Ein Tag mit gutem Licht, eine Zigarette, ein Krieg …

“Warten auf Robert Capa” von Susana Fortes

Robert Capa soll sie nie verwunden haben, diese kurze, intensive Liebe. Doch wer war Gerda Taro? Von Zeitgenossen mit Etiketten versehen, die von “Hure” bis “Jeanne d’Arc des Antifaschismus” reichen, ihr knappes fotografisches Erbe wenig rezipiert, ist sie bis heute kaum mehr als eine Randnotiz aus Capas Anfangsjahren. Bei Susana Fortes geht es um sie.

Fortes_Capa_U1_web_neuIn ihrem mit dem Premio Fernando Lara ausgezeichneten Roman entwirft die spanische Autorin ein vielschichtiges Porträt der Fotoreporterin. Paris, Mitte der Dreißiger: Die deutsche Exiljüdin Gerta Pohorylle findet ein ideelles Zuhause in den Cafés der Rive Gauche, Treffpunkt der antifaschistischen Intellektuellen und künstlerischen Avangarde. Ihre Begegnung mit dem Fotoreporter André Friedmann wird zum Wendepunkt. Er bringt ihr das Fotografieren bei, und beide erfinden sich neu: Gerda Taro und Robert Capa. Als der spanische Bürgerkrieg ausbricht, gehen sie gemeinsam an die Front, die Kamera „im Anschlag“ für die republikanische Seite. In ihrer Interpretation lässt Fortes das gängige Charakterbild der „lebenslustigen und bindungsunfähigen Karrierefrau“ weit hinter sich; sie zeigt uns Taro als leidenschaftliche Fotoreporterin, die bis zum Äußersten geht; als eine junge Frau auf der Suche nach einer neuen Identität, eine Liebende im Konflikt mit sich selbst.

Frei sein, die eigene Unabhängigkeit verteidigen, zu niemandem gehören, sich unsterblich verlieben. Wie kompliziert doch alles war. Das hatte ihr schon La Camilla gesagt, die halb taube Sprengmeisterin aus Cádiz, eine breitschultrige Zigeunerin und Wahrsagerin. “Kind, es ist mühsamer, einen Mann zu lieben, als einen Zug in die Luft zu jagen.”

Auf mich wirkt der Roman wie ein in nuancierten Grautönen schimmernder Fluss. Leicht zu lesen, aber dichter und komplexer, als es die Oberfläche vermuten lässt. Neben der Herausarbeitung Taros zur lebendigen Figur mit tiefgründiger Seele ist seine besondere Stärke die an die Fotografie angelehnte Erzählweise. Der Krieg, das Zeitkolorit, werden en passant in flüchtigen Impressionen, Liedern und Zitaten wiedergegeben. Auch für Fortes’ Beziehung zu ihren Figuren gilt: „engagiert, aber distanziert“ – so der Kurator Hans-Michael Koetzle in der Ausstellung „100 Jahre Leica-Fotografie“ über die fotografische Herangehensweise der Generation Capa. Als wäre die Autorin selbst dabei gewesen in den Cafés von Paris, beim Urlaub an der Cote d’Azur, auf den Straßen Madrids und Valencias. Und doch bleibt stets eine Distanz zu den Figuren spürbar, die sich ausdrückt in den häufigen Perspektivenwechseln, der verhaltenen, eher nüchternen Sprache und der starken auktorialen Präsenz. Nicht zuletzt vermeidet Susana Fortes dadurch ein Abgleiten ins Melodram, zu dem der tragische Tod Taros geradezu einlädt, und führt die Beziehung auf eine glaubwürdige Ebene.

Am emotional stärksten wirkt der fotografische Ansatz bei den Erinnerungen der Protagonisten. Hinter scheinbar bedeutungslosen Momenten kommen die großen Themen, Verfolgung und Verlust der Liebe, zum Tragen: Capa steht rauchend am Fenster seines Hotelzimmers in Madrid, noch unbelastet von dem kommenden Kriegsgeschehen und der Entwicklung seiner Beziehung zu Gerda. Schnappschüsse, die sich in der Seele einbrennen.

Susana Fortes’ Werke wurden in viele Sprachen übersetzt und mehrfach preisgekrönt, hierzulande aber bisher kaum zur Kenntnis genommen. Neben einem historischen Roman ist “Warten auf Robert Capa” ihre bisher einzige deutsche Veröffentlichung.

“Warten auf Robert Capa” von Susana Fortes im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

Gerda Taro bei Magnum Photos

Und außerdem empfehlenswert für alle, die noch mehr wissen wollen:
Amanda Vaill: “Hotel Florida. Wahrheit, Liebe und Verrat im Spanischen Bürgerkrieg” (Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek)
Irme Schaber: “Gerda Taro. Fotoreporterin im spanischen Bürgerkrieg” (Jonas Verlag)
Hans-Michael Koetzle: “Augen auf! 100 Jahre Leica” (Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek)

Song „Taro“ der Band Alt-J:

 

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Petra

Ich liebe Bücher, die mit poetischer Kraft geschrieben sind. Karen Foxlee, Kendall Kulper. Geschichten über rebellische Außenseiterinnen, coming-of-age. Daneben habe ich ein ausgesprochenes Faible für Komik. Ich tanze leidenschaftlich gern, und es zieht mich zu wildromantischen Orten wie die Höllentalklamm und die Steilküste Südenglands.

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