100 Jahre später

“Der gute Deutsche” von Christian Bommarius

Ein weiteres Mal begreift man es als Problem der Anderen: Während der postcolonial turn längst auch in den deutschen Geisteswissenschaften erfolgt ist, schweigt man sich dennoch beharrlich aus über die deutsche Kolonialgeschichte. Kaum ein Uniseminar, das auch die afrodeutsche Kultur in den Blick nähme, und als sich im August 2014 der Justizmord an Rudolf Manga Bell, der nichts anderes als Gerechtigkeit forderte, zum 100. Mal jährte, war das den hiesigen Zeitungen nicht einmal eine kurze Notiz wert. Das könnte, sollte, muss sich nun ändern: Dem Journalisten Christian Bommarius ist es zu verdanken, dass im Frühjahr 2015 wenigstens die Leserinnen und Leser von Literaturkritiken den Namen Manga Bell erstmals zu hören bekommen. Denn Bommarius hat die Geschichte der Ermordung fein säuberlich aufgearbeitet, von der Inbesitznahme der Küste Kameruns durch die Deutschen („Schutzherrschaft“) am 14. Juli 1884 bis zu deren Rückzug im Jahr 1916. Dazwischen liegt die Karriere des Manga Bell, der 1873 in der Region Duala geboren wird, nach dem Besuch der deutschen Grundschule sieben Jahre in Deutschland lebt, 1897 nach Kamerun zurückkehrt und sich als König der Duala schließlich so aufrichtig wie intelligent und vor allem im Vertrauen auf die Prinzipien deutscher Rechtsstaatlichkeit – eben das meint der Buchtitel „Der gute Deutsche“ – für die Einhaltung von Verträgen und damit für die Rechte seines Volkes einsetzt, dass er den Kolonialherren ernsthaft gefährlich wird. In einem Prozess, der diesen Namen nicht verdient, wird Manga Bell im August 1914 zum Tode verurteilt und gehängt. „Zur Abschreckung der Duala lässt die deutsche Kolonialregierung den Leichnam Manga Bells drei Tage öffentlich am Galgen hängen“, schreibt Bommarius. Es ist nicht die erste und nicht die letzte Tat der Deutschen, die sich in ihrer Brutalität zu gefallen scheint. Der „Neger“ gilt den Europäern nicht als Mensch, und folglich muss man ihn auch nicht wie einen solchen behandeln.

bommarius_mangabellSelbstredend hegt Christian Bommarius, seines Zeichens nicht nur Germanist, sondern auch Jurist, kein geringes Interesse an den juristischen Hintergründen, an den Inhalten der Verträge zwischen den Deutschen und den Duala, an den Debatten und Entscheidungen des deutschen Reichstags, der sich den wiederholten Eingaben Manga Bells irgendwann nicht mehr verweigern konnte. Gleichsam nebenbei erzählt der Autor allerdings eine – neben dem Völkermord an den Herero – kaum aufgearbeitete, viel zu selten überhaupt thematisierte Episode deutscher Kolonialgeschichte. Bommarius knüpft Netze zwischen den handelnden Figuren, auch geraten spannende Randfiguren in den Blick, Biografien verstricken sich auf schicksalhafte Weise ineinander. Schon in der Einleitung skizziert er die die doppelte Moral der Kolonialherren – die man eigentlich gar nicht als Moral bezeichnen wollte – in all ihrer Pracht: Nach dem Vertragsschluss der Duala mit den Deutschen, schreibt Bommarius, „begannen – wie in allen Kolonien aller Kolonialreiche – die Eroberungen, die Feldzüge ins Landesinnere, die Unterwerfung der Bevölkerung, kurz, all das, was die Zeitgenossen als Zivilisierung bezeichneten.“ Auch die Mission des Kolonialismus – den Sklavenhandel zu unterbinden – verkehrt sich in der Praxis in ihr Gegenteil: „Sklavenhandel ist verboten, Sklaverei die koloniale Praxis.“

Auch wenn Deutschland es nie zu einer führenden Kolonialmacht gebracht hat, war das, was geschehen ist, schrecklich genug, als dass man sich aus der Verantwortung dafür stehlen könnte. Schließlich zeitigen die Ereignisse Folgen bis heute, und wenigstens die Nachkommen Manga Bells hätten eine posthume Rehabilitierung ihres Vorfahren verdient. Christian Bommarius´ Buch, zu dem Manga Bells in Bayern lebender Großneffe Jean-Pierre Félix-Eyoum den Anstoß gab, ist nur der Anfang – allerdings ein überaus gelungener: lesenswert politisch, inspirierend klug und vor allem endlich einmal gerecht.

“Der gute Deutsche” von Christian Bommarius im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek

Christian Bommarius: Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914. Berenberg Verlag, Berlin 2015. 152 Seiten, 20 Euro

The following two tabs change content below.

Katrin

Als Kind wollte ich Bibliothekarin oder Journalistin werden - nach dem Literatur-Studium entschied ich mich zunächst für Letzteres. Um dann doch wieder in einer Bibliothek zu landen: Seit 2015 bin ich in der Münchner Stadtbibliothek verantwortlich für die digitale Kommunikation (und damit auch für dieses Blog hier). Mein großes literarisches Interesse gilt (zumindest aktuell) der postkolonialen Literatur, vor allem vom afrikanischen Kontinent.

Leave a Reply

Post Navigation

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Close