Blogparade #Kultblick: Anstiftungen zum Perspektivwechsel

Wenn das Archäologische Museum Hamburg gemeinsam mit der Kulturnetzwerkerin Tanja Praskebekanntermaßen eine unserer Lieblingsbloggerinnen 🙂 – eine Blogparade veranstaltet, wollen wir natürlich dabei sein! Thema ist: „Verloren und wiedergefunden? Mein Kulturblick!“. Ich habe angefangen zu überlegen: Wie blickt eine Bibliothek eigentlich auf Kultur? Und dann habe ich begriffen: Uns geht es im Grunde um dasselbe wie dieser Blogparade. Auch wir wollen wissen, wie die unterschiedlichsten Menschen auf Kultur blicken und diese Perspektiven vorstellen, diskutieren, miteinander ins Gespräch bringen. Doch von vorne …

Im September erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel (), der über Partizipation in Museen berichtete. Das klang so:

Immer öfter dringen Privatgeschmack und Privatlaunen auch schon real in die Museumslager vor und wollen beim Aussortieren mittun.

Dass der Autor des Artikels große Bedenken hat, wenn Bürgerinnen und Bürger in Museumsangelegenheiten mitreden, wird unmissverständlich klar. Partizipation erscheint in diesem Text unter anderem als „allgemeine Stimmabgabe“, als „Auf und Ab der Volkslaunen“ sowie als „mehr oder weniger improvisierter Mehrheitsbeschluss“. Ich staunte und wunderte mich, mit welcher Rhetorik ein Journalist den Blick seiner Leserinnen und Leser auf Kultur beschreibt.

Dieses Staunen und diese Verwunderung sind selbstredend meiner Perspektive auf Kultur geschuldet, und die hat wiederum viel damit zu tun, dass ich in einer öffentlichen Bibliothek arbeite. Das „Auf und Ab der Volkslaunen“ gehört bei uns nämlich unbedingt und glücklicherweise zum Tagesgeschäft: Unsere ReferentInnen sind für den Aufbau des Bestands – profan gesagt: den Ankauf der Bücher, Filme, CDs, Games usw. – zuständig, und dabei achten sie natürlich auf Vielfalt und Qualität, aber auch auf die aktuellen Bestsellerlisten, denen wir uns freilich nicht entziehen können und auch nicht wollen (bis auf sehr seltene Ausnahmen, aber dazu ein andermal).

Kultur im Wandel, Perspektiven im Gespräch

Zudem ermöglichen wir unseren Nutzerinnen und Nutzern jederzeit, selbst Vorschläge zum Ankauf zu machen. Wir wären ja auch wirklich deppert, wenn wir ein solches Mitreden nicht möglich machten! Schließlich können wir keinesfalls davon ausgehen, dass wir alles kennen und wissen, was der Buch-, Film-, Musik- und Spielemarkt alles zu bieten hat, so sorgfältig und kenntnisreich unsere ReferentInnen auch arbeiten. Auch reagieren wir auf gesellschaftliche Entwicklungen, indem wir aktuell z.B. die fremdsprachigen Bestände deutlich und kontinuierlich erweitern, da in unserer Stadt mittlerweile dutzende Sprachen gesprochen werden und eine öffentliche Bibliothek für alle Bürgerinnen und Bürger da ist – nicht nur für diejenigen, die Deutsch können.

Kurz gesagt: Kultur gilt einer öffentliche Bibliothek nicht als Festgeschriebenes und schon gar nicht als Herrschaftswissen, das manchen besser vorenthalten werden sollte, sondern im Gegenteil als gemeinschaftliche Praxis, die als solche stets Verhandlungssache und im Wandel begriffen ist. Kultur entsteht ja nicht, wenn ein Museum Bilder aufhängt oder eine Bibliothek Bücher in die Regale stellt. Kultur entsteht im Dialog, im kritischen Blick auf die Bilder und die Bücher, in der Interaktion mit diesen Bildern und diesen Büchern. Und je mehr Menschen an diesem Dialog teilhaben, desto besser! Kultur ist, um es mit den Worten des Ethnologen Clifford Geertz (Wikipedia) zu sagen, gemeinsam geteilte Bedeutung, und deshalb können weder Journalisten noch Institutionen alleine darüber bestimmen, was Kultur ist.

“Lesezeichen” in der Münchner Stadtbibliothek Am Gasteig. Foto: Eva Jünger

Den Dialog über Kultur stiften wir als öffentliche Bibliothek deshalb jeden Tag aufs Neue an. Wir wollen wissen, wie Menschen auf Kultur blicken, was sie darunter verstehen, was sie darüber zu sagen haben. Das machen wir nicht nur durch unseren vielfältigen und reichhaltigen Bestand, sondern vor allem auch durch Veranstaltungen, die ganz absichtlich diverse kulturelle Perspektiven zusammenbringen und diese zur Diskussion stellen. In Reihen wie „Cinema International“ und „Literatur International“ zum Beispiel erkunden wir Blicke aus verschiedenen kulturellen Regionen dieser Welt oder sprechen mit SchriftstellerInnen, die in mehreren Sprachen zuhause sind.

Enter!, Public!, Kontrovers und Salon Mayer

Unbedingt anführen muss ich hier auch „Lesezeichen“, eine lockere Runde, die mit Buchtipps meiner Kolleginnen und Kollegen beginnt und üblicherweise noch lange nicht zuende ist, wenn alle Bücher vorgestellt sind, sondern in entspannte Gespräche über Literatur mündet. Auch „Enter!“ und „Public!“ sind zwei Formate, in denen es darum geht, unterschiedliche Blicke auf Kultur vorzustellen und den Dialog zu eröffnen: über die Zukunft des digitalen bzw. des öffentlichen Raums. Nicht zu vergessen „Kontrovers“: Bereits seit 2013 sprechen die Kritikerin Christine Knödler und der Lektor Frank Griesheimer mit jeweils zwei Gästen über aktuelle Tendenzen im Jugendbuch; das Publikum ist jederzeit – und das gilt für jede der erwähnten Veranstaltungen! – eingeladen mitzureden, und das tut es auch so eifrig wie engagiert, ein Glück!

In diesem Dezember kommt noch etwas Neues hinzu, worauf wir uns schon seit Langem unbändig freuen: der „Salon Mayer“. Salon Mayer, das ist ein Abend und ein Frühstück am folgenden Tag mit Texten, Gesprächen, Menschen und Musik. Wichtige literarische Stimmen, neue Werke, Ideen und Haltungen, Diskussionen mit dem Publikum, kurzum jede Menge Widerspenstiges findet Platz im Salon Mayer. Gewidmet ist die neue Reihe der Münchner Stadtbibliothek dem Schriftsteller Carl Amery, 1922 geboren als Christian Mayer, der ein scharfzüngiger Essayist, kämpferischer Intellektueller, brillanter Erzähler und von 1967 bis 1971 ein „realutopistischer“ Direktor der Münchner Stadtbibliothek war.

Wir freuen uns, möglichst viele von euch dort zu sehen, um ins Gespräch zu kommen: über Kultur und euren Blick auf Kultur.

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Katrin

Als Kind wollte ich Bibliothekarin oder Journalistin werden - nach dem Literatur-Studium entschied ich mich zunächst für Letzteres. Um dann doch wieder in einer Bibliothek zu landen: Seit 2015 bin ich in der Münchner Stadtbibliothek verantwortlich für die digitale Kommunikation (und damit auch für dieses Blog hier). Mein großes literarisches Interesse gilt (zumindest aktuell) der postkolonialen Literatur, vor allem vom afrikanischen Kontinent.

4 Kommentare zu “Blogparade #Kultblick: Anstiftungen zum Perspektivwechsel

  1. Liebe Katrin,

    klasse! Prima, dass du dich auch der unsäglichen Kultur-Debatte im deutschen Feuilleton angenommen hast, wo es eigentlich um Deutungshoheit geht und die Angst, diese abgeben zu müssen, da es jetzt eine “Volkslaune” ist – was für ein fürchterlicher Begriff, hier doch tatsächlich und willentlich mitdiskutieren zu wollen.

    Du berührst wunderbar den Aspekt der Offenheit und den der Zugänge schaffen für unterschiedlich interessierte. Beides lebt ihr und das finde ich famos!

    Vielen herzlichen Dank fürs Mitmachen bei #KultBlick – die Blogparade hat es absolut in sich. Mit euch mittlerweile 81 Beiträge. Sie bieten extrem viel Denk- und Diskussionsstoff und regen vielleicht auch dazu an, über das eigenen Kulturverständnis nachzudenken. Wenn Hamburg es schafft, dass München sich Gedanken über Kultur macht, plus die vielen anderen Orte, dann haben wir viel bewegt, aber das ist erst der Anfang. Hier geht es weiter! Wie? Das entscheidet jeder für sich!

    Herzlich,
    Tanja

  2. Liebe Katrin und alle Mitlesenden,
    als eine Bibliotheks-Kollegin, als kunstaffiner Mensch und als eine Botschafterin für Offenheit, als die ich im www unterwegs bin, möchte ich mich Tanjas Worten herzlich anschließen!
    Viele Grüße,
    Sabine

  3. Katrin on 23/10/2017 at 3:33 pm sagt:

    Danke euch!!!

  4. Das sind interessante Einblicke. Mir gefällt der Gedanke, daß die Nutzer mitarbeiten können; in Theatern ist die Partizipation ja bereits durch den Besuch gegeben, und es werden gelegentlich Stücke für die nächste Saison zur Auswahl gestellt. In Museen denke ich mir das schon schwieriger; nun weiß ich, wie Bibliotheken das machen. Danke.

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