Alles nur erfunden

Teresa Präauers Roman „Johnny und Jean“

Ein großes Wasserbecken besetzt die Mitte des Gemäldes “Jungbrunnen” von Lukas Cranach d.Ä., links tapern gebrechliche Frauen mit hängenden Brüsten hinein, rechts hüpfen die Verjüngten fidel, nass und nackig heraus: Es braucht keinen Gott, um den Tod abzuwenden, sondern einen Maler. “Wenn nichts mehr hilft, hilft Cranach”, lautet das Mantra des Ich-Erzählers in dem zweiten Roman der österreichischen Autorin (und Malerin) Teresa Präauer. Denn auch in “Johnny und Jean” stehen nicht weniger als Kunst und Leben und vor allem deren Zusammenhang auf dem Spiel.

Mit einer Nacherzählung ist diesem Roman mithin wenig gedient, da er seinen inhaltlichen Konformismus mit sichtlich ironischem Vergnügen ausstellt. Zwei Jungs vom Dorf ziehen in die “zweitgrößte Stadt” des Landes, um Künstler zu werden, und in den Sommerferien fährt man auf Interrail. Der eine reüssiert bei Kommilitonen, Galeristinnen und Kritiker. Der andere, der Ich-Erzähler, zeichnet erst nur Fische, dann das Nichts in Form weiß grundierter Leinwände, dann wieder Fische; nichts wünscht er sich sehnlicher, als mit dem einen befreundet zu sein (außer vielleicht, das erste Mal Sex zu haben).

Der Titel des Romans nennt die Namen der beiden – und nennt sie doch nicht, denn weder heißt Jean Jean noch Johnny Johnny. So taufen sie sich vielmehr selbst, weil das erwachsen klingt und nach großer weiter Welt aka Frankreich und USA duftet. Künstlernamen für Kunstfiguren: Mit der Formel “Ich stelle mir vor” – und einem Sprung ins Taufbecken – beginnt der Roman “Johnny und Jean”, der in seinem Nachdenken übers künstlerische Schaffen auf so fröhliche wie planvolle Weise auf sich selbst zurückfällt. Teresa Präauer erweckt nicht nur ihre Protagonisten erst zum literarischen Leben, sondern auch einige tote Meister, darunter Dalí und Duchamp, Chaplin und Deleuze, die Ich-Erzähler Johnny genauso geflissentlich und geisterhaft zur Seite stehen wie die Kunsthistorikern Mary Schoenblum, die Muttergottes des Diskurses (den Präauer mit Laune verballhornt). Und so gern sich Jean als Jesus inszeniert, wird er doch von Johnny bald als „Höllenbrut“ erkannt – als formidable Fiktion, wie Johnny selbst eine ist. „Aber sieh dir diese Badenden noch einmal genau an! – Ach, Cranach“, befiehlt und seufzt es am Ende: Alles nur erfunden, aber auf welch hervorragende und gotteslästerliche Weise!

Bücher von Teresa Präauer im Online-Katalog der Münchner Stadtbibliothek

Teresa Präauer: Johnny und Jean. Wallstein Verlag, Göttingen 2014. 208 Seiten, 19,90 Euro

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Katrin

Als Kind wollte ich Bibliothekarin oder Journalistin werden - nach dem Literatur-Studium entschied ich mich zunächst für Letzteres. Um dann doch wieder in einer Bibliothek zu landen: Seit 2015 bin ich in der Münchner Stadtbibliothek verantwortlich für die digitale Kommunikation (und damit auch für dieses Blog hier). Mein großes literarisches Interesse gilt (zumindest aktuell) der postkolonialen Literatur, vor allem vom afrikanischen Kontinent.

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