Ein Freund zum Sterben

“Mein bester letzter Sommer” von Anne Freytag

“Also … was kann ich tun? Was brauchst du?“ Ein paar Sekunden lang sehen wir uns nur an, dann flüstere ich: „Ich suche einen Freund zum Sterben.” (S. 108)

“Mein bester letzter Sommer” erzählt die Geschichte von #Teskar, das sind Tessa und Oskar, die sich nach einem magischen Moment in der U-Bahn Hals über Kopf und auf den ersten Blick ineinander verlieben und sich gemeinsam während des Sommers nach Italien aufmachen: ein Roadtrip mit dem eigenen Auto, die Sonne auf der Haut und den Wind im Haar, eine Playlist voller guter Songs. Einfach traumhaft – wäre da nicht dieses Loch in Tessas Herz. Ein Loch im Herzen und eine fehlende Lungenschlagader, die Tessa nur noch wenige Wochen – oder Tage? – Leben gewähren.

Mein bester letzter Sommer von Anne Freytag

“Mein bester letzter Sommer” ist der erste Jugendroman der in München lebenden Autorin Anne Freytag. Ihr gelingt es, dass man von Anfang an mitten im Leben der 17jährigen Tessa van Kampen steht. Tessa, die sich selbst als „ein Kontrollfreak mit Loch im Herzen“ sieht. Tessa, deren Leben schon immer von Krankenhausaufenthalten, Medikamenten, vielen Einschränkungen und dem Anderssein geprägt war. Auch mit ihrer Krankheit dachte sie immer, dass sie leben würde – anders, schwerer, kürzer, mit mehr Anstrengung verbunden und trotz aller Herausforderungen mit dem vollen Programm: Freunde, Schule, Liebe, Studium, Familie. Tessa ist ehrgeizig und auch erfolgreich – bis zu dem Tag an dem sie durch einen Zufall erfährt, dass alles umsonst war. Denn sie wird nicht – wie ihr Eltern und Ärzte bisher erzählt haben – bloß jünger sterben, als die anderen; tatsächlich bleiben ihr nur noch wenige Wochen. Und damit wird das Leben von Tessa einmal mehr komplett auf den Kopf gestellt.

Ich dachte, sterben ist einfach. Ich dachte, es geht schnell. Wie geboren werden, nur rückwärts. Aber die Wahrheit ist, ich hatte keine Ahnung. Mein ganzes Wissen ist nichts wert. Man lernt in der Schule nicht, wie sterben geht. Man lernt es nicht in Filmen oder Büchern. Wenn es darum geht, ist man allein. Ich bin siebzehn Jahre alt und werde niemals achtzehn werden. (S. 11)

Mitten in dieser chaotischen und schmerzhaften Zeit begegnet Tessa Oskar wieder – dem jungen Mann, mit dem sie diesen einen Moment in der U-Bahn teilte. Und Oskar will Tessa! Aber Oskar will auch leben. Und gerade, als Tessa eigentlich keine Kraft mehr für das Leben hat, merkt sie:

Und jetzt, wo ich weiß, wie seine Lippen schmecken, ist da plötzlich dieser Hunger auf das Leben.“ (S.92)

Tessa muss sich entscheiden: Wie verbringt sie die Zeit, die ihr noch bleibt? Gibt sie auf oder kämpft sie um jede Minute?

Von der ersten Zeile an ist der Roman packend, durch die Ich-Erzählerin wird man sofort hineingezogen in das Leben von Tessa und ihrer Familie. Anne Freytag bringt uns Tessas Gedanken, ihre Ängste und widersprüchlichen Gefühle, ihren Zorn und die Auseinandersetzung mit den Menschen, die sie liebt und denen sie vertraut, ganz besonders nahe. Voller Wortwitz und treffsicher formuliert die Autorin, so dass ich beim Lesen am liebsten Zitat um Zitat angestrichen hätte. Aufgelockert wird der Text durch Textnachrichten, Briefe und Chat-Verläufe. Um sich beim Lesen wie #Teskar in Italien zu fühlen, kann man sich über den Verlag die sehr passend ausgewählte Playlist zum Roadtrip anhören.

Wer viele Jugendbücher liest, denkt jetzt vielleicht: wieder ein Buch über das Sterben. Ja, stimmt schon, aber eigentlich handelt es sich doch um ein Buch über das Leben. “Mein bester letzter Sommer” schließt mit seiner Thematik an den Bestseller und das ausgezeichnete Jugendbuch “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” von John Green an. Dabei folgt es einem weiteren Trend: Jugendbücher sind nicht mehr nur für Jugendliche interessant, sondern werden zu All-Age-Titeln, die auch Erwachsene berühren. Denn eines ist ganz klar: Wer dieses Buch liest, darf keine Angst davor haben, herzhaft zu lachen, bitterlich zu weinen und sein eigenes Leben zu hinterfragen. Was machst du, wenn du nur noch einen Sommer hast?

Die Autorin sagt selbst über ihr Buch:

In meinen Geschichten geht es meistens um Entscheidungen. Die, die wir treffen, oder eben nicht. Es geht immer darum, warum man etwas nicht tut und was einen zurückhält. Bremsen wir uns selbst? Oder übergeben wir die Zügel? An andere Menschen oder doch der Angst? Ich mag ernste Themen.

Was für ein Buch! Von Anfang bis Ende echt berührend. Zu schön, um wahr zu sein, und zu traurig, um wahr zu sein.

“Mein bester letzter Sommer” von Anne Freytag im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

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Judith

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