Die beste Unterhaltung, die du jemals hattest

“The End of the Tour” (DVD) von James Ponsoldt und Donald Margulies

20 Jahre ist es her, dass David Foster Wallace – im Film großartig von Jason Segel verkörpert – mit seinem Roman „Unendlicher Spaß“ den amerikanischen Literaturmarkt aufmischte.

the-end-of-the-tourZur selben Zeit arbeitet der junge Autor David Lipsky – im Film gespielt von Jesse Eisenberg – für den „Rolling Stone“. Lipsky liest die überschwänglichsten Besprechungen von „Unendlicher Spaß“ und muss erkennen, dass auch seine Freundin von dem Roman begeistert ist. Schließlich liest er es und stellt fest: „Scheiße“ – die Lobeshymnen stimmen.
Einen Tag später bittet er seinen Redakteur, David Foster Wallace interviewen und ihm auf den letzten Tagen seiner „Unendlicher Spaß“-Lesereise begleiten zu dürfen.

Somit beginnt, laut Untertitel des DVD-Covers, „die beste Unterhaltung, die du jemals hattest“. Und ich war die ganze Zeit neidisch, dass ich nicht dabei sein konnte.

Es sind die kleinen Momente im Film, die einen selig zurücklehnen und entspannt genießen lassen. Der Schriftsteller und der Journalist trinken literweise Cola light, rauchen, philosophieren über das Leben und Alanis Morissette – eine natürliche Schönheit, bei der man sich auch vorstellen kann, wie sie einen Burger isst, im Gegensatz zu den Schönheiten in Hochglanzmagazinen –, und gestehen sich Ängste, Wünsche und Phantasien ein.

Die ein oder andere Träne konnte ich mir am Ende dann doch nicht verkneifen. Kennt man die Biografie von Wallace und seinen lebenslangen Kampf gegen die Depression, ist es schön und traurig zugleich, wie Wallace voller Freude in einer Baptistenkirche tanzt. Er wirkt einfach glücklich.

Und nach dem Abspann gibt es noch eine kleine Überraschung.

Wer jetzt nicht sofort Lust bekommen hat die DVD zu schauen oder den 1000-Seiten-Wälzer “Unendlicher Spaß” zu lesen – was wirklich schade wäre! –, kommt aber auch mit dem 170-Seiten-Buch “Schrecklich amüsant” von David Foster Wallace auf seine Kosten.

Anbieter von Luxuskreuzfahrten werben mit Slogans wie “Einfach mal die Seele baumeln lassen” und ihr Lieblinsgwort ist “Verwöhnen” – angefangen beim Werbekatalog bis hin zur Unternehmensphilosophie an Bord. David Foster Wallace hatte die Möglichkeit, diese Verwöhnmaschinerie einer Luxuskreuzfahrt unter die Lupe zu nehmen, und wollte er sich am Anfang der Reise auf der Nadir noch vom amerikanischen Durchschnittstouristen – hier liebevoll Nadiriten genannnt – abgrenzen und seine Koffer lieber selber tragen, konnte er sich den Verlockungen des Nichtstun und des Luxus dann irgendwann doch nicht mehr entziehen. Und wenn in einem Hafen dann ein weiterer Luxusliner ankerte, blickte er neidisch auf die noch weißeren Schiffswände, stellte sich die Inneneinrichtung noch prunkvoller und das Essen noch abwechslungsreicher vor. Aber nach sieben Tag auf See:

Ich hatte noch immer diesen leicht glasigen Blick, fühlte mich aber sonst ganz wohl, froh, auf der Nadir zu sein, und froh, sie bald verlassen zu können, froh vor allem, das Verwöhnprogramm überlebt zu haben. Kurz gesagt, ich blieb einfach im Bett. Und auch wenn ich durch meinen Trancezustand die große Talentshow und das Farewell Midnight Buffet am letzten Abend verpasste sowie am Samstagmorgen das Anlegemanöver und das Abschiedsfoto mit Kapitän G. Panagiotakis, mein Wiedereintritt in das normale, selbstverantwortliche Landrattenleben ging weit unprobelamtischer vonstatten, als ich nach einer Woche reinen Nichtstun befürchtet hatte.

Wallace nimmt den amerikanischen Wohlstandsbürger kräftig auf die Schippe, kratzt sich dabei auch an der eigenen Nase.

Schrecklich amüsant und unverschämt cool.

“The end of the tour” als Blu-Ray im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek
“The end of the tour” als DVD im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

“Schrecklich amüsant” im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

Bild: Sony Pictures

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Nadine

Meine Wunschliste 2017: mehr Fleisch beim wöchentlichen Teamkochen, Daenerys und Jon Snow reiten endlich auf einem Drachen in den Sonnenuntergang, zwei oder ein Laster loswerden, mehr Toleranz für Iny-Lorentz-Leser aufbringen, UND mehr Bücher mit Happy End lesen!

Kommentar zu “Die beste Unterhaltung, die du jemals hattest

  1. Eva on 19/09/2016 at 2:33 pm sagt:

    Vielen Dank für die schöne Besprechung, ich habe ihn mir gleich mal bestellt 🙂

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