Keine große Sache

“Nur drei Worte” von Becky Albertalli

Simon ist ein 16-jähriger, eher schüchterner Jugendlicher, einer wie viele andere auch: Er hat liebende Eltern, zwei Schwestern, mit denen er sich gut versteht; er besucht die Creekwood High, hört viel Musik und hängt gerne mit seinen beiden besten Freunden Nick und Leah rum. Aber er hat zwei große Geheimnisse: Simon ist schwul. Und er hat sich verliebt. In Blue. Und dann passiert in “Nur drei Worte” von Becky Albertalli gleich zu Beginn der Geschichte für Ich-Erzähler Simon die absolute Katastrophe: Mitschüler Martin findet beides durch Zufall heraus.

Becky Albertalli

Becky Albertalli

Eigentlich weiß Simon, dass es alles andere als das Ende der Welt für ihn bedeuten würde, sollte er entscheiden, sich zu outen: Er kann sich die Reaktionen sogar deutlich ausmalen – wie die seiner Eltern, die zwar jeden seiner Schritte ins Erwachsensein mit seiner Ansicht nach übertriebener Begeisterung beobachten und ständig kommentieren, ihn aber zweifellos unterstützen würden. Oder die seiner besten Freunde: diese wären vielleicht irritiert, so glaubt er, aber es würde sich auch hier nichts ändern. Er fürchtet sich nicht einmal wirklich vor der Schikane, der offen homosexuell lebenden Mitschüler bereits ausgesetzt waren, da er auch hier auf die Hilfe seiner Freunde vertraut.

Die Sache mit dem Coming-Out macht mir allerdings keine Angst. Glaube ich zumindest.

Er will lediglich nicht, dass sein Umfeld eine große Sache daraus macht – einfach deshalb, weil es für ihn keine solche ist. Also wartet Simon auf den richtigen Moment. Und der könnte bald kommen, denn Simon ist verliebt – in einen Mitschüler namens Blue. Simon hat Blue „entdeckt“, auf einer Social-Media-Seite, auf der die Schüler der Creekwood High Ratsch, Klatsch, Gedichte und Neuigkeiten teilen. Das Gedicht, das Blue dort postete, sprach Simon so an, dass er seine Schüchternheit überwand und Kontakt aufnahm. Seitdem schreiben sich die beiden Mails, allerdings ohne zu wissen, wer der jeweils andere ist, Blue bleibt Blue für Simon, der sich wiederum das Pseudonym Jaques gewählt hat. Die beiden schreiben sich fast jeden Tag; der Mailverkehr, der zu Beginn der Erzählung bereits seit einigen Monaten andauert und den man im Buch natürlich mitliest, ist wunderschön – der Leser sieht mit jeder Mail, wie sich die beiden immer mehr ineinander verlieben.

Gleich am Anfang des Romans steht der Auslöser, der schlussendlich seine Welt komplett auf den Kopf stellt: Martin, ein Mitschüler, entdeckt durch Zufall eine der Mails von Blue. Er erklärt sich bereit, niemandem etwas von Simons Korrespondenz mit seinem Schwarm zu erzählen – sofern er ihn dafür mit seiner Freundin Abby verkuppelt. Simon geht zögernd auf Martins Forderung ein: Eigentlich ist er ja bereit, sich zu offenbaren – nicht nur gegenüber Blue, sondern der ganzen Welt –, aber er möchte es auf seine eigene Art, in seiner eigenen Geschwindigkeit tun. Und er möchte wissen, wer der geheimnisvolle Blue ist und ihn endlich treffen. Doch bevor dies passieren kann, reißt Martins Geduldfaden, und die Dinge nehmen ihren Lauf…

NurdreiWortefertig„Nur drei Worte“ ist von der ersten bis zur letzten Seite ein absolutes Wohlfühlbuch, eines von der Sorte, bei denen man sich wünscht, sie würden nicht enden. Es handelt sich allerdings nicht um die typische Coming-of-Age-Geschichte, in der die Hauptperson zahllose Hürden nehmen muss; vielmehr wird der Leser mitgenommen in Simons Welt, in eine liebevolle Familie und zu sehr verständnisvollen Freunden, die ihn wunderbar unterstützen. Die Mitschüler, gegen die er sich im Laufe der Geschichte wehren muss, sind an einer Hand abzuzählen, nicht mal der „Böse“ Martin ist ein wirklicher Schurke. Dass Simon auf so wenige Widerstände trifft, mag vielleicht etwas unrealistisch erscheinen. Doch diese große Toleranz ist ein absolut wünschenswertes Ideal, zu dessen Erreichen Bücher wie “Nur drei Worte” viel beitragen können.

Die Liebesgeschichte zwischen „Blue“ und „Jaques“ ist zauberhaft, man kommt während dem Lesen gar nicht aus dem Lächeln heraus. Die Sprache der Autorin ist klar und fließend, und die Dialoge, die natürlich hauptsächlich von den Jugendlichen geführt werden, klingen durchweg authentisch. Mit feinem Humor und einem manchmal sehr sachlichen, manchmal aber auch pubertär-aufgeregten Blick erzählt Simon seine Geschichte und vermittelt dem Leser die deutliche Botschaft, dass es ganz egal ist, in wen man sich verliebt, denn: Es ist immer herzklopfend aufregend – und wunderschön!

Website von Becky Albertalli

“Nur drei Worte” von Becky Albertalli im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

 

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Eva

Wer meine Texte gelesen hat, weiß, dass ich nach München pendle, keine Horrorfilme und kein Fleisch mag und kurz vor dem Mauerfall geboren wurde. Etwas, dass ich folglich nicht gut kann: mich zurückhalten! 🙂 Wirklich gut hingegen kann ich organisieren und mit Leuten. Abseits von der Arbeit und meinem Lesesofa (egal welches Genre, immer her mit Comics und Graphic novels!), trifft man mich am ehesten noch beim Skaten, auf Konzerten oder im Kino: nach Lesen meine zweitgrößte Leidenschaft.

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