Auslese: 10 Bücher über Migration

Kaum ein Thema bewegt Deutschland aktuell so sehr wie die Migration. Auch die Debatten im Vorfeld der kommenden Bundestagswahl werden vom Für und Wider der sozialen und internationalen Entwicklungen beherrscht werden. Grund genug, um sich schon jetzt mit Meinungen auseinandersetzen und sich vor allem mit Fakten zu versorgen. Hier unsere zehn Buchtipps zum Thema. Ein Klick aufs jeweilige Cover führt in unseren Onlinekatalog zum Ausleihen oder Vormerken. 


Zygmunt Bauman: Die Angst vor den anderen. Ein Essay über Migration und Panikmache
Suhrkamp 2016, 124 Seiten

Wenn in kurzer Zeit Hunderttausende Menschen ins Land kommen, stellt das für jede Nation eine gewaltige Herausforderung dar. Und dennoch wirkt es befremdlich, dass Migration praktisch alle anderen Themen von den Titelseiten verdrängt. Den Klimawandel. Die Ungleichheit. Zerfallende Staaten. Also die eigentlichen Ursachen der Migration. Zygmunt Bauman spricht angesichts der emotionalen Debatte von einer moralischen Panik. Und er stellt die Frage, wer von dieser Panik (oder Panikmache?) profitiert. Nicht zuletzt, so der Soziologe, populistische Politiker, die endlich klare Kante zeigen können – zumindest solange sie nicht in der Verantwortung stehen.

Inmitten der Hysterie und der zunehmenden Xenophobie plädiert Bauman für Gelassenheit und Empathie. In einer Welt, in der Geld, Bilder und Waren frei zirkulieren und ob deren Kugelform sich die Menschen “nicht ins Unendliche zerstreuen können” (Kant), werden wir lernen müssen, mit den anderen zusammenzuleben. (Text: Verlag)


Paul Collier: Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen
Pantheon 2016, 320 Seiten

Wohl kaum eine Frage wird heute so heftig debattiert wie die der Einwanderung. Dürfen wir Menschen an der Grenze abweisen und sie wieder in ihre Heimatländer zurückschicken, auch wenn dort Armut und Hunger herrschen? Einwanderungspolitik, schreibt Paul Collier, ist bislang eine Mischung aus viel Emotion und wenig Wissen. In seinem neuen Buch zeigt er, warum es sich lohnt, einen völlig neuen Blick auf die weltweite Migration zu werfen.

Wer darf ins Land kommen und wer nicht? Profitieren wir von der Einwanderung – oder hilft der Massenexodus nur den Migranten selbst? Paul Collier erforscht, welche Kosten und welchen Nutzen die weltweite Migration mit sich bringt: für die aufnehmenden Ländern (vor allem Europa und die USA), für die Einwanderer selbst und für jene Länder, die die Migranten zurücklassen. Vor allem diese Staaten, die oft zu den Ländern der “ärmsten Milliarde” gehören, müssen wir im Blick behalten, so Collier, wenn wir über die Gewinner und Verlierer von Migration sprechen. Nur so wird es möglich sein, neue, gerechte Einwanderungsregeln zu finden, von denen möglichst viele Menschen profitieren und die keiner Gesellschaft schaden. (Text: Verlag)


Patrick Kingsley: Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise
Beck 2016, 331 Seiten

Europa ist mit der größten Migrationsbewegung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs konfrontiert – und niemand hat intensiver über diese Krise berichtet als Patrick Kingsley. Der erst 26 Jahre alte Reporter des “Guardian” hat 2015 drei Kontinente und 17 Länder bereist, Hunderte von Migranten getroffen und mit ihnen die Fluchtrouten durch Wüsten, über Berge und Meere zurückgelegt. Dieses Buch erzählt ihre Geschichte.

Patrick Kingsley legt ein hohes Tempo vor. Er reist mit dem Syrer Hashem al-Souki auf dem Zug, trinkt selbstgebrannten (und verbotenen) Schnaps mit dem libyschen Menschenschmuggler Haji, der einmal Jurastudent war, marschiert mit Fattemah Abu al-Rouse, der schwangeren syrischen Lehrerin, die Angst hat, ihr Kind zu verlieren, durch die Wildnis des Balkans, ist an Bord eines Bootes im Mittelmeer. Er schildert, wie das Multi-Millionen-Dollar-Geschäft mit dem Menschenhandel in Libyen, der Türkei und Ägypten organisiert wird. Er zeigt, wie lokale Kaufleute und korrupte Politiker in Italien vom Elend der Menschen profitieren. Er beschreibt die Fluchtrouten, hinterfragt die Ursachen der Krise und die Gründe für die bedrückende Reaktion so vieler Europäer. (Text: Verlag)


Rupert Neudeck: In uns allen steckt ein Flüchtling. Ein Vermächtnis
Beck 2016, 169 Seiten

Rupert Neudeck, als Kind aus Danzig geflohen, hat sich sein Leben lang für Menschen eingesetzt, die ihre Heimat verlassen mussten. In seinem neuen Buch blickt er zurück und sucht nach Lehren für die Gegenwart. Nur wenige Menschen haben so viel Erfahrung mit dem Thema Flucht wie der Gründer von Cap Anamur, der seit 1979 die vietnamesischen Bootsflüchtlinge aus dem südchinesischen Meer fischte. Danach hat er sich überall auf der Welt für Verfolgte eingesetzt. Seit 2012 hilft er Syrien und bedrohten Syrern. Aufgrund seiner lebenslangen Erfahrungen zeigt er, was es heißt, auf der Flucht zu sein, beschreibt die globalen Migrationsströme und fragt, wie die Integration der Flüchtlinge gelingen kann. (Text: Verlag)


Jochen Oltmer: Handbuch Staat und Migration in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert
De Gruyter Oldenbourg 2015, 1000 Seiten

Staaten rahmen und gestalten Migrationsprozesse, kanalisieren Migrationsbewegungen und kategorisieren Migrantinnen und Migranten. Unterschiedliche staatliche Akteure beschränken oder erweitern die Handlungsspielräume von Menschen, die danach streben, ihre Arbeits-, Erwerbs-, Siedlungs-, Bildungs- oder Ausbildungschancen mithilfe von Bewegungen zwischen geographischen und sozialen Räumen zu verbessern oder sich neue Chancen zu erschließen. Die Kontroll-, Steuerungs- und Regulierungsanstrengungen staatlicher Institutionen können Freiheit und Freizügigkeit von Einzelnen oder Kollektiven so weit beschränken, dass Formen von Zwangsmigration die regionale Mobilität dominieren.

Das Handbuch überblickt die Genese des Wechselverhältnisses von Staat und Migration in Deutschland in einer langen Perspektive vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart und fragt nach dem Wandel von weltanschaulichen und politischen Prinzipien, obrigkeitlich bzw. staatlich gesetzten Regeln und administrativen Entscheidungsprozeduren, die Einfluss auf Zuwanderung und Abwanderung genommen haben. (Text: Verlag)


Jochen Oltmer: Globale Migration. Geschichte und Gegenwart
Beck 2016, 141 Seiten

Migration ist ein globales Zukunftsthema. Debatten über die Folgen des Wachstums der Weltbevölkerung, den Zustrom von Flüchtlingen vor allem aus Afrika oder die Alterung der Gesellschaften im reichen ‚Norden’ belegen dies in aller Deutlichkeit. Nur selten wird jedoch klar gesehen, dass Migration und Integration Ergebnis historischer Prozesse und staatlich verordneter Politik sind. Jochen Oltmers souveräner Überblick zeigt die Hintergründe, Formen und Konsequenzen globaler Migration in der Neuzeit und schildert die großen Bevölkerungsbewegungen, die die Welt im 19. und 20. Jahrhundert fundamental geprägt haben. (Text: Verlag)


Ute Schäffer: Einfach nur weg. Die Flucht der Kinder
DTV 2016, 256 Seiten

Nie zuvor gab es weltweit so viele Flüchtlinge unter 18 Jahren, Tendenz steigend. Nach Deutschland kamen im Jahr 2015 über 30.000 unbegleitete Jugendliche. Sie kommen alleine, sie haben keine Familien mehr oder mussten sie zurücklassen. Viele sind traumatisiert, haben grauenhafte Erfahrungen gemacht, aber sie haben überlebt und sind froh, in Sicherheit zu sein. Es sind mutige und starke Persönlichkeiten.

Ute Schaeffer interviewte sechs Monate lang zwölf Jugendliche, die in diesem Band zu Wort kommen. In ›Einfach nur weg‹ erzählt sie nicht nur ihre Geschichten, die Schicksale werden kenntnisreich mit Informationen zum jeweiligen politischen Hintergrund im Herkunftsland verknüpft, Fluchtursachen werden erklärt, Fluchtwege nachvollzogen. (Text: Verlag)


Paul Scheffer: Die Eingewanderten. Toleranz in einer grenzenlosen Welt
Hanser 2016, 536 Seiten

Die Flüchtlingskrise stellt unsere Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Da sind nicht nur praktische Probleme zu lösen, auch unser Selbstverständnis steht zur Debatte; dazu kommt die Angst, eine so große Zahl von Migranten könnte unser Land ganz grundsätzlich verändern. Der Soziologe und Journalist Paul Scheffer hat sich viele Jahre mit allen Aspekten der Migration beschäftigt. “Die Eingewanderten” gilt mittlerweile international als Standardwerk und liegt hier in einer aktualisierten Neuausgabe vor. Es erklärt Geschichte und Ursachen der Migration und liefert damit die Grundlage, unsere heutigen Konflikte zu verstehen und die Orientierung in einer unübersichtlichen Welt zu behalten. (Text: Verlag)


Maria von Welser: Kein Schutz – nirgends. Frauen und Kinder auf der Flucht
Ludwig 2016, 300 Seiten

Mehr als 50 % aller Flüchtlinge weltweit sind Frauen – weshalb werden dann 70 % der Asylanträge in Deutschland von Männern gestellt? Maria von Welser reist in die Krisenregionen dieser Welt und recherchiert vor Ort, warum die meisten Frauen buchstäblich auf der Strecke bleiben. Viele Frauen in den Flüchtlingslagern können nicht mehr weiter, aber auch nicht zurück. Weil sie sonst verhungern, vergewaltigt oder ermordet werden. Und wenn sie es doch übers Meer oder auf dem Landweg schaffen, sind sie schwerst traumatisiert – und oft schwanger. Denn Schleuser verlangen als Bezahlung häufig mehr als Geld. Doch auch in europäischen Auffanglagern und Flüchtlingsheimen ist die Lage nicht unbedingt besser: Auch hier kommt es zu sexuellen Übergriffen, und die Frauen wagen nicht, sich zu wehren. Sie haben Angst, abgeschoben zu werden. (Text: Verlag)


Slavoj Žižek: Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror
Ullstein 2016, 96 Seiten

Wer ganze Weltregionen und Bevölkerungsgruppen von Wohlstand und sozialer Teilhabe ausschließt, braucht sich nicht wundern, wenn dadurch Gesellschaften auseinanderbrechen und Menschen zu religiös-ideologischen Extremisten werden oder in unser Land streben. Die eigentliche Bedrohung unserer westlichen Gesellschaftsform besteht in der Dynamik des globalen Kapitalismus. Das bedeutet: Wir müssen unsere westlichen Werte unbedingt verteidigen und uns zu diesem Zweck von realitätsfremdem Empathiedenken befreien und fremden Kulturen reell gegenübertreten, um mit ihnen koexistieren zu können. Vor allem aber müssen wir die ökonomischen Gründe der Flüchtlingsströme und des Terrors ausmerzen – und sei es mit Hilfe einer neuen kommunistischen Utopie. Wir haben ein Recht, für unseren westlichen Lebensstil und unsere europäischen Werte zu kämpfen; aber wir haben kein Recht, die Welt in Teilhaber und Ausgeschlossene aufzuteilen. (Text: Verlag)

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