Ein Phänomen unter der Lupe

Liane Bednarz und Christoph Giesa: Gefährliche Bürger

Wer kennt sie nicht, die Meldungen von Pegida-Aufmärschen, die Äußerung „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen?“. Mir ist noch gut mein Entsetzen darüber, dass „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin wochenlang die Bestsellerliste anführte, in Erinnerung. Dieser gut spürbare, plötzlich so anscheinend salonfähige Rechtsruck in der bürgerlichen Mitte ist es wert, genauer hinzuschauen. Dies haben Liane Bednarz und Christoph Giesa getan.

Irgendetwas ist anders als früher. Es war ein schleichender Prozess, aber das Ergebnis ist eindeutig: Die Stimmung in der Gesellschaft hat sich eingetrübt. Die großen politischen Debatten werden mit einer lange nicht erlebten Emotionalität geführt. Spott, Häme, gar Hass und eine bisher unbekannte Aggressivität prägen den Diskurs.

Anti-Pegida-Demo in München, Dezember 2014

Anti-Pegida-Demo in München, Dezember 2014

Liane Bednarz und Christoph Giesa räumen mit den von den neuen Rechten geschürten Vorurteilen und Ängsten auf. Sie benennen klar, wer hinter den verschiedenen Strömungen steht. Sie zeigen auf, mit welchen Mechanismen Stimmung gemacht wird.

Gelesen habe ich das Buch, nachdem ich auf Bayern 2 ein Interview mit Liane Bednarz gehört habe und sehr interessant fand, was sie als „Liberal-Konservative“ zum Thema Rechstruck zu sagen hatte.

Schon manches Mal stand ich sprachlos da, wenn konservative Katholiken mir versicherten, es sei wichtig sein Kind zu taufen oder zur Kommunion zu schicken, weil wir dem Islam etwas entgegen setzen müssten, es drohe die Islamisierung und Abschaffung unserer christlichen Werte. Daher bin ich ausgesprochen dankbar für dieses Buch. Denn in Teil III zeigen Liane Bednarz und Christoph Giesa Wege, wie wir uns in solchen Situationen wehren können.BednarzGiesa_GefaehrlicheBuerger_P04.indd

Mit der Beschreibung eines Problems hat man es noch lange nicht gelöst. Im nächsten Schritt muss man sich Gedanken darüber machen, wie man sich diesem stellt, an welchen Schrauben man drehen kann und wo man Gleichgesinnte findet. Denn Siegfrieds sind wir alle nicht, den vielköpfigen Drachen erlegt keiner von uns alleine. Wir Demokraten sollten uns auf unsere Stärken besinnen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – diese Ziele waren nicht mit dem Versprechen verbunden, dass sie anstrengungslos zu erreichen und zu bewahren wären. Packen wir es also an.

Interview mit Liane Bednarz im Bayerischen Rundfunk

“Gefährliche Bürger” im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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Anke

Sachbücher über Geschichte und Gesellschaft gefallen mir. Romane lese ich rasant und in rauen Mengen. Nur Liebesgeschichten lasse ich links liegen.

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2 Kommentare zu “Ein Phänomen unter der Lupe

  1. Gregor N. on 25/05/2016 at 11:11 pm sagt:

    Warum diese Lobhudelei gegenüber einem Machwerk, das man getrost als plumpe Meinungsmache bezeichnen kann? Selbst linke Rezensenten, die sich ein wenig mit der Materie vertraut gemacht haben, stellen hier kein gutes Zeugnis aus:

    http://hpd.de/artikel/12094

    Auf den Punkt gebracht hat es indessen ein Leser bei Amazon:

    “Ein erschreckend an die DDR-Propaganda erinnerndes Machwerk, das Vorurteile und Ängste schüren und Kritiker ausgrenzen und politisch kriminalisieren will. Wenn doch diese linken Agitatoren ihren Karl Marx nur richtig gelesen oder zwangsweise 40 Jahre in der DDR gelebt hätten! Dann wüssten sie, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt und nicht die Propaganda! Das Sein aber weicht zunehmend von der linken propagandistischen Meinungsfront ab und kann auch mit Meinungsmache nicht übertönt werden.”

    Und ein anderer schreibt, nicht minder treffend:

    “Dass die Wut im Volk aber hochkocht, dafür haben Menschen aus der Bednarz-Ecke mit ihrem volksbevormundenden “Wir sind die edlen und Besten von der Zivilgesellschaft”-Gehabe verdammt viel Mitverantwortung. In einem gewissen Sinne sind sie die Brandstifter, die die Entstehung des Brandes beklagen.”

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Rezensieren setzt immer noch die Fähigkeit zur Distanz und Kritik voraus.

    • Katrin on 26/05/2016 at 8:24 pm sagt:

      Die Rede von den “linken Agitatoren”, der “linken propagandistischen Meinungsfront” und der “Bednarz-Ecke” klingt imho deutlich erregter und vorurteilsbehafteter als der Text von Anke.

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