfahrungen. Auch welche Formen gibt es von Schmerz – seelisch und körperlich. Wie nehmen wir Schmerz wahr? Welcher Schmerz wird von der Gesellschaft ernst genommen und akzeptiert?

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Jamison wurde selbst brutal auf der Straße überfallen und musste sich nachträglich die Nase chirurgisch wiederherstellen lassen. An dieses schmerzliche und persönliche Thema wagt sie sich in „Morphologie des Überfalls“. Um überhaupt darüber schreiben zu können, hat sie das Essay angelehnt an „Morphologie des Märchens“ nach Vladimir Propp – dessen Buch eine Anleitung zum Geschichtenerzählen ist. “Betrugsmanöver”, “Empfang des Zaubermittels”, “Rettung”: In ihrem Fall versucht die Autorin, ihre Geschichte mit diesen Elementen zu erzählen, um zu verstehen, warum ihr Gesicht verletzt wurde und was sie dabei fühlte. Die Vielfältigkeit ihrer Themen spiegelt sich nicht nur in den Überschriften wieder, auch der Aufbau der einzelnen Essays lässt Cleverness und Experimentierfreudigkeit der Autorin erahnen.

In „La Frontera“ besuchte Jamison die Grenzstädte Tijuana, Mexicali und Calexico in Mexiko, um zu verstehen, wie es sich anfühlt, in Städten zu leben voller absichtlicher, versehentlicher, zufälliger und beiläufiger Gewalt. Sie trifft Menschen, die in diesen Städten leben, begleitet von Angst und mit dem Wissen, dass das Land der unbegrenzten Möglichkeiten direkt hinter der Grenze beginnt.

In „Reisen in den Schmerz“ nahm Jamison an einer Fremdenführung in den Silberminen der höchstgelegenen Stadt der Welt von Bolivien teil. Wo Männer, eigentlich katholisch, unter Tage dem Teufel huldigen.

Wer sonst sollte hier Macht haben? Sie huldigen ihm, bis sie fünfunddreißig sind, vielleicht vierzig, und dann sterben sie. Sie sterben bei Unfällen oder an der Silikose, einer Krankheit, die jemand als die „Vereinigung von Staub und Lunge“ bezeichnet. Sie hinterlassen Söhne, die in einem Berg arbeiten werden, der etwas weniger Silber enthält als zu Zeiten ihrer Väter und deren Väter.

In „Der ewige Horizont“ berichtet Jamison vom Barkley-Marathon, der in einem Gefängnisausbruch gründet und seit 1986 einmal im Jahr stattfindet. Nur acht Männer haben es jemals ins Ziel geschafft, bis 2010. Jeder kommt an seine Schmerzgrenze, selbst Menschen, die das Extreme lieben, finden dieses Rennen zu extrem. Es muss unter anderem ein Höhenunterschied überwunden werden, in den der Mount Everest zweimal hinein passen würde, und Sägedornsträucher im Gelände verwandeln in wenigen Sekunden das menschliche Bein in rohe Knochen. Aber liest man die Qualen der Teilnehmer, hat es fast schon eine psychedelische Wirkung:

Es zwingt seine Läufer dazu, etwas wahrzunehmen, was sie anders eventuell weder erfahren noch bemerkt hätten – ein schmerzhaftes Ziehen in den Oberschenkeln, deren Muskulatur weit über ein vernünftiges Maß hinaus strapaziert worden ist; eine Erschöpfung, die die Marionettenfäden des Körpers unerbittlich gen Boden zieht; ein Verstand, der vor Schmerz taub und gläsern geworden ist.

Sentimentalität – auch im Kontext von Literatur – und Empfindsamkeit greift Jamison im Essay „Verteidigung des Süßlichen“ auf:

Süßlich ist unser wohlschmeckendes Wort für eine tiefsitzende Angst: die Angst vor zu viel Gefühl und zu viel Geschmack. Wenn wir süßlich hören, denken wir sofort klebrig und damit eigentlich auch: Krebs. […] Wenn Sprache süßlich ist anstatt frisch, dann bekommt das Hervorrufen von Gefühl eine billige Note. Sentimental wird es, wenn Gefühle zum Werkzeug werden, um die affektiven Egos aller Beteiligten aufzupumpen.

Und dennoch ruft Jamison zu mehr Sentimentalität auf. Und es lohnt sich bei ihren Ausführungen ein zweites Gefühl zu riskieren.

Als ich das abschließende Essay „Große Universaltheorie über den weiblichen Schmerz“ von Jamison gelesen habe, musste ich über meine eigene Teenagerzeit schmunzeln und fühlte mich bei eigenen Denkweisen ertappt. Sie führt nicht nur Studien über das Schmerzempfinden ins Feld, Ausführungen zu sichtbaren und unsichtbaren Narben, ihre Musikplaylist aus Jugendzeiten und Playlists von Frauen die über Wunden singen, sondern auch Antworten aus einer Umfrage zum weiblichen Schmerz und Essays von Joan Didion und Susan Sontag.

Es sind sehr ehrliche, unterhaltende Texte und, wie ich finde, intelligent geschrieben. Sie verändern nicht die Welt, aber den Blick und das Empfinden auf die Welt.

Leslie Jamison: Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer. Hanser, 336 Seiten.

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Nadine

Meine Wunschliste 2017: mehr Fleisch beim wöchentlichen Teamkochen, Daenerys und Jon Snow reiten endlich auf einem Drachen in den Sonnenuntergang, zwei oder ein Laster loswerden, mehr Toleranz für Iny-Lorentz-Leser aufbringen, UND mehr Bücher mit Happy End lesen!

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