Das Flapper Girl der Roaring Twenties

Zelda Fitzgerald: Himbeeren mit Sahne im Ritz (Erzählungen)

Zum ersten Mal stieß ich bei meiner Lektüre von Ernest Hemingways „Paris, ein Fest fürs Leben“ auf Zelda Fitzgerald. Darin wird sie als exzentrische Frau geschildert, die ihren Mann, den Schriftsteller F. Scott Fitzgerald („Der große Gatsby“), von der Arbeit abhält. Gemeinsam mischten die beiden die Gesellschaft in New York, Paris und an der Riviera auf.

Zelda Fitzgerald, 1900 in Montgomery, Alabama, geboren, war eine begabte Malerin, Balletttänzerin und Schriftstellerin. Sie konnte diese Talente aber in ihrer Ehe mit F. Scott Fitzgerald nicht verwirklichen. Die Ehe muss überhaupt schwierig gewesen sein: überschattet von seinem Alkoholismus und ihren häufigen Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, wo sie mit Unterbrechungen 1930 bis an ihr Lebensende 1948 lebte. F. Scott Fitzgerald starb früh – 1940 – an den Folgen seiner Sucht.

Als im November 2016 die Schauspielerin Bibiana Beglau im Carl-Orff-Saal im Gasteig auf ihre witzige und lebendige Art verschiedene Kurzgeschichten aus „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ las, wollte ich dieses Buch sofort haben.

Die Protagonisten sind immer Frauen. Schöne, selbstbewusste Frauen, die es gewohnt sind, sich in Szene zu setzen. Wie auf einer Bühne führen sie ihre teuren Kleider, ihren erlesenen Schmuck und ihre Körper vor. Sie sind kultiviert, schlagfertig und provozieren gerne. Eine Beobachterin, vielleicht eine gute Bekannte, jedenfalls eine Kennerin der Szene, erzählt ihre Geschichten und spart nicht an Klatsch.

Viele Frauen sind künstlerisch tätig, oft Schauspielerinnen oder Tänzerinnen. Manche arbeiten sich auch mit Ehrgeiz, Schönheit und Durchsetzungsvermögen aus einfachen Verhältnissen nach oben. Niemals sind sie authentisch, immer gehorchen sie dem Bild, das sie von sich abgeben wollen.

Geld ist vorhanden, und wo es gerade fehlt, wird trotzdem der äußere Schein gewahrt.

Obwohl diese Frauen stark sind und mit ihrem Leben fertig werden, wirken sie oft tragisch und in ihrer Rolle seltsam gelangweilt. Man kommt nicht wirklich hinter ihre Gefühle, weil die Erzählerposition bei der Außenperspektive bleibt.

Männer kommen eher am Rande vor. Als leicht durchschaubar und verführbar oder als verhängnisvolle Liebesobjekte.

Besonders beeindruckt und amüsiert haben mich beim Lesen die Beschreibungen von menschlichen Physiognomien und Charakteren:

Er hatte einen kleinen Schädel, einen breiten Kiefer und zwei übermenschlich große Ohren – ein Clown mit Schweinskopf. Aber er war leutselig, und an diesem Abend war er überzeugt, kein Clown zu sein, sondern eine Persönlichkeit von höchstem Ansehen.

[…]

Dans Mutter war so knapp, abweisend und schwarz-weiß wie eine Buchseite.

[…]

Das Auffälligste an Gay war ihre Art; man hatte fast den Eindruck, sie spiele sich selbst. Ihre Kleider und ihre Juwelen waren von ausgezeichneter Qualität, schmückten sie jedoch nur oberflächlich wie Lametta und Kugeln einen Weihnachtsbaum. Das kam daher, dass sie selbst von unheimlich guter Qualität war und nichts zu verbergen hatte als ihre Vergangenheit.

[…]

Helena sagte immer, von ihrem Vater sei ihr nichts geblieben als die große Standuhr im Flur, die mit der rührenden Abschiedsgravur seiner Angestellten. Dabei unterschlug sie die acht Millionen Dollar und den unermüdlichen Ehrgeiz, der ihn dazu getrieben hatte, so beharrlich so viel Geld anzuhäufen.

Während F. Scott Fitzgerald als einer der größten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts gilt, ist der Roman seiner Frau „Ein Walzer für mich“ inzwischen fast vergessen. Bei der Veröffentlichung ihrer Kurzgeschichten in Zeitungen und Zeitschriften wurde meist ihr Mann als Autor angegeben, manchmal auch das Ehepaar zusammen. Auch wenn das wohl geschah, um ein höheres Honorar zu erzielen, ist es aus heutiger Sicht erschreckend.

Nun liegen ihre Geschichten zum ersten Mal auf deutsch im Manesse-Verlag vor, übersetzt von Eva Bonné und herausgegeben unter ihrem Namen: Zelda Fitzgerald. Genaueres über die Fitzgeralds und ihre Zeit kann man in diesem Video erfahren.

Das Paar ist neben anderen Schriftstellern in dem verwunschenen Film „Midnight in Paris“ zu sehen.

Neben „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ kann man in der Münchner Stadtbibliothek auch alle anderen in der Rezension erwähnten Bücher und den Film entleihen.

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Annette

Ich lese gerne Romane, die auf eine besondere Art konstruiert sind und in denen die Sprache stimmig ist. Ich mag auch Hörbücher, denn da kann ich, während mir vorgelesen wird, noch etwas anderes nebenher tun. Alles, was mit Frankreich zu tun hat, liebe ich: insbesondere die Sprache und das Savoir-vivre der Franzosen. Generell bin ich neugierig und stelle vorgefasste Meinungen häufig in Frage (auch meine eigenen). Seit einigen Jahren schreibe ich selbst. Bisher veröffentlicht sind vier Kurzgeschichten und eine Novelle beim Schrägdruck Verlag (Berlin). Sie stehen auch in der Monacensia. Voilà!

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